In Puchenstuben geht die Post ab

17. Juli 2009, 18:35
83 Postings

Die Post will 293 Filialen schließen - eine davon im kleinen Puchenstuben, das sich verbissen wehrt

Es geht um Wettbewerb, Staatsverantwortung und sterbende Dörfer.

Puchenstuben – Norbert Eichinger ist keiner, der sich hinter der Anonymität verschanzt. "Schreiben S' das so, wie ich's sage – und nennen Sie ruhig meinen Namen" , gebietet der passionierte Lottospieler: "Nur über meine Leich' sperren die das Postamt zu. Dann fahren wir nach Wien und scheißen einen Krapfen vors Parlament."

"Wir" – das sind die 320 Vollzeitbewohner Puchenstubens, in deren Briefkästen im Frühling ein Rundschreiben der Post landete: Das örtliche Amt, so die Hiobsbotschaft, werde geschlossen.

"Katastrophe"

"Eine Katastrophe" nennt das Bürgermeister Christian Kogler – nicht nur, weil die Leut' zum Geldabheben dann 18 kurvige Kilometer nach Scheibbs fahren müssten. "Es geht um viel mehr" , sagt der Sozialdemokrat, den seine Gemeinde, die sich bei Landtagswahlen sonst tiefschwarz präsentiert, anno 2000 zum Oberhaupt gewählt hat: "Wer alles zusperrt, lässt den ländlichen Raum sterben."

Puchenstuben ist keines dieser niederösterreichischen Straßendörfer mit blinden Schaufenstern und bröckelnden Fassaden. Großzügige Bauten zeugen von der Blüte der Sommerfrische in der Nachkriegszeit, als der Mostviertler Ort doppelt so groß war. Das Ötscherland lockt zwar immer noch Wanderer an, doch statt drei Wochen bleiben sie heute zwei Tage. Das stolze Hotel Hallerhof ist längst ein Pflegeheim, die Volksschule für die 13-köpfige Einheitsklasse überdimensioniert. Weil es Arbeit bestenfalls bei der Straßenmeisterei oder im Holzschlag gibt, ziehen die Jungen nach Wien. Dennoch hat sich Puchenstuben viel davon bewahrt, was ein Dorf ausmacht: ein Schwimmbad, einen Greißler, gleich vier Gasthäuser. Und eben ein Postamt, das auch als Bank fungiert. Nur die Sparkasse sperrt noch einmal die Woche einen Schalter beim Wirten auf.

Post-Partner gesucht

Eine Idylle – wenn die Infrastruktur, wie Kogler sagt, nicht "scheibchenweise" demontiert würde. Die Gendarmerie zog vor 15 Jahren ab, Mariazeller Bahn und Postbus fahren immer seltener, die Schule kämpft ums Überleben. Wenn nun noch die Post gehe, so Koglers düstere Domino-Theorie, würden es ihr die letzten Einwohner auf kurz oder lang gleichtun.

Die Post will sich das Mäntelchen des Totengräbers nicht umhängen lassen. Keine Filiale werde ersatzlos geschlossen, verspricht sie: Geschäfte, Tankstellen und andere Nahversorger könnten den Job billiger, aber umso kundenfreundlicher erledigen – und dank Provisionen dabei noch Geld verdienen. Um solche "Postpartner" zu rekrutieren, tourt Filialmanager Alois Mondschein unermüdlich durchs Land. Ende Mai war er in Puchenstuben zu Gast. Bürgermeister Kogler ließ unauffällig ein Diktiergerät mitlaufen.

Mondschein klang nicht so kulant wie Postsprecher bei offiziellen Statements. Das Versprechen, für Kompensation zu sorgen, werde nicht ewig gelten, warnte der Rationalisierer: "Es kommt die Zeit, wo man das Ganze ersatzlos zumacht." Weil aber kein Postpartner in Puchenstuben, wo am Tag sieben Briefe aufgegeben werden, ein Geschäft machen könne, drängte Mondschein, rasch die "einzige Chance" zu ergreifen: Wenn der Ort eine Post wolle, "muss das die Gemeinde übernehmen" .

"Lass mich nicht umschulen"

Das will Kogler aber nicht, weil die klamme Gemeinde weder Geld noch Raum habe. Auch die Gasthäuser winken ab – sie sperren in der toten Saison wochenlang zu. Und im "Kaufladen zur buchenen Stub'n" , der drei Stunden am Vormittag offen hat, sagt Seniorchefin Ottilie Kriener: "Ich bin alt wie mein Vorname. Da lass' ich mich nicht zur Postlerin umschulen."

Die Post wälze ihre gesellschaftliche Verantwortung ab, ärgert sich der Bürgermeister: "Wenn die Postpartner später zusperren, ist alles für immer weg." Ein Staatsunternehmen habe die Pflicht, Lebensqualität zu erhalten, auch wenn sich das nicht immer rechne: "Ich mach ja auch nicht das Schwimmbad zu, weil es Verlust bringt."

"Kein Kaufmann kann defizitäre Läden erhalten" , hält dem die Post entgegen. Zwölf Millionen Euro Verlust schrieben die 293 bedrohten Filialen 2008. Trotz Gesamtgewinns von 119 Millionen könne ein Börsenunternehmen wie die Post diese Hypothek nicht mitschleppen, wolle sie im Kampf mit privaten Konkurrenten bestehen.

"Alles verschlechtert"

Die Politik muss in dem Konflikt, der sich zwischen Eisenstadt und Bregenz unzählige Male abspielt, nun Schiedsrichter spielen. Infrastrukturministerin Doris Bures (SPÖ) hat zwei Drittel der geplanten Schließungen erst einmal per Bescheid verboten, weil die Post keinen adäquaten Ersatz nachgewiesen habe. Ihr neues Postmarktgesetz, verspricht Bures, werde dann 1650 Geschäftsstellen garantieren (siehe Artikel). Für Puchenstuben hieße das: Wenn der Ort keinen Ersatz auftreibe, behalte er eben das alte, verschlafene Amt.

Die Post hat gegen Bures' Bescheid geklagt. Doch nach einer Stunde Diskussion gibt Manager Mondschein Bürgermeister Kogler in manchem recht. Nachdenklich zitiert er eine Studie, laut der die Liberalisierung, die am Postmarkt den Wettbewerb eingeführt hat, eines gebracht habe: "Es hat sich für beide Seiten alles verschlechtert." (Gerald John, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.7.2009)

  • Noch sind die Insignien der Post im Mostviertel zu finden -...
    foto: standard/corn

    Noch sind die Insignien der Post im Mostviertel zu finden -...

  • ...
Bürgermeister Christian Kogler will, dass das auch so bleibt: "Wer
zusperrt,...
    foto: standard/corn

    ... Bürgermeister Christian Kogler will, dass das auch so bleibt: "Wer zusperrt,...

  • ...lässt das Land sterben."
    foto: standard/corn

    ...lässt das Land sterben."

Share if you care.