Für Geld tun die meisten Menschen fast alles, ohne Geld fast nichts - Von Paul Kellermann
Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten, wie sich in der aktuellen Krise Wirtschaftspolitik verhalten kann:
- Auf Gott oder den Markt oder sonst etwas vertrauen und warten, bis sich alles "von allein regelt", was sehr lange dauern kann und viel Not mit sich bringt;
- Geld unspezifisch zur Verfügung stellen, um Geldmangel zu beheben, was zu spekulativer Geldverwendung führen kann, da das Geld nicht direkt sinnvoller Realwirtschaft zufließt; oder
- für Kredite an solide Unternehmen sorgen, um das Erarbeiten brauchbarer Güter und Dienste zu fördern.
Nur die dritte Möglichkeit führt ohne Um- und Irrwege zu wirtschaftlichem Erfolg. Dazu bedarf es aber des Verständnisses von Geld als Mittel der Organisation von Arbeitsprozessen.
Es ist eine soziale Tatsache, dass nahezu alle Menschen an Geld glauben. Selbst wenn es darum geht, für sich etwas zu tun, meinen sie häufig, ohne Geld nichts tun zu können, weil "Geld die Welt regiert".
Doch tatsächlich tut Geld gar nichts, weder regieren noch sonst etwas. Man kann einen Haufen Geld auf einen Tisch legen und stundenlang beobachten - das Geld rührt sich nicht. Was aber passieren kann: Es kommt jemand daher und versucht, sich das Geld anzueignen. Warum tut das dieser Jemand? Weil er glaubt, das Geld eröffne ihm alle Möglichkeiten. Aber das Geld öffnet auch nichts, es ist bestenfalls Materie, häufig bloß noch ein Zeichen auf dem PC. Aber der Jemand glaubt und handelt seinem Glauben entsprechend wie die meisten gläubigen Erdbewohner. "Der Glaube versetzt Berge..."
Der Tauschwert ist vom Gebrauchswert abhängig
Wer will, dass gehandelt wird - Leute aus Politik, Wirtschaft, Kultur -, muss die sozialen Tatsachen (also auch den Geldglauben) berücksichtigen. Die Aussicht, bezahlt zu werden, lässt Menschen der Geldgesellschaften handeln. Im Denken an Geld bemerken sie nicht, dass doch erst durch die Ergebnisse ihrer Arbeit Geld einen Wert erhält. Wenn nichts erarbeitet wird und als Ware angeboten wird, taugt Geld zu nichts. Je weniger brauchbare Leistungen entstehen, desto weniger kann gegen Geld eingetauscht werden - der Tauschwert ist, was die alltäglichen Bedürfnisse angeht, von einem entsprechenden Nutzen abhängig, also vom Gebrauchswert.
Derzeit scheint die Entsprechung von Tauschwert und Gebrauchswert unausgeglichen zu sein: Die Europäische Zentralbank stellt den Geschäftsbanken zu sehr niedrigen Zinsen viel Geld zur Verfügung. Aber anstatt dieses Geld an Gebrauchswerte schaffende Unternehmen weiterzugeben, ziehen die Privatbanken es anscheinend vor, das erhaltene Geld in weitere Geldgeschäfte zu stecken. So entstehen gleichsam Potemkinsche Dörfer, also Fassaden oder Kulissen ohne Hinterbau.
Schlimmer noch - diese potenziellen Geldwerte (noch sind sie ja nicht durch entstandene Produkte gedeckt) werden als Grundlage für weitere abgeleitete Finanzprodukte (Derivate), also zu nun bloß noch virtuellem Geld verwendet. Das Ergebnis ist, dass die Kluft zwischen nominellem Geldvermögen und realer Wirtschaftsleistung entsprechend größer wird.
Eine neue Blase entsteht
Diese Kluft oder "Blase" war die wesentliche Ursache für die noch bestehende Krise und offenbar entsteht schon wieder eine neue. Die in dieser Situation aus betrieblicher Sicht erforderlichen Streichungen von Arbeitsplätzen und die Unterauslastung von Unternehmen verschärfen die Krise, weil die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge politisch nicht wahrgenommen werden.
Ist es die Absicht der Regierungen und Zentralbanken, die aktuelle Krise zu bewältigen, genügt es nicht, Geld zur Verfügung zu stellen. Wollen sie wirtschaftlichen Erfolg, darf Geld nicht unkontrolliert in Finanzprodukte - also in die virtuelle Geldwelt - fließen, sondern in "nachhaltige" Realwirtschaft. Und die braucht Arbeitskräfte, Investitionsgüter, Forschungs- und Entwicklungsleistungen sowie produzierende Betriebe, um Mittel gegen zu hohen Energieverbrauch, Umweltverschmutzung, Armut, Krankheiten, Folgen des demografischen Wandels, Unterentwicklung etc. verfügbar zu machen.
Würden sich die Regierungs- und Finanzpolitiker persönlich vom Geldglauben befreien, könnten sie den allgemeinen Geldglauben nutzen: Für Geld tun die meisten Menschen fast alles, ohne Geld fast nichts. Das ist verständlich, weil alle auf Grund der extremen Arbeitsteilung auf die Leistungen aller anderen angewiesen sind - sie müssen kaufen, was sie brauchen und nicht selbst erzeugen können. Aber nur mit Geld, dem Gebrauchswerte entsprechen, kann eine prosperierende Volkswirtschaft erreicht werden.
Es geht um die Überwindung des Glaubens, Geld regiere, arbeite oder tue sonst irgendetwas. In Wahrheit können ja nur wir Menschen auf Grund unseres Könnens und Wissens, unserer Vorstellungen, Überzeugungen oder Orientierungen handeln. Die Bilder, die wir von Geld im Kopf haben, sind dabei von entscheidender Bedeutung.
Zur Person
Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor und
Mitglied des Forschungsbeirats an der Alpen-Adria-Universität
Klagenfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wirtschafts-, Bildungs- und
Geldsoziologie. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdisziplinärer
Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und
Gesellschaft".