Der lange Weg zurück

    19. Juli 2009, 17:45
    448 Postings

    Die erste Mondlandung am 20. 7. 1969 machte die US-Astronauten zu Helden - die wirkliche Herausforderung kam danach

    Daumen ausstrecken und dahinter die Erde verschwinden lassen. Die Erinnerung an diese simple Methode, vom Mond-Orbit Maß zu nehmen, versetzt James Lovell, Kommandant der "Apollo 13"-Mission und mittlerweile 81 Jahre alt, noch heute in Ehrfurcht. Er hatte in den Apriltagen des Jahres 1970 auch am eigenen Leib erfahren müssen, wie vergänglich sein gewohnter Alltag mit Familie und Kindern war, als die Explosion eines Sauerstofftanks ihm und der übrigen "Apollo 13"-Besatzung beinahe das Leben kostete. Nicht selten vermischen sich in die Berichte der Apollo-Astronauten auch Erinnerungen, wie man sie an einen unendlich schönen Traum hat, den es festzuhalten gilt: Charles Duke, Pilot der "Apollo 16"-Landefähre, bezeichnet rückblickend den Mond "als eindrucksvollste schönste Wüste, die man sich vorstellen kann." Edgar Mitchell ("Apollo 14") erzählt in der TV-Dokumentation Im Schatten des Mondes von einem "überwältigenden Gefühl der Einheit und Verbundenheit mit dem Universum". Ken Mattingly, Pilot der "Apollo 16"-Kommandokapsel, soll sich sogar geweigert haben, aus dem Fenster zu schauen, um bereits existierende Eindrücke nicht zu verwischen. 

    Suche nach Noahs Arche

    Alle Mondfahrer mussten zahlreiche psychologische Tests über sich ergehen lassen. Die amerikanische Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa wollte sichergehen, dass sie nichts aus der Ruhe bringen konnte. Wie sie, wieder auf der Erde, mit vergangenen rauschartigen Gefühlen umgehen sollen, sagte man ihnen freilich nicht. Das Leben danach war für einige von ihnen daher alles andere als einfach: Buzz Aldrin, der zweite Mann am Mond nach Neil Armstrong, verfiel dem Alkohol und hatte starke Depressionen. Charles Duke verlor jeden Halt und schikanierte nach seiner Rückkehr Frau und Kinder, ehe er Geistlicher wurde. Einige versuchten ihr Leben unter dem Eindruck der Mondmission ganz neu zu beginnen. James Benson Irwin, Pilot der "Apollo 15"-Mondlandefähre, schied rasch aus der Nasa aus und wurde christlicher Prediger. Er reiste zum Berg Ararat in der Türkei auf der Suche nach der Arche Noah. Mitchell führte zwar auf der Mondoberfläche erfolglose Experimente durch, um die Existenz von Außerirdischen nachzuweisen, er glaubte aber seither daran und gründete ein Forschungsinstitut, das sich mit Telepathie und Hellsehen beschäftigt. Alan Bean schließlich, Pilot der "Apollo 12"-Mondlandefähre, wurde Künstler. Seine Gemälde zeigen freilich ausschließlich den Mond und Astronauten.

    Für den deutschen Luft- und Raumfahrtpsychologen Peter Maschke sind diese Karriereverläufe nicht weiter erstaunlich. Die Astronauten hätten lange Zeit auf ein besonderes Ereignis hingearbeitet. "Alles, was danach kam, konnte nur wieder schlechter sein." Die radikale Kehrtwendung von Hightech zu Kunst und Spiritualität sei für einige Apollo-Männer die Möglichkeit gewesen, aus dem "Loch danach" wieder herauszukommen. Ein Loch, das Maschke auch aus den Lebensläufen von Spitzensportlern nach erfolgreichen Olympischen Spielen kennt. "Erfolg kann auch gefährlich sein", weiß auch der Wiener Medienpsychologe Peter Vitouch. Und weist auf den massenmedialen Rummel hin, den die Astronauten unmittelbar nach den Mond-Missionen erlebten. Aldrin berichtet in Interviews und in seinen Büchern (zuletzt Magnificent Desolation) von einer Belastung durch diesen "Medien-Zirkus", aber auch von Stolz, da die US-Öffentlichkeit 1969 nach dem Katastrophenjahr 1968 mit den Morden an Robert Kennedy und Martin Luther King dringend wieder einen Erfolg brauchte. Er war ja daran beteiligt, ihr diesen zu verschaffen.

    Vergängliches Wir-Gefühl

    Besonders die Crew, der die erste Mondlandung gelang, wurde herumgereicht und musste sogar auf Weltreise ("Giant Step") gehen. Binnen 38 Tagen erlebten sie in 23 Ländern viel Jubel und ein "einmaliges, aber vergängliches Wir-Gefühl", wie es Michael Collins, Pilot der Kommando-Kapsel, später nannte. Ein Ruhm, der scheinbar ewig anhält. 1976 fragte Armstrong, damals bereits Professor für Luft- und Raumfahrt an der University of Cincinnati, genervt, wie lange er den "Weltraummann" spielen müsste. 2005 verkaufte ein Friseur eine Armstrong-Haarsträhne für 3000 Dollar. Erst kürzlich wurde für mehr als 27.000 Dollar (knapp 20.000 Euro) ein von ihm ausgestellter Scheck versteigert. Der heute 78-jährige US-Nationalheld hatte die Zahlungsanweisung über 10,50 Dollar wenige Stunden vor seinem Flug zum Mond vor vierzig Jahren an einen NASA-Manager ausgestellt. Interviews gibt Armstrong keine mehr. Auch heute, angesichts des Jubiläums, hüllt er sich in hartnäckiges Schweigen, Aldrin ist dagegen, Alkoholsucht und Depressionen überwunden, eher der öffentliche Mensch, der sich zwischen Entertainment und Eigenmarketing als lebende Legende verkauft. (Peter Illetschko, Frank Herrmann/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 7. 2009)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Die aufgehende Erde: Von Eindrücken wie diesen sprechen die Apollo-Astronauten heute noch. Man hatte Probleme, danach auf der Erde zu landen.

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Zwei Wege, um die Mondfahrt zu verarbeiten: ein Gemälde des ehemaligen Astronauten und Malers Alan Bean (oben), Buzz Aldrin in Japan als Akteur im" Medien-Zirkus" (unten).

    • Bild nicht mehr verfügbar
    Share if you care.