Lockerungsübungen in Klein-Havanna

17. Juli 2009, 19:01
29 Postings

In Miami, der Metropole der kubanischen Diaspora, schlagen die Exilanten neue Töne an, vor allem die Jüngeren und Beweglicheren unter ihnen, genau wie ihr Präsident Barack Obama - Reportage

John Cabanas hat sein Leben in Bildern dokumentiert. Weil er viele berühmte Leute kennenlernte, gleicht sein Büro einem Museum. Überall Fotos, dicht an dicht. Zwischen den bärtigen Rebellen der kubanischen Revolution zeigen Fischer aus Key West stolz ihren Fang, Fidel Castro und alte Männer auf dem Meer, eine interessante Mischung. Jennifer Lopez lächelt, auch der alte George Bush. Und fast immer ist der Hausherr dabei.

In jungen Jahren trug er eine dichte schwarze Tolle und blickte so verwegen in die Kamera, als wollte er gleich mit in die Sierra Maestra ziehen, um an Fidels Seite zu kämpfen. Heute sitzt er mit schütterem Haar in einem soliden Polstersessel und schiebt Tabellen über den Tisch. Am Revers trägt Cabanas die goldene Miniatur eines Flugzeugs. Er ordert Chartermaschinen, derzeit sehr preiswert bei den Bolivianern, und füllt sie mit Exilkubanern, die ihre Verwandten in der alten Heimat besuchen wollen. Es gibt ja direkte Routen, eine kaum bekannte Bresche in der Mauer des Embargos. Allerdings stehen sie nicht allen Amerikanern offen, sondern nur solchen, die aus Kuba stammen. C & T, Cabanas' Linie, fliegt sechsmal die Woche von Miami nach Havanna. Ein Katzensprung, keine 45 Minuten, mit 549 Dollar für ein Ticket recht fürstlich bezahlt.

Mancher wirft dem pfiffigen Geschäftsmann denn auch vor, in der Nische allzu kräftigen Reibach zu machen. Nur acht Chartergesellschaften bieten Direktflüge, sie brauchen gute Drähte zur Inselregierung, sonst läuft es nicht. Den Hardlinern im Exil passt das alles sowieso nicht in den Kram, weshalb Cabanas' Baracke so unscheinbar ist wie eine Lagerhalle. Keine Hausnummer, kein Firmenschild, der Chef mag es inkognito. Aber nicht mehr lange. Er will expandieren, Flagge zeigen.

"Die Welt ändert sich. Der Kalte Krieg ist Geschichte, endlich merken wir es auch hier", sagt er, während er Zahlen vorlegt. Im Mai flogen 2628 Passagiere mit C & T nach Havanna. Im Mai vor einem Jahr waren es nur 722 gewesen. Dass es aufwärts geht, liegt an Barack Obama. Seit er Präsident ist, darf die kubanische Gemeinde Miamis ihre Angehörigen daheim wieder öfter besuchen, nicht mehr nur alle drei Jahre wie unter George W. Bush. Restriktionen für den Geldtransfer wurden gelockert. "Überall sind die Dinge im Fluss. Wer das nicht versteht, lebt im Märchenland", sagt Cabanas.

Für Francisco Fernandez soll nichts fließen, nichts anders werden. "Geld nach Kuba überweisen? Da kann man es Castro doch gleich in die Tasche stecken", brummt der Alte. Im Maximo Gomez Park, wo er die Zeit totschlägt, klappern die Dominosteine. Die meisten hier sind um die achtzig, die Generation Fidel Castros. Sie nicken beifällig, als Fernandez resolut ruft: "Wenn ich zurückgehe, dann nur in ein freies Kuba."

Lange war das die vorherrschende Stimmung in Little Havana, an der achten Straße im Südwesten Miamis, die jeder nur unter ihrem spanischen Namen kennt: Calle Ocho. Dort, wo das Restaurant "Versailles" mit Blattgold und wandgroßen Spiegeln französische Schlossatmosphäre vermitteln möchte, schlägt das Herz des Exils. Wer mitreden wollte, musste am besten eine Biografie haben wie Lincoln Diaz-Balart. Dessen Vater Rafael, Senator unter dem alten Diktator Fulgencio Batista, floh 1959 nach Florida. Seine Tante Mirta war die erste Ehefrau Castros. Seit 1993 sitzt Diaz-Balart im Repräsentantenhaus, wo er alles abzuwehren versucht, was die Wirtschaftsblockade durchlöchern könnte. Und weil jeder, der Präsident werden will, den Staat Florida umwirbt, hatten es Lokalmatadore wie Diaz-Balart leicht, ihren Einfluss geltend zu machen. Calle Ocho war mächtig, zugleich wirkte sie wie eine Bremse. "Doch wer Kuba isoliert, kann Kuba nicht ändern", meint Omar Lopez.

Lopez hat Ökonomie studiert, an der Universität Havanna, bis 1978. Weil er neugierig war und verbotene Bücher las, geriet er ins Visier der Staatssicherheit. Ökonom durfte er nicht werden, er schlug sich durch, indem er Wohnungen tapezierte. Anfang der Neunziger ging er ins Exil. Heute arbeitet er bei der Cuban American National Foundation, die lange das Sprachrohr der Betonfraktion war. Wer einen verbitterten Mann erwartet hat, sieht sich getäuscht. Lopez ist ein karibischer Schwejk.

Kubaner, erklärt er den Sinn einer neue Kampagne, werden in kubanischen Pesos bezahlt, also sollen sie in schicken Restaurants auch mit Pesos bezahlen dürfen. Nicht mit dem härteren "Peso convertible", einer eigens für Touristen geschaffenen "harten" Währung. Little Havanas Hardliner hätten doch die ganze Zeit nur Sprüche geklopft. Dabei kamen dreihunderttausend Kubaner erst nach 1994 in die USA. Die meisten von ihnen hätten mit Politik nichts am Hut. "Sie wollen Kontakte nach Hause pflegen, das Alles oder Nichts der alten Männer ist nicht ihr Ding." Dann kramt Lopez nach Leitfäden des zivilen Widerstands. Seine Vorbilder heißen Václav Havel, Lech Walesa - und seit kurzem auch Barack Obama. (Frank Herrmann aus Miami/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.7.2009)

 

F.: fh

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Festbeflaggung in Little Havana: Die Verbindung der Exilkubaner zu ihrer Heimat ist stark, aber die Betonköpfe verlieren an Boden.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Straßenszene vor dem Cafe Versailles

  • John Cabanas riecht gute Geschäfte.
    foto: frank herrmann

    John Cabanas riecht gute Geschäfte.

Share if you care.