"Der Regenwald ist die Klimamaschine der Welt"

22. Juli 2009, 09:11
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Wie der Regenwald trotz Bio­treib­stoff­produktion überleben kann und was die Abholzung für das Klima bedeutet - WWF-Expertin Glanzl

derStandard.at: Die starke Nachfrage nach Biotreibstoffen ist bereits zu zwei Dritteln für die Abholzung des brasilianischen Regenwalds verantwortlich. Der WWF Brasilien hat jetzt eine Studie über den "Einfluss des globalen Biotreibstoff-Marktes auf die Ausweitung der brasilianischen Landwirtschaft und ihre Konsequenzen für den Klimawandel" erstellt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Martina Glanzl: Das Ergebnis dieser Studie ist sehr positiv und auch sehr einfach: Es gibt in Brasilien bereits jetzt ausreichend entwaldete Flächen. Um der wachsenden Biotreibstoff-Produktion gerecht zu werden, müsste man lediglich degradierte Landwirtschaftsflächen, die abgeweidet, also nicht mehr produktiv genug sind, aufarbeiten. Von den zwei Millionen Quadratkilometern Weideland in Brasilien sind 30 Prozent in schlechtem Zustand. Dieser Teil könnte für die Gewinnung von 600.000 Quadratkilometern an neuen Agrarflächen herangezogen werden. Die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche Brasiliens beträgt derzeit rund 700.000 Quadratkilometer, es wäre also fast eine Verdoppelung möglich, ohne weitere Regenwaldgebiete zu zerstören.

derStandard.at: Was müsste die Politik unternehmen, damit das realisiert werden kann?

Glanzl: Es müsste definitiv Förderungen für die Aufwertung dieser Flächen geben, weil es derzeit noch für einen Landbesitzer viel einfacher und billiger ist, neuen Regenwald zu roden, als bereits degradierte Flächen wieder aufzuwerten.

derStandard.at: Viele dieser Pflanzen werden exportiert. Welche Rolle spielt Europa bzw. der europäische Markt als Abnehmer?

Glanzl: Europa spielt eine sehr große Rolle, weil es ein Hauptabnehmer für Biotreibstoff-Pflanzen ist - auch wegen der EU-Richtlinie zur verpflichtenden Beimischung von Biotreibstoffen.

derStandard.at: Um welche Getreidesorten handelt es sich dabei?

Glanzl: In Brasilien werden dazu vor allem Mais, Soja und Weizen angebaut.

derStandard.at: Welche Folgen für den Klimawandel drohen, wenn alles so weiterläuft wie bisher?

Glanzl: Der Regenwald ist die Klimamaschine der Welt. Es gibt leider einen sehr bösen Rückkopplungseffekt: Wenn man Regenwald abholzt, wird im Regenwald gespeichertes CO2 wieder freigesetzt, und deshalb ist die Abholzung der Regenwälder bereits für einen großen Teil der Klimaveränderung verantwortlich. Gleichzeitig ist es so, dass die Klimaerwärmung dem Regenwald schadet. Er trocknet aus, wird anfälliger für Feuer, und dadurch immer weiter zerstört. Es setzt sich also eine Spirale in Gang, die sich immer schneller und schneller dreht.

derStandard.at: Wie kann man denn Brasilien überhaupt dazu bringen, seinen Regenwald zu schützen?

Glanzl: Die brasilianische Regierung hat Gottseidank sehr wohl Interesse daran, den Regenwald zu schützen und zu retten - allein schon deswegen, weil Brasilien einer der größten CO2-Produzenten der Welt ist. Andererseits wäre es auch durchaus sinnvoll, von Europa aus spezielle Anreize zu bieten. Damit etwa die Pflanzen, die nach Europa exportiert werden, nicht aus Regenwald-Anbaugebieten kommen.

derStandard.at: Die Studie wurde vom WWF Brasilien erstellt. Welche Chancen gibt es, dass sie bis zu den höchsten Stellen in Brasilien durchdringt? Anders gefragt: Welchen Einfluss bzw. welchen Stellenwert hat der WWF in Brasilien?

Glanzl: Wir sind da sehr optimistisch. Die Studie hat in Brasilien hohe Wellen geschlagen und war sehr stark in den Medien vertreten. Wir hoffen also, dass der Impact so groß ist, dass die Regierung wirklich etwas tut. Der WWF Brasilien hat einen sehr guten Ruf, arbeitet eng mit der Regierung zusammen - auch im Rahmen des großen Amazonas-Schutzprogramms der Regierung, ARPA (Amazon Region Protected Areas), wo der WWF eines der Gründungsmitglieder ist bzw. überhaupt erst den Anstoß bildete, um das in die Wege zu bekommen. Dessen großes Ziel ist es, eine Art Schutzwall im Süden des intakten Amazonas-Regenwaldes zu bilden, damit die Landwirtschaft aus südlicher Richtung nicht zu weit hinaufdrängen kann. Und wir hoffen, dass die Regierung auch in weiterer Folge mit dem WWF zusammenarbeitet.

derStandard.at: Viele Experten sehen als größtes Problem bei den Biotreibstoffen, dass dadurch die Anbauflächen für die Nahrungsmittelproduktion fehlen. Der WWF sieht darin offenbar kein allzu großes Problem?

Glanzl: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Sobald der Anbau von Biotreibstoffen besser bezahlt wird als von Lebensmitteln, können große Verschiebungen auf dem Markt passieren, die tatsächlich zu einer Verknappung von Lebensmitteln führen können. Hier muss sicher lenkend vom Staat eingegriffen werden, um das zu verhindern.

derStandard.at: Müsste man das nicht eher global regeln?

Glanzl: Ein Eingreifen bzw. eine Lenkung ist sicher auch von Seiten der Abnehmerstaaten nötig. Einerseits sind Biotreibstoffe eine große Chance, andererseits sind sie auch nicht die Lösung aller Probleme. Man muss als Abnehmerstaat auch ein gewisses Maß an Verantwortung dafür zeigen, was in den Anbauländern passiert.
Die neuen Erkenntnisse dieser Studie eröffnen aber die Möglichkeit, dass alle Bedürfnisse gestillt werden können und der Regenwald trotzdem nicht das Nachsehen hat. (Martin Putschögl, derStandard.at, 21.7.2009)

  • Martina Glanzl: "Sobald der Anbau von Biotreibstoffen besser bezahlt wird als von
Lebensmitteln, können große Verschiebungen auf dem Markt passieren, die
tatsächlich zu einer Verknappung von Lebensmitteln führen können."
    foto: wwf

    Martina Glanzl: "Sobald der Anbau von Biotreibstoffen besser bezahlt wird als von Lebensmitteln, können große Verschiebungen auf dem Markt passieren, die tatsächlich zu einer Verknappung von Lebensmitteln führen können."

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