"Antworten auf Fragen, die keiner stellt"

20. Juli 2009, 10:50
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Internationale Pädagogische Werktagung in Salzburg: Mehr Individualisierung, Projektarbeit, Wahlmöglichkeiten im Unterricht gefordert

Salzburg – "In der Schule gibt es Antworten auf Fragen, die keiner stellt. Und das nennt man dann Unterricht." – Was an Österreichs Schulen am meisten fehle, sei eine "Kultur des Fragezeichens", sagte der Ratsvorsitzende der Pädagogischen Hochschule Burgenland, Karl Klement, am Mittwoch bei der Internationalen Pädagogischen Werktagung in Salzburg: "Es gibt nichts Individuelleres als die persönlich bedeutsame Frage." Nur damit ließen sich Menschen zum Lernen motivieren.

"Individualisierung" im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt müsse im Schulunterricht der Zukunft der Begriff "Individualisierung" stehen, forderte Klement. Das heiße keineswegs, dass Lehrer den Unterricht für jeden einzelnen Schüler speziell vorbereiten müssten. Vielmehr gehe es darum, den Schülern Freiraum für das Lernen als "Prozess der aktiven Selbstaneignung" zu geben: "Zu glauben, wenn gut gelehrt wird, wird auch gut gelernt, ist eine naive Vorstellung."

60 Prozent nur "Beobachter"

Untersuchungen zufolge befänden sich im konventionellen Unterricht bis zu 60 Prozent der Schüler in einer reinen "Beobachterrolle", berichtete Klement: "Da bleibt höchstens das Krawattenmuster des Vortragenden in Erinnerung." Manche Schüler seien selbst in der Maturaklasse noch nicht fähig, ihr Lernen selbst zu steuern. Dabei sollten in der Abschlussklasse "die Lehrer eigentlich nur mehr Gastgeber ihres Fachs sein. Das heißt: Sie müssen natürlich das Menü zusammenstellen, bis zur Serviette alles bereitstellen – aber essen müssen die Gäste bitte selber."

Es sei "empirisch eindeutig gesichert", dass der Lernerfolg umso größer sei, je mehr Kontrolle der Lerner über seinen Lernprozess habe, so Klement. Als Beispiel nannte er den Unterricht einer Englischlehrerin in der vierten Klasse Gymnasium, die ihre Schüler das Thema "Londoner Sehenswürdigkeiten" selbst erarbeiten und präsentieren lasse – indem sie auf einem Büchertisch nach Material suchen und in Gruppenarbeit ihre Lieblingssehenswürdigkeit vorstellen.

Nicht nur lernen, was im Buch steht

"Die Lehrerin selber war da in diesen vier Stunden vielleicht eine Viertelstunde tätig. Den Rest der Zeit konnten die Schüler ungestört lernen", berichtete Klement. Auf Unvorhergesehenes müsse man vorbereitet sein: "Wenn man den Schülern Freiräume gibt, die sie auch nützen können, kommen Themenstellungen zu Stande, an die man sonst gar nicht gedacht hätte." Dem Lehrplan sei trotzdem genüge getan – denn der verlange nicht, dass genau das gelernt wird, was im Buch steht.

"Grundmotivation" durch Auswahl

Ein solcher Unterricht führe durch Wahlmöglichkeiten für die Schüler zu einer gewissen "Grundmotivation". Klement zog einen Vergleich mit einem Gasthaus: Wenn dort auf die Frage nach der Speisekarte die Antwort "Heut gibt’s Gulasch" komme, werde das Mahl den meisten Leuten nicht besonders schmecken. Gemeinsam bedeutsame Inhalte könnten für mehr Motivation sorgen – Studien hätten ergeben, dass Schüler bei selbst gewählten Themenstellungen um bis zu 70 Prozent intensiver arbeiteten.

"Intelligente Fragen" stellen

Damit ein solcher projektorientierter Unterricht gelingen könne, sei es aber wichtig, den Schülern durch "intelligente Fragen" ihre Selbstverantwortung bewusst zu machen: "Wie teilt ihr die Arbeit auf?", "Was macht ihr als nächstes?", "Was habt ihr schon erledigt?", "Wie seid ihr damit zufrieden?", "Wo könntet ihr noch nachschauen?" – das seien solche intelligente Fragen, sagte Klement. "Wie geht es euch?", "Kommt ihr voran?" oder "Gibt es irgendwelche Fragen?" dagegen nicht.

Schwänzen "nicht von heute auf morgen"

Der Frage nach Vorbeugungsmaßnahmen für Schulverweigerung ging die langjährige Berliner Sonderschullehrerin und Schulpsychologin Christiane Nevermann nach: "Kein körperlich gesunder Schüler bleibt von heute auf morgen der Schule fern", dem gehe ein oft monatelanger Prozess voraus.

Psychische Hintergründe seien oft die Überzeugung, selbst nichts an mangelnden schulischen Erfolgen ändern zu können, Hilf- und Hoffnungslosigkeit und ein Mangel an persönlichen Beziehungen. Zunächst äußere sich das oft in "passiver Verweigerung" – wenn also Schüler nur körperlich in der Klasse anwesend sind, aber jede Mitarbeit verweigern.

Vertrauen schaffen

Patentrezepte gegen dieses Phänomen konnte Nevermann keine nennen, wichtig sei es aber, ein Klima des Vertrauens zwischen Lehrern und Schülern zu schaffen: Versprechen müssten eingehalten, die Schüler ernst genommen, Fehler zugegeben und Noten gerecht verteilt werden. Auch sonst sei ein "emotional positives Klima" in der Schule zentral – auch durch Humor: "Gelacht wird da nämlich kaum, wenn Sie durch die Gänge gehen".

Dies führe zu einer höheren Arbeitszufriedenheit, mehr Motivation und einem besseren Sicherheitsgefühl auf beiden Seiten und könne auch vorbeugend gegen Lehrer-Burnout wirken – mittlerweile gingen in Deutschland ein Drittel aller Lehrer aus gesundheitlichen Gründen in Frühpension, berichtete Nevermann.

Fortbildung für 700 Pädagogen

Die Internationale Pädagogische Werktagung findet diesen Sommer bereits zum 58. Mal in Salzburg statt. Sie gehört zu den wichtigsten Fortbildungsveranstaltungen für Pädagogen im deutschsprachigen Raum. Etwa 700 Kindergartenpädagogen, Lehrer und Sozialwissenschaftler nahmen an den Vorträgen und Workshops teil. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 20.07.2009)

  • Karl Klement fordert mehr Eigenverantwortung für Schüler: Ansonsten "bleibt höchstens das Krawattenmuster des Vortragenden in Erinnerung".
    foto: katholisches bildungswerk

    Karl Klement fordert mehr Eigenverantwortung für Schüler: Ansonsten "bleibt höchstens das Krawattenmuster des Vortragenden in Erinnerung".

  • Für die langjährige Schulpsychologin Christiane Nevermann sind Vertrauen und Humor wichtige Ressourcen, um Schulverweigerung und Burnout vorzubeugen.
    foto: katholisches bildungswerk

    Für die langjährige Schulpsychologin Christiane Nevermann sind Vertrauen und Humor wichtige Ressourcen, um Schulverweigerung und Burnout vorzubeugen.

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