Hilfe bei Trinkgelage oder Wasserschlacht

19. Juli 2009, 21:19
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Sie kommen, wenn es nächtliche Wickel im Gemeindebau gibt: Die "Nightwatcher" - Reportage

Sie kommen, wenn es nächtliche Wickel im Gemeindebau gibt: Die "Nightwatcher" der Gebietsbetreuung sind derzeit in fünf Wiener Bezirken unterwegs - ab dem kommenden Jahr in ganz Wien - Von Bettina Fernsebner-Kokert 

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Wien - "Das Fahrrad ist im Gemeindebau verboten!" - "Nein, Radfahren ist nicht erlaubt", erklärt Dominik Fuchs dem Buben, der mit seinen Freunden in dem weitläufigen Hof unter den Bäumen spielt. Fuchs und sein Kollege Recep Demir sind soeben in die städtische Wohnanlage in der Strindberggasse in Simmering eingebogen, ihre Räder schieben sie vorschriftsmäßig durch den Innenhof.

Blau-gelben Jacken auf abendlichen Runden

Die Kinder stürzen sofort auf die Nightwatcher zu, die drei Jugendlichen, die soeben noch verbotenerweise Fußball gespielt haben, verziehen sich, sobald die beiden mit ihren blau-gelben Jacken von weitem zu sehen sind. Es ist 19 Uhr; Fuchs und Demir sind auf ihrer abendlichen Runde durch die Gemeindebauten im 11. Bezirk.

Ansprechpartner

Auch für die Anliegen der Kleinen sind die Mitarbeiter der Gebietsbetreuung Ansprechpartner. "Schau, der Zaun ist total scharf, kann man das Gitter nicht überhaupt wegnehmen?", fragt einer der Buben und fährt mit dem Finger die Oberkante des hüfthohen Zauns entlang. "Nein, kann man nicht", erwidert Fuchs, "dann könnten nämlich die Hunde auf den Spielplatz, und die machen dann in die Sandkiste." - "Wir haben in der Sandkiste einen toten Raben begraben", verkündet ein anderer stolz, sein Zwillingsbruder steht neben ihm und nickt eifrig. "Der war aber schon drinnen, wir haben ihn nur eingegraben."

Strafmandate

Die Mutter der Zwillinge kommt dazu. "Bitte, wo kann ich mich wegen der Hunde beschweren - die laufen frei rum und machen dauernd in die Wiese!" Fuchs gibt ihr die Telefonnummer der Gebietsbetreuung in der Simmeringer Hauptstraße. "Wir können die Waste Watcher schicken, die dürften Strafmandate ausstellen."

Dauerbrenner bei den Beschwerden

Schmutz, Hunde, Kinderlärm oder Krach, den Jugendliche veranstalten, seien die Dauerbrenner bei den Beschwerden, erzählt Dominik Fuchs. Er kommt aus der Jugendarbeit und war bereits im Vorjahr von Beginn an bei Nightwatch dabei. Seit Mai bildet er mit dem Türken Recep Demir ein Team. Demir lebt seit zwei Jahren in Österreich: "Meine Frau ist zum Studium nach Wien gekommen." In der Türkei war er Lehrer, hat Biologie und Pädagogik studiert.

Wöchentliches Briefing in der Gebietsbetreuung

Mindestens einmal pro Woche gibt es in der Gebietsbetreuung ein Briefing, bei dem aktuelle Probleme besprochen werden, bevor die beiden losradeln. Von Mai bis September sind sie abends und nachts im 3., 4. und 11. Bezirk unterwegs. Auch im 2. und 20. Bezirk schauen Nightwatcher nach dem Rechten, ab 2010 soll es die nächtliche Gemeindebau-Betreuung in ganz Wien geben.

Zuhören

"Gerade ältere Menschen haben oft Probleme damit, dass Kinder heute anders aufwachsen als sie selbst", erzählt Fuchs. Viele würden bereits seit ihrer eigenen Kindheit im selben Gemeindebau leben - "und die haben damals von der Hausmeisterin noch eine Watsch'n gekriegt, wenn sie auch nur eine Zehe in die Grünanlage gestreckt haben". Oft helfe es bereits, wenn man sich Zeit nimmt, um den Menschen zuzuhören. Türkischstämmige Frauen wiederum würden die Bitte, dass ihre Kinder ein wenig leiser sein sollten, oft als Kritik an ihrer Erziehung auffassen. "Die Frauen glauben, man hält sie für schlechte Mütter." In diesen Fällen ist Demir oft Dolmetsch und Vermittler zugleich.

Viele Wickel sind Generationenkonflikte

Viele Wickel in den Gemeindebauten seien letztendlich einfach Generationenkonflikte und hätten weit weniger mit der Herkunft zu tun, als man annehmen würde, sagt Fuchs. In der Geiselbergstraße zum Beispiel hätten sich Jugendliche und lärmgeplagte Bewohner im Vorjahr regelrechte Schlachten geliefert. Die einen haben die Jugendlichen vom Fenster aus mit Erdäpfeln beworfen und Wasser auf sie geschüttet. Die Kids haben mit Steinen und Bockerln zurückgefeuert. "Da kann man nur an die Vernunft appellieren und immer wieder reden", sagt Fuchs. Die Jugendlichen haben sich dann einen neuen Treffpunkt gesucht - "aber nicht, ohne die Sprinkleranlage im Rasen so zu manipulieren, dass das Wasser genau in das offene Fenster der Beschwerdeführer gespritzt hat", erinnert sich der Nightwatcher und grinst.

Heikle Sonnentage
An diesem Abend ist es ruhig in der Anlage, nur zwei Mädchen schaukeln auf dem Spielplatz. "Wir merken schon, dass jetzt Urlaubszeit ist, da ist viel weniger los", sagt Fuchs. Die heikelste Zeit seien stets die ersten schönen Tage, nachdem es eine Zeitlang schlechtes Wetter gegeben hat.

Promille-Party

Die letzte Station an diesem Abend ist die Wohnhausanlage in der Kopalgasse. In dem Bau aus der Zwischenkriegszeit sind tägliche Trinkgelage im Hof das Hauptproblem. "Wenn der Zielpunkt in der Früh aufsperrt, geht einer hin und kommt mit einem Einkaufswagerl voll Bier und Rum zurück", schildert Fuchs. Dann wird im Innenhof den ganzen Tag getschechert. "Da sind 60-jährige Pensionisten genauso dabei wie 25-jährige arbeitslose Mädchen." Um halb elf ist es im Innenhof aber bereits ruhig. Nur der große Pappkarton mit den leeren Flaschen und ein paar Gläser, Becher und Teller zeugen noch von der Promille-Party. Recep Demir macht noch ein paar Fotos. "Dabei", sagt Fuchs, "ist es heuer schon viel besser - im vergangenen Jahr haben sie noch um zwei Uhr in der Nacht bei offenem Fenster die Stereoanlage voll aufgedreht." (DER STANDARD Printausgabe 20.7.2009)

  • Recep Demir (links) und Dominik Fuchs sind seit Mai ein Team. Vor allem an warmen Sommerabenden haben die "Nightwatcher" von Wien beim Konflikteschlichten Hochsaison
    foto: standard/andy urban

    Recep Demir (links) und Dominik Fuchs sind seit Mai ein Team. Vor allem an warmen Sommerabenden haben die "Nightwatcher" von Wien beim Konflikteschlichten Hochsaison

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