Über die Schwierigkeit, angemessen auf Katastrophen zu reagieren, die "schleichend" auf uns zukommen - Kommentar der anderen von Paul Krugman
Über die Schwierigkeit, angemessen auf Katastrophen zu reagieren, die "schleichend" auf uns zukommen. Obwohl es Amerikas Führung gerade jetzt in der Hand hätte, zeitgerecht Gegenmaßnahmen zu setzen.
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Ist Amerika dabei, sich in einen gekochten Frosch zu verwandeln? - Ich meine natürlich den sprichwörtlichen Frosch: Man setzt ihn in einen Topf mit kaltem Wasser, erhitzt ihn nach und nach - und da er die Gefahr nicht wahrnimmt, wird er schlussendlich bei lebendigem Leib gekocht.
Reale Frösche würden natürlich aus dem Topf springen - klar, aber der hypothetisch gekochte Frosch ist eine brauchbare Metapher für ein sehr reales Problem: für die Schwierigkeit, auf Katastrophen zu reagieren, die langsam auf einen zukommen. Und mit solchen Katastrophen haben wir es dieser Tage zu tun.
Die Sache mit dem Frosch kam mir neulich in den Sinn, als ich die deprimierende Regierungsdebatte über Wirtschafts- und Klimapolitik verfolgte. In beiden Bereichen gibt es ein beträchtliches Verzögerungsmoment, bevor politische Maßnahmen wirksam werden - ein Jahr oder mehr im wirtschaftlichen Bereich, Jahrzehnte hinsichtlich des Zustands des Planeten - und dennoch ist es sehr schwierig, Menschen dazu zu bewegen, zu tun, was zu tun ist, um eine vorhergesagte Katastrophe abzufangen.
Gerade in dem Moment jetzt sitzen beide Öko-Frösche - Ökonomie und Ökologie - unbeweglich da, während das Wasser immer heißer wird.
Wenden wir uns zunächst der Ökonomie zu: Vergangenen Winter schlitterte die Wirtschaft in eine akute Krise, die eine Wiederholung der Depression der 30er-Jahre nur allzu wahrscheinlich erschienen ließ. Und die Antwort darauf war eine durchaus schlagkräftige politische Aktion in Form des Obama'schen Ankurbelungsplans - wenngleich diese Maßnahme nicht so intensiv ausfiel, wie das manche für nötig hielten.
Zurzeit hat die Krise jedoch zu einer viel heimtückischeren Bedrohung geführt: Die meisten Analysten rechnen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt schnell zu wachsen beginnt bzw. bereits wächst. Aber alle Anzeichen weisen in Richtung "Erholung der Arbeitslosigkeit": Durchschnittlich rechnen die Experten laut Wallstreet Journal mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenrate bis nach Jahreswechsel, die sich bis Ende 2010 nicht senken lassen wird.
Nun ist es schon schlimm genug, ein paar Wochen arbeitslos zu sein, wie viel schlimmer erst aber , wenn das über Monate oder Jahre geht! Aber genau das wird erwartet - und das bedeutet, so die Prognosen stimmen, für Millionen von Amerikanern den Verlust all ihres Hab und Guts. Um diese Entwicklung abzuwenden, brauchen wir schnellstens eine zweite Runde steuerlicher Anreize. Doch weder der Kongress geschweige denn die Obama-Administration ist bereit zu handeln. Nachdem der freie Fall gestoppt ist, scheint jedes Alarmbewusstsein verlorengegangen zu sein.
Das wird sich wahrscheinlich ändern, wenn der Anstieg der Arbeitslosigkeit unübersehbar wird. Aber dann wird es zu spät sein, eine menschliche und soziale Katastrophe zu verhindern.
Das ökonomische Koch-den-Frosch-Problem ist allerdings noch gar nichts im Vergleich mit der Herausforderung des Klimawandels.
Sagen wir einmal so: Wenn die übereinstimmenden Prognosen der Wirtschaftsexperten düster sind, dann sind die der Klimaexperten nachgerade horribel: Wenn wir weitermachen wie bisher, steht angesichts der jüngsten Klimamodelle ein Temperaturanstieg bevor, der das Leben wie wir es kennen, völlig zerstören wird.
Das zu verhindern sollte das zentrale Anliegen der gegenwärtigen Politik sein. Ist es aber nicht, weil der Klimawandel eben "nur" eine schleichende Bedrohung ist. Das volle Ausmaß der Katastrophe wird erst in Jahrzehnten sichtbar werden. Unglücklicherweise wird aber durch das ständige Zuwarten die Katastrophe bis dahin unvermeidbar geworden sein.
Was die offenkundige Lähmung der Politik so alarmierend macht, ist die Tatsache, dass gerade in einem Moment so wenig geschieht, in dem die politischen Bedingungen zu handeln so günstig sind wie noch nie: Die Leugner des Klimawandels und Gegner jedweder Maßnahmen haben schließlich nicht mehr die Kontrolle im Weißen Haus und in den Ausschüssen des Kongresses. Die Demokraten haben einen populären Präsidenten an der Spitze sowie eine bequeme Mehrheit im Repräsentantenhaus und 60 Sitze im Senat. Lassen Sie uns also Klartext reden: Sowohl der Präsident als auch die Parteiführung im Kongress wissen um beide Probleme - das ökonomische wie das ökologische - bestens Bescheid. Wenn wir jetzt also nicht zu handeln imstande sind, und die Katastrophe abfangen, wann dann?
Ich finde darauf keine Antwort. Und deswegen muss ich dauernd an die gekochten Frösche denken. (© NYT; Übersetzung: Elisabeth Loibl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.7.2009)
Zur Person
Paul Krugman, Star-Kolumnist der "New York Times", lehrt
Wirtschaftswissenschaften in Princeton und wurde heuer mit dem
Ökonomie-Nobelpreis ausgezeichnet.