Verloren in der weiten Welt

20. Juli 2009, 16:55
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Seit über sechs Wochen sind wir nun schon unterwegs. Die Zeit fliegt an uns vorüber, die Welt auch

Wenn wir nicht gerade "wildcampen", dann "couchsurfen" wir (www.couchsurfing.org) - ein hervorragender Weg, unter Menschen zu kommen. So wie wir, treiben viele von ihnen heimatlos dahin, haben sich verloren, in der großen weiten Welt. Sie zogen einst aus und kehrten nie mehr zurück - ein Schicksal, das auch uns widerfahren könnte.

Drei Tage verbrachten wir zum Beispiel bei einer 52-jährigen Französin, die in Albanien gestrandet ist. Seit über zehn Jahren schon plagt sie sich ab mit Hilfsprojekten für Kinder im Kosovo - mit geringsten Mitteln, gegen verkrustete Strukturen und schwierige Menschen. An ihrem Äußeren und an ihrem Gang erkennt man schnell, dass sie für ihre Ziele selbst ihre eigene Gesundheit geopfert hat. Doch nach Frankreich zurückkehren käme unmöglich in Frage. Sie wird weitermachen so lange sie noch irgendwie kann.

Wenig später kamen wir bei DJane aus Litauen unter, die erst seit ein paar Monaten in Albanien wohnt. In den letzten Jahren, so berichtet sie uns, lebte sie nie länger als zehn Monate am selben Ort, meist war es deutlich kürzer. Ihre Freizeit verbringt sie gern vor dem Laptop, über den sie Kontakt zu ihrer Heimat hält. Die meisten ihrer Freunde stammen allerdings nicht aus Litauen, sondern von sonst wo, aus der weiten Welt eben. Sie machen kurz Halt bei ihr, hören ihre Geschichte, erzählen die eigene und verabschieden sich nach zwei bis drei Tagen wieder.

So wie wir auch. Bei derselben Gastgeberin trafen wir ein Paar - sie aus Italien, er aus England - das vier Jahre lang in Japan gelebt hatte. Sie beide sprechen immer noch sehr beschränkt Japanisch und waren in ihrer Gastkultur nie zu Hause. Fremd zu sein gefiel ihnen, zumindest für diese Zeit. Dann wurde es ihnen zu viel und sie brachen auf in Richtung Europa. Ein paar Monate schon sind sie unterwegs, in wenigen Wochen werden sie wieder sesshaft, so versichern sie uns. Nur dass sie immer noch nicht wissen, wo das sein soll. Die Liste ließe sich fortsetzen. Der Inder, der schon seit fünf Jahren unterwegs ist (auch mit dem Fahrrad!), um seine Kultur in sämtlichen Ländern der Erde bekannt zu machen; der Bulgare, der einen Motor auf sein Fahrrad geschraubt hat und durch die Welt reist, mit kaum einem Brocken Englisch im Gepäck; der US-Amerikaner, der genug von seinem Job bei einer Supermarktkette hatte und sich blindlings beim Peace Corps anmeldete, um irgendwo in Albanien zu landen.

Als Reisender trifft man auf Reisende, ständig, und viele wirken auf ihre eigene Art verloren in der weiten Welt. So fühlen wir uns auch manchmal. All die Erlebnisse, all die Menschen - ein Überfluss an Eindrücken. Doch sie bleiben flüchtig. Obwohl wir uns Mühe geben langsam zu sein (nicht umsonst wählten wir das Fahrrad), zieht die Welt an uns vorüber. In Griechenland fanden wir ein neues Teilzeitzuhause. Bei Sofia. Sie lädt uns ein, mit ihr auf eine griechische Hochzeit zu gehen und dann auf eine Insel zu fahren. Wir nehmen an. Eine ganze Woche nicht Radfahren, die Pause gönnen wir uns, regenerieren unsere Muskeln und haben endlich mal mehr als zwei Tage Zeit, um Menschen und Kulturen kennen zu lernen. Doch dann geht es weiter, unaufhaltsam. Und wir verlieren uns abermals in der großen weiten Welt. (Uwe Sattelkow)

 

  • DJane lebt erst seit kurzem in Albanien. Mit ihren Freunden ist sie über das Internet in Kontakt.
    foto: sattelkow

    DJane lebt erst seit kurzem in Albanien. Mit ihren Freunden ist sie über das Internet in Kontakt.

  • Kennenlernen, Geschichten hören, Geschichten erzählen und wieder weiterreise.
    foto: sattelkow

    Kennenlernen, Geschichten hören, Geschichten erzählen und wieder weiterreise.

  • Dabei kann man sich schon gelegentlich etwas verloren fühlen.
    foto: sattelkow

    Dabei kann man sich schon gelegentlich etwas verloren fühlen.

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