
Vor dem Capitol in Washington: Ein Frosch, der nicht gekocht werden will, ergreift die politische Initiative. Wo aber bleibt Obama?

Krugman: Aus dem Kochtopf springen, ehe es zu spät ist.
Über die Schwierigkeit, angemessen auf Katastrophen zu reagieren, die "schleichend" auf uns zukommen. Obwohl es Amerikas Führung gerade jetzt in der Hand hätte, zeitgerecht Gegenmaßnahmen zu setzen.
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Ist Amerika dabei, sich in einen gekochten Frosch zu verwandeln? - Ich meine natürlich den sprichwörtlichen Frosch: Man setzt ihn in einen Topf mit kaltem Wasser, erhitzt ihn nach und nach - und da er die Gefahr nicht wahrnimmt, wird er schlussendlich bei lebendigem Leib gekocht.
Reale Frösche würden natürlich aus dem Topf springen - klar, aber der hypothetisch gekochte Frosch ist eine brauchbare Metapher für ein sehr reales Problem: für die Schwierigkeit, auf Katastrophen zu reagieren, die langsam auf einen zukommen. Und mit solchen Katastrophen haben wir es dieser Tage zu tun.
Die Sache mit dem Frosch kam mir neulich in den Sinn, als ich die deprimierende Regierungsdebatte über Wirtschafts- und Klimapolitik verfolgte. In beiden Bereichen gibt es ein beträchtliches Verzögerungsmoment, bevor politische Maßnahmen wirksam werden - ein Jahr oder mehr im wirtschaftlichen Bereich, Jahrzehnte hinsichtlich des Zustands des Planeten - und dennoch ist es sehr schwierig, Menschen dazu zu bewegen, zu tun, was zu tun ist, um eine vorhergesagte Katastrophe abzufangen.
Gerade in dem Moment jetzt sitzen beide Öko-Frösche - Ökonomie und Ökologie - unbeweglich da, während das Wasser immer heißer wird.
Wenden wir uns zunächst der Ökonomie zu: Vergangenen Winter schlitterte die Wirtschaft in eine akute Krise, die eine Wiederholung der Depression der 30er-Jahre nur allzu wahrscheinlich erschienen ließ. Und die Antwort darauf war eine durchaus schlagkräftige politische Aktion in Form des Obama'schen Ankurbelungsplans - wenngleich diese Maßnahme nicht so intensiv ausfiel, wie das manche für nötig hielten.
Zurzeit hat die Krise jedoch zu einer viel heimtückischeren Bedrohung geführt: Die meisten Analysten rechnen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt schnell zu wachsen beginnt bzw. bereits wächst. Aber alle Anzeichen weisen in Richtung "Erholung der Arbeitslosigkeit": Durchschnittlich rechnen die Experten laut Wallstreet Journal mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenrate bis nach Jahreswechsel, die sich bis Ende 2010 nicht senken lassen wird.
Nun ist es schon schlimm genug, ein paar Wochen arbeitslos zu sein, wie viel schlimmer erst aber , wenn das über Monate oder Jahre geht! Aber genau das wird erwartet - und das bedeutet, so die Prognosen stimmen, für Millionen von Amerikanern den Verlust all ihres Hab und Guts. Um diese Entwicklung abzuwenden, brauchen wir schnellstens eine zweite Runde steuerlicher Anreize. Doch weder der Kongress geschweige denn die Obama-Administration ist bereit zu handeln. Nachdem der freie Fall gestoppt ist, scheint jedes Alarmbewusstsein verlorengegangen zu sein.
Das wird sich wahrscheinlich ändern, wenn der Anstieg der Arbeitslosigkeit unübersehbar wird. Aber dann wird es zu spät sein, eine menschliche und soziale Katastrophe zu verhindern.
Das ökonomische Koch-den-Frosch-Problem ist allerdings noch gar nichts im Vergleich mit der Herausforderung des Klimawandels.
Sagen wir einmal so: Wenn die übereinstimmenden Prognosen der Wirtschaftsexperten düster sind, dann sind die der Klimaexperten nachgerade horribel: Wenn wir weitermachen wie bisher, steht angesichts der jüngsten Klimamodelle ein Temperaturanstieg bevor, der das Leben wie wir es kennen, völlig zerstören wird.
Das zu verhindern sollte das zentrale Anliegen der gegenwärtigen Politik sein. Ist es aber nicht, weil der Klimawandel eben "nur" eine schleichende Bedrohung ist. Das volle Ausmaß der Katastrophe wird erst in Jahrzehnten sichtbar werden. Unglücklicherweise wird aber durch das ständige Zuwarten die Katastrophe bis dahin unvermeidbar geworden sein.
Was die offenkundige Lähmung der Politik so alarmierend macht, ist die Tatsache, dass gerade in einem Moment so wenig geschieht, in dem die politischen Bedingungen zu handeln so günstig sind wie noch nie: Die Leugner des Klimawandels und Gegner jedweder Maßnahmen haben schließlich nicht mehr die Kontrolle im Weißen Haus und in den Ausschüssen des Kongresses. Die Demokraten haben einen populären Präsidenten an der Spitze sowie eine bequeme Mehrheit im Repräsentantenhaus und 60 Sitze im Senat. Lassen Sie uns also Klartext reden: Sowohl der Präsident als auch die Parteiführung im Kongress wissen um beide Probleme - das ökonomische wie das ökologische - bestens Bescheid. Wenn wir jetzt also nicht zu handeln imstande sind, und die Katastrophe abfangen, wann dann?
Ich finde darauf keine Antwort. Und deswegen muss ich dauernd an die gekochten Frösche denken. (© NYT; Übersetzung: Elisabeth Loibl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.7.2009)
Zur Person
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vorstellen, nach denen bei Business as usual "das Leben wie wir es kennen völlig zerstört wird"?
Bislang sind mir von Erderwärmungs-Szenarien zwar sehr unangenehme Folgewirkungen bekannt aber keine "völlige Zerstörung" (schon gar nicht bei Szenarien eines "Weitermachens wie bisher", die es in jüngster Zeit leider überhaupt nicht gibt).
vielleicht handelt es sich hier nicht um Frösche sondern um Hummer....
denn auch reale hummer könnten bei so einem saddistischen Koch gar nicht anders handeln.
aber auf die wirtschaft gesehen oder die spanische grippe.
vielfach ist es ja noch ein tabu, ironischerweise.
was ist so schlimm daran zu sagen, man erwarte ca. 21 Millionen Tote global gesehen.
arbeitslosigkeit wäre nicht das grösste Problem sondern die stagdeflation die sich immer mehr in eine hartnäckige deflation verpuppt.
genauso ist es doch mit dem "Klimawandel".
manche bedauern, dass früher der Mond weitaus grösser war, andere denken, auch wenn die Sommersonnenwende nur in relation einzigartig ist, so kultivierte sie doch den Menschen..."damals"
oder?
JHte kämpften wir gegen das Mittelalter und mussten viel Leid und Tränen ertragen.
Dann kam zum Glück die Aufklärung mit Karacho und das dauerte bis in das 20.JH.
Jetzt wo wir imstande wären, Vernunft zu zeigen, holen uns die dummen Geister, die wir immer wieder wegtrieben, wieder ein.
Wenn dem Menschen keine Freiheit zuzutrauen ist, dh. er sich seiner Verantwortung nie bewusst sein kann, da er permanent im Müssen lebt, dann bitte, zum Teufel auch mit der Demokratie, wenn unser Dasein dabei zugrunde gehen sollte.
Unsere Politiker tutn so als ob der tote Quaxi noch leben täte. Erinnert mich an http://www.youtube.com/watch?v=4vuW6tQ0218 nur das da ein Papagei ist...
Der Mensch verändert sein Handeln in paradigmatischer Wirkung erst nach einer persönlich erlebten Krise, nicht vorher. Es muss seine persönliche Überlebensangst größer als seine Lernangst sein. Erst wenn der einzelne seine Ziele im Umdenken erkennt, kann er sein Handeln anpassen. Umweltkatastrophen und Marktversagen bleiben für die Mehrheit der Individuen immer ohne Folgen und sind daher zu abstrakt. Auf der Ebene des Individuums ist kollektivistisches denken daher sehr unwahrscheinlich. Bei menschengeschaffenen Systemen (Wirtschaft), wäre es zumindest denkbar, kollektiv Gesetze zu machen, die die Spielräume individueller Gier begrenzen. Der Haken: Die Gesetze werden nicht wirklich vom Kollektiv sondern wieder von Individuen gemacht.
man kann den Menschen nix vorschreiben, aber es regelt sich doch von selber. Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren war die Sommerhitze extrem hoch und an der Grenze zum Hitzetod, da hat sich das ganze Leben verlangsamt und da wird sicherlich weniger konsumiert, produziert und Energie verbraucht usw. Auf die Art regelt es sich von selber und man braucht die Politik nicht.
Schau dir mal Konzepte wie "Overshoot", etc. an. Wenn die Feedbacks des eigenen Handelns derartig verzögert sind, dann kann es schon mal zu spät sein was zu ändern wenn mans endlich begreift. Dadurch sind schon unzählige Spezies, aber auch Kulturen zugrunde gegangen.
die Politik bringt ja eh nix zusammen, weil die Menschen werden doch nicht auf etwas verzichten. Also wird es so lang weiter betrieben, bis die Natur das selber regelt (zurückschlägt). Und dann wird es auf einmal gehen. Z.B. wenn sie soviel CO2 in der Luft haben, bis sie Atemnot bekommen, dann werden ein paar Prozent sterben (ersticken) und diese paar Prozent produzieren dann weniger usw. Solang das nicht der Fall ist, kann man ja nicht feststellen, ob es schon gefährlich ist. Und sogar dann auch nicht. Und wenn auch, was nützt es, bevor man weniger konsumiert, da erstickt man lieber.
eine katastrophe kommt - per se - ÜBERRASCHEND und UNERWARTET. wenn die verantwortlichen die möglichen probleme der zukunft nicht wahrnehmen, dann entweder weil sie es bewusst nicht wollen oder nicht wahrhaben wollen oder einfach dumm sind oder ihnen die menschen einfach egal ....
nicht vergessen : solange es der wirtschaft gut geht (siehe sachs-goldman) ...
Hier ein schönes Artikel von jemanden die nicht so begeisterd ist von diese "linke" econom...
http://atimes.com/atimes/Gl... 4Dj06.html
...ich hab den artikel gelesen und muss sagen, dass er mich nicht überzeugt. größtenteils wird nur darüber gelästert, wie unfähig krugman sei. gleichzeitig präsentiert aber der artikel auch nur ganz simple antworten am ende.
ich bin zwar echt nicht auf krugmans ökonomischer linie (eher genau auf der entgegengesetzten), aber diese art von kritik an ihm ist mir persönlich ein wenig zu platt.
ohne zweifel wäre/ist in projekte die den co2-ausstoss reduzieren und folglich den klimawandel nicht noch stärker und schneller fortschreiten lässt, ein breites wirtschaftsspektrum. die politik versagt vollkommen, da sie nicht die nötigen regulative beschließt und kaum finanzielle anreize setzt.
krugman spricht auch vom kommenden bzw. vorhandenen sozialen elend, welches sehr wahrscheinlich gewalt nach sich ziehen wird. irgendwann sind die menschen so weit an den gesellschaftlichen rand gedrängt, dass sie nicht mehr viel zu verlieren haben, dann kann man sich aber eine gute nacht wünschen.
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