Sozialzentren der Stadt Wien werden umorganisiert um Wartezeiten zu verkürzen - Sozialarbeiter kritisieren: Zugang zu Beratung nicht mehr "offen"
In Sozialarbeiterkreisen geht das Gerücht schon länger um, nun hat eine Sprecherin der Wiener Sozialstadträtin Sonja Wehsely gegenüber derStandard.at bestätigt: Die Sozialzentren der Stadt Wien werden ab September umgestaltet. Die Sozialzentren sind jene Einrichtungen, wo Bedürftige Sozialhilfe beantragen können. Das bisherige Prozedere sah so aus, dass die Betroffenen einen Beratungstermin zugewiesen bekommen haben, um unter anderem über Unterstützungsmöglichkeiten aufgeklärt zu werden. Aufgrund des massiven Anstiegs der Sozialhilfeempfänger in den letzten Jahren (siehe Artikel) ist es aber zu immer längeren Wartezeiten gekommen.
Nun soll es in den Sozialzentren sogenannte Servicezonen geben, wo die Betroffenen bei Verwaltungsbediensteten die Formulare abgeben können. Nur wenn sie ein persönliches Beratungsgespräch mit einem Sozialarbeiter brauchen, wird ein solches auch durchgeführt. "Die Menschen werden nicht allein gelassen", sagt Daniela Fazekas aus dem Büro der Sozialstadträtin, aber man wolle den Prozess der Sozialhilfe-Beantragung "optimieren", denn die Wartezeiten sollen kürzer werden. Die "Projektphase" werde von September bis Dezember dauern. Im September starten sechs der zehn Zentren, die weiteren folgen im Laufe des Oktobers bzw. Novembers.
Zu viel Verwaltungstätigkeit
Zu wenig weit geht diese Reform den Sozialarbeitern, die in den insgesamt zehn Sozialzentren der Stadt Wien beschäftigt sind. Zwar sei die Umgestaltung ein "Schritt in die richtige Richtung", wie Personalvertreter und Gewerkschafter Alexander Weber im Gespräch mit derStandard.at erklärt, befürchtet wird aber, dass es nach wie vor eine Überlastung des Sozialarbeiter-Personals gibt, und, dass die Trennung zwischen tatsächlicher Sozialarbeit und Verwaltungstätigkeit zu undurchsichtig ist.
In jedem Sozialzentrum sind zwischen drei und sechs Personen beschäftigt, benötigt würden aber mindestens sechs Sozialarbeiter pro Zentrum, so Weber. Von Vornherein sei zu den Öffnungszeiten nur ein Ein-Personen-Journaldienst vorgesehen, gefordert wird aus Sicht der Sozialarbeiter aber ein Zwei-Personen-Journaldienst, um die Beratungsgespräche entsprechend durchführen zu können.
Zugang nicht mehr "offen"
Und auch mit der methodischen Herangehensweise haben die Sozialarbeiter ein Problem. Weber vergleicht die bisherige Arbeit der Sozialarbeiter in den Zentren mit der eines Hausarztes: Man bekomme durch das Gespräch jeden Klienten zu Gesicht, könne also auch jene beraten, die vielleicht gar nicht wissen, dass sie Beratung brauchen. "Bisher war der Zugang komplett offen." Jetzt würden nur jene Beratungsgespräche erhalten, die danach verlangen bzw. denen von den Verwaltungsbediensteten explizit dazu geraten wird.
Aber Weber sieht auch Verbesserungen, nämlich darin, dass es zu jedem Antrag nun auch einen schriftlichen Bescheid geben soll, was bisher nicht der Fall war. Gleichzeitig fürchtet er dadurch mehr Verwaltungsaufwand, der auch von den Sozialarbeitern zu bewältigen sein wird, nämlich dann, wenn kein Rechtsanspruch für die Sozialhilfe besteht.
Grüne fordern mehr Sozialarbeiter
Dass das Beratungsgespräch künftig nur noch eine Ausnahme darstellen soll, kritisiert auch Grünen-Stadtrat David Ellensohn. Die Gespräche seien unverzichtbar, um Strategien zu entwickeln, wie die Betroffenen wieder "aus ihrer Lage herauskommen" können. Dass die Stadt Wien etwas tut, um Verbesserung zu schaffen, findet er zwar gut, aber ohne zusätzliche Sozialarbeiter werde es nicht gehen. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 21.7.2009)