Der Zeltnachbar mit den Ärmelschonern

19. Juli 2009, 18:20
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Der Meteorologe Karl Gabl berät von Innsbruck aus Gerlinde Kalten­brunner, die bald den K2 besteigen will

K2/Innsbruck/Wien - "Der Jetstream liegt mit 70 bis 90 km/h seit Wochen über dem Karakorum. Ab Wochenmitte kann die Windgeschwindigkeit abnehmen. Zum Wochenende hin sehe ich Chancen auf einen Gipfelversuch. Aber Nägel mit Köpfen machen wir erst in den nächsten Tagen." Exakt so sieht die Prognose aus, die Karl Gabl zuletzt für Gerlinde Kaltenbrunner erstellt hat. Kaltenbrunner wartet im Basislager des K2 darauf, dass sich ein Schönwetterfenster auftut, es müsste zwei, sollte lieber drei Tage lang offenbleiben. Kaltenbrunner steht nicht unter Zeitdruck. Die Karakorum-Saison hat erst begonnen, sie dauert bis Mitte August.

Die 38-jährige Oberösterreicherin hält bei zwölf Achttausendern und hat wie die Spanierin Edurne Pasaban (12) und die Italienerin Nives Meroi (11) gute Chancen auf den Titel "Erste Frau auf allen 14 Achttausendern" . Mit dem Tiroler Gabl steht sie in regelmäßigem Kontakt. Alle zwei, drei Tage wird telefoniert, täglich schickt er ihr per E-Mail eine Fünftagesprognose. Sie geht den K2 gemeinsam mit David Göttler an, ihr Mann Ralf Dujmovits, der erste Deutsche auf allen Achttausendern, wartet derweil im Basislager. Das Warten ist schlimm, auch für Gabl, den Kaltenbrunner "Charly" nennt und stets als "Expeditionsteilnehmer" bezeichnet. Er ist "stolz darauf, ihr Zeltnachbar zu sein, wenn auch mit Ärmelschonern und tausende Kilometer weit weg" .

Seit 31 Jahren leitet Gabl (62) die Wetterdienststelle Innsbruck der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (Zamg) des meteorologischen und geophysikalischen Dienstes der Republik Österreich. Vor 25 Jahren gründete er den Wetterdienst des Alpenvereins. Sozusagen privat und jedenfalls unentgeltlich berät er Expeditionen und Bergsteiger. Reinhold Messner hat Gabl einen "Wetter-Heiligen" genannt, der "mehr weiß als die Wetterfrösche" . Fünfzig bis siebzig Gruppen im Jahr werden virtuell von Gabl begleitet. Er versorgt sie mit Daten, erstellt Prognosen, gibt Tipps. Losgehen oder abwarten, das ist die Frage, die ihn ständig begleitet. Neben der Sorge um die Klienten. "Man fiebert mit" , sagt er. "Und wenn ich weiß, die Gerlinde ist am K2 unterwegs, schlafe ich schon schlechter als sonst. Das setzt mir zu."

Die Beratungstätigkeit hat sich ergeben und ausgewachsen. Gabl: "Ich mach' das seit zehn Jahren intensiv." Was er mache, sei im übrigen keine Zauberei, er verwerte nur vorhandene Daten. Woher sie kommen? Von Satelliten, Flugzeugen, vor allem von gut 40.000 Wetterstationen weltweit, die mehrmals täglich berichten, und 1200 Wetterballons, die bis dreißig Kilometer hoch fliegen. Einer dieser Ballons startet viermal täglich vom Zamg-Hauptsitz auf der Hohen Warte in Wien, und die Instrumente, die er mitführt, geben Aufschluss u.a. über Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind.

Die zwei wichtigsten Parameter in der Prognose: Wind, Niederschläge. Gabl schaut in seinen Laptop und berichtet: "Etwas nördlich vom Karakorum hat der Jetstream derzeit 75 km/h." Die Windgeschwindigkeit, wie gesagt, sollte in den nächsten Tagen nachlassen, bei 30 bis 40 km/h wären die Bedingungen gut. Gabl selbst kennt sich aus in den Bergen, er stand auf 35 mehr als 5000 Meter hohen Gipfeln. Auch Achttausender hat er versucht, am Cho Oyu kehrte er mit leichten Erfrierungen um. Und auf der Shisha Pangma hat er vor fünf Jahren in einer Höhe von 7500 Metern endgültig festgestellt, "dass ein Beamter mit 55 oder mehr Jahren auf dem Buckel auf den Achttausendern nichts mehr verloren hat" .

Getroffen und umarmt

Mit Dujmovits ist Gabl seit Anfang der 80er bekannt, Kaltenbrunner lernte er nach vielen Telefonaten und E-Mails vor zwei Jahren auch persönlich kennen. Das österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit, dem Gabl vorsteht, veranstaltete in Innsbruck eine Messe, Kaltenbrunner reiste an, um vorzutragen und um Gabl, wie er sagt, "ganz fest" zu umarmen. "Das war wirklich rührend." Sie weiß, was sie an ihm hat. Er sagt: "Ich bin unterwegs selbst vorsichtig. Und ich bin auch vorsichtig mit meinen Prognosen. Ich kenne die grausigen Nächte da oben." Mag sein, dass Expeditionen in den Basislagern nicht ewig auf Schönwetter warten können, weil die Permits ablaufen und die Rückflüge gebucht sind. Doch erhöhtes Risiko, sagt Gabl, führe eher in den Tod denn auf den Gipfel.

Das Risiko bleibt enorm, auch für Kaltenbrunner, die "nichts erzwingen" wolle. Seit der Erstbesteigung durch die Italiener Achille Compagnoni und Lino Lacedelli am 31. Juli 1954 standen 296 Bergsteiger auf dem Gipfel (8611 m), und 78 Menschen kamen auf dem K2 ums Leben. Ob man nicht verrückt sein muss, sich einer solchen Gefahr auszusetzen? "Es gibt auch den Reiz" , sagt Gabl, "nicht nur das Risiko." Er verringert es, ausschalten kann er es nicht. Es gibt kleinräumige Gewitterzellen, die nicht vorhersehbar sind, es gibt Steinschläge, Eisbrüche, Lawinen. Darüber hinaus behält der Meteorologe so gut wie immer recht. Er übt sich freilich in Bescheidenheit, sagt: "Ich bin sicher nicht der große Zampano." Damit immerhin liegt Karl Gabl falsch. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Montag, 20. Juli 2009)

  • Der 8611 Meter hohe K2, an der Grenze zwischen Pakistan und China im
Karakorum gelegen, ist der zweithöchste Berg der Welt, aber viel
anspruchsvoller als der Mount Everest (8848 m).

    Der 8611 Meter hohe K2, an der Grenze zwischen Pakistan und China im Karakorum gelegen, ist der zweithöchste Berg der Welt, aber viel anspruchsvoller als der Mount Everest (8848 m).

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