Supersportler im Alltagsbetrieb

20. Juli 2009, 16:55
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Die Yamaha R6 hat sich im Vergleich zum Vorjahr nur in der Farbe geändert. Nicht so der Test

Von den adrenalingetränkten Rennstrecken-Recken, die nur die potentielle Ringzeit am Pann interessiert, die in Wirklichkeit eh noch keiner daritten hat, darf ich mich an dieser Stelle schon einmal verabschieden. Die technischen Daten der Yamaha R6 fürs Wortgefecht in der Boxengasse können Sie getrost vom letzten Jahr übernehmen - da hat sich nix getan.

Und wenn Sie sich für einen ernstzunehmenden Racer halten, haben Sie auf Ihrer Reiben inzwischen vermutlich nicht nur die Verkleidungsteile getauscht - ohne jetzt darüber diskutieren zu wollen, wie sinnvoll das ist. Wurschtegal - Sie werden in den folgenden Zeilen nix finden, was sie viere haut. Nachdem die R6 zum Vorjahresmodell technisch unverändert ist, hab ich die Chance genutzt und mir die Alltagstauglichkeit der kleinen Supersportlerin angeschaut. Wie macht sie sich am Weg ins Büro, bei der Sonntagstour, wie auf der Autobahn: Simma uns ehrlich, 129 PS sind ausreichend für Kurzstrecken, wie Semmelholen oder ins Büro fahren. Und zu viel Leistung gibt es bei einem Motorrad nicht. Ich zumindest kenne niemanden, der je sagte: „Hm, schaut geil aus, ist günstig, genau meins, nur zu viel Leistung halt..." Das einzige Problem, das man auf Strecken innerhalb des Ortsgebietes monieren könnte, ist, dass die knapp 130 Pferde erst bei 14.500 Touren aus dem Stall kommen.

Aber bevor Sie jetzt sagen, dass das viel zu spät ist, sag ich Ihnen: „Seien S‘ froh!" Innerorts kommt einem die Tatsache, dass die 600er von unten heraus eher mau gehen, sehr zu gute. Warat die R6 unten heraus so giftig wie bei 13.000 Touren, tat sie sich eh bei der Ampel aufs Kreuz legen, wie mich meine Frau, wenn wir um Geld pokern.

Beim Kauf der R6 sparen S‘ auch gleich einmal ein paar Hunderter, weil Sie auf den Tausch-Auspuff getrost verzichten können. Ich hab keine Ahnung, wie die Yamaha-Techniker das Röhrl genehmigt bekommen haben, aber es hat sich ausgezahlt. Ein mördergeiler Sound, rauh, rotzig, röhrend bei niedrigen Drehzahlen, oben raus schreit die Yamaha wie tausende Italienerinnen, wenn Eros Ramazotti auf der Bühne draufkommt, dass er in der Früh beim Andirndln auf die Unterflatz vergessen hat. Das hat schon was!

Dazu muss man allerdings bei über 10.000 Touren das Gas voll aufreißen und alle Rösser antreten lassen - das geht in der Stadt nicht. Auf der Autobahn geht das aber sehr wohl. Und nicht nur das, binnen weniger Kilometer ist man süchtig nach dem Gebrüll. Man hofft regelrecht, dass vor einem irgendein Idiot raus fährt, so dass man bremsen muss, nur damit man wieder einen Grund hat, drei Gänge runter zu hakeln und voll aufzudrehen.

Dann zieht man sich mit schlechtem Gewissen auf die erste Spur zurückzieht, weil man sich wieder nicht beherrschen konnte. Gegen tausende Italienerinnen ist man wehrlos - bis die Exekutive kommt.

Vor dem Mann mit dem Hut kraxelt man dann relativ locker von der R6. Die Sitzposition ist sehr sportlich - beim letzten Update hat man das Sitzpolsterl noch ein paar Millimeter an die Lenkstange angenähert.

Auf der Autobahn macht man sich aber eh klein, stützt sich hinten am Soziusplatz ab und duckt sich hinter der Windschutzscheibe. Schon eine sehr noble Art des Kilometerfressens. Klar, eine Sänfte ist die R6 nicht, das ist ein Sportwagen aber auch nicht - die Sitze sind straff und alles ist, wo es hingehört - wie bei der R6.

Auf der Landstraße haben S‘ es mit der 600er natürlich leichter, als mit jeder 1000er. Auf der Geraden lassen S‘ die Italienerinnen schreien und schauen, dass S‘ dran bleiben - und in den Kurven gibt es sowieso keine Gnade. Beim harten Runterschalten reißt Sie eh die Anti-Hopping-Kupplung raus.

Keine Gnade gibt es allerdings auch am Soziusplatzerl. Das ist, wenn wir ehrlich sind, einer Dame unwürdig wie ein paar dreckige Gummistiefel an einem sonnigen Julitag. Großes Gepäck würd ich mit der R6 auch nicht transportieren - die Gepäckrolle am Soziusplatz verlagert den Schwerpunkt schon ungut nach oben und hinten.

Wer seinen Hausrat mitnehmen will, soll sich einen hochgestelzten Tourenkoffer kaufen, aber wer gerne flott und übermotorisiert auf der Straße fährt und den einen oder anderen Abstecher auf die Rennstrecke plant, wird mit der R6 eine Freud haben, dass die Hälfte reicht! (Guido Gluschitsch, Foto: Wolf-Dieter Grabner)


Hubraum: 599ccm
Leistung: 129 PS @ 14.500
Drehmoment: 65,8 Nm @ 11.000
Federung vorne: 41 mm USD-Gabel mit 115 mm Federweg
Federung hinten: Zentralfederbein mit 120 mm Federweg
Bremsen vorne: 310 mm Doppelscheibe
Bremsen hinten: 210 mm Scheibe
Servicegewicht: 185 kg
Sitzhöhe: 850 mm
Preis: 13.999 Euro (12.999 Euro für 08er-Modell)

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