Helfende Technik-Hände fürs Umblättern

18. Juli 2009, 11:03
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Blättern in Zeitschriften ist für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein kleiner Kraftakt: Ein in Österreich entwickeltes Gerät schafft Abhilfe

Wollte Heinz-Jürgen Zrock bisher eine Zeitschrift umblättern, tat er dies mit den Füßen. Oder er stand von seinem Sessel auf, beugte sich über den Tisch und wechselte mit dem Mund die Seiten. Heute lässt der aus dem Bergischen Land stammende Bürokaufmann, der mit verkürzten Armen geboren wurde, von seinem Lesebutler blättern. Und hat damit "wieder ein Stück mehr zu mir selbst gefunden", sagt er dem Standard.

Umblätterhilfe

Denn Zrock verwendet den Lesebutler alias Umblätterhilfe QiCare nicht nur, sondern bringt seine Erfahrungen bei der Weiterentwicklung des Geräts ein. Bei diesem handelt es sich um einen kleinen Bruder des automatischen Notenständers QiVinci, eine Erfindung des österreichischen Elektrotechnikers Alfred Jakes. Vermarktet wird der intelligente Zeigefinger für Musiker von Jakes und Jungunternehmerin Sofie Quidenus' gegründeter Firma Qidenus Technolgies.

Auch im Liegen nutzbar

Seit knapp zwei Jahren ist Zrock mit an Bord. Während QiVinci, von dem in den zwei vergangenen Jahren schon mehr als 70.000 Stück weltweit bestellt worden sind, Musikern beim Spielen per Fußschalter das nächste Notenblatt vorlegt, hat der jüngere Bruder ein paar Tricks dazugelernt. QiCare kann nicht nur vorwärts, sondern auch rückwärts blättern. Auch lassen sich an das Tischgerät verschiedene Bedienelemente wie Sprachsteuerung, Näherungssensor oder Fingertaster anschließen. Versehen mit einem optionalen Bettsteher, lässt QiCare sich auch im Liegen nutzen.

Programmierbare Chips

Der Umblättermechanismus wird mittels Motoren gelenkt, die über einen programmierbaren Chip gesteuert werden. Nicht nur Menschen mit fehlenden oder verkürzten Armgliedern, auch Menschen mit schmerzhaften Arthrose- oder Arthritis-Beschwerden, Multipler Sklerose etc. könnte durch die Umblätterhilfe der "Zugang zum Kulturerbe Lesen" erhalten werden, ist Zrock überzeugt. Auch zur Integration von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ins Berufsleben könnte QiCare eingesetzt werden.

"Ich-Buch"

Helfen soll der Blätterassistent künftig auch Menschen mit Sprachbehinderungen. Gemeinsam mit der Initiative "Jugend am Werk" arbeitet Zrock derzeit am Projekt "Ich-Buch". Dabei werden Seiten mit folierten Bildern zusammengefasst, die Wünsche ausdrücken können. Ein Glas könnte etwa darauf hinweisen, dass der Besitzer des Ich-Buchs etwas trinken möchte. Mit Bildern von Familienmitgliedern, Lieblingstieren, Speisen, Kleidern und anderem mehr kann eine persönliche Geschichte erzählt werden. Per QiCare wird die gewünschte Seite dazu aufgeblättert. Einige Schulen und Seniorenheime hätten an QiCare schon großes Interesse gezeigt, erzählt Zrock. Was seine Hoffnung nährt, dass bis Ende 2010 rund 3000 der knapp 2000 Euro teuren Geräte in ganz Europa im Blättereinsatz sein werden.(Karin Tzschentke/DER STANDARD, Printausgabe vom 18.7.200)

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QiCare

  • Die Umblätterhilfe QiCare hat Heinz-Jürgen Zrock ein Stück Lebensqualität und einen interessanten Job gebracht. Er bringt seine Erfahrungen in die Entwicklung des Geräts ein.
    foto: robert newald/der standard

    Die Umblätterhilfe QiCare hat Heinz-Jürgen Zrock ein Stück Lebensqualität und einen interessanten Job gebracht. Er bringt seine Erfahrungen in die Entwicklung des Geräts ein.

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