Zwischen Wasser und Licht

19. Juli 2009, 17:10
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Kurische Nehrung: Nach einer stürmischen Nacht kann man, wenn man früh aufsteht, hier auch Bernstein finden

Die Kurische Nehrung war eines meiner Traumziele dieser Reise - dieser schmale, höchstens zwei Kilometer breite Sandstreifen, der draußen im Meer Kaliningrad und Litauen miteinander verbindet.

Auf der einen Seite Strand zum Festland hin, das an der entferntesten Stelle gerade noch sichtbar am Horizont liegt. Das Wasser der Lagune fast unbewegt, dunkel, in kleinen Wellen schwappt es an die östliche Küste. An der westlichen Seite des Dünenstreifens die Ostsee. Dazwischen Wälder, wandernde Dünen, die ganze Dörfer verschlungen haben, unberührte Naturreservate, eine einzige, von Radtouristen und ein paar Autos befahrene Straße.

Ich gehe an der Ostsee gen Norden. Der Wind kommt tagsüber meist von hier, die Farben wechseln vom dunkeln Grau über sämtliche Blautöne bis hin zu einem leuchtenden Violett, wenn sich der kristallene Himmel über einer untergetauchten Sandbank spiegelt. Wenn es hier richtig bläst, krachen die Wellen auf den steinharten Sand, bauen Kanäle und fressen Buchten in den Strand, der dann aussieht wie eine von einer riesigen Maus angeknabberte Scheibe Roggenbrot.

Nach einer stürmischen Nacht kann man, wenn man früh aufsteht, hier auch Bernstein finden - kleinere Stücke meist, von den Wellen über Jahre hinweg zerschliffen. Die großen verbergen sich weiterhin im Meer, gut geschützt unter Steinen, vielleicht heute vom Sturm endlich herausgespült, aber nur von geübten Bernsteinfischern mit ihren Netzen aufzuspüren.

Immer wieder bücke ich mich, und tatsächlich finde ich ein paar Stücke des fossilen Harzes, und stecke mir das Thema meiner Reise sozusagen in die Tasche, wie ein Wirrkopf unter dem blauen Himmel lachend und tanzend.

Mit bis zu den Knien hochgekrempelten Hosen geht es tagelang barfuss durch den Sand. Keine Menschenseele, dafür Schwärme von Kormoranen, alle Arten von Möwenvögeln, von denen einige immer wieder hinab stoßen in die Wellen, manchmal mit Seegetier im Schnabel wieder auftauchen und versuchen, es unter dem Geschrei ihrer Kameraden noch im Flug hinunterzuschlingen. Meist gelingt es nicht, und ich erzürne über die Ungerechtigkeit, wenn das geschickt erbeutete Fischlein vom Genossen des Fängers verzehrt wird, der es dem Armen in einem atemberaubenden Verfolgungsflug abgejagt hat.

Wenn es zu heiß wird, werfe ich mich in die Wellen, nackt wie der erste Mensch, jauchze und sprudle, und lasse mich dann vom Wind trocknen, während ich flache Steine über den Wellenkämmen zum Tanzen bringe.

Man kommt langsamer vorwärts im Sand, das Gehen strengt viel mehr an als auf der Strasse, doch mit der Zeit finde ich heraus, wo er am besten zu begehen ist, nicht zu weich, dass nicht zu viel Kraft verloren geht, aber auch nicht so steinhart wie an den Stellen, an denen die Wellen ans Ufer ersterben. Wie eine Hypnose wirkt das ständige Meeresrauschen und der unaufhörliche Wind zur Linken, die Dünen und Wälder zu meiner Rechten, die tief atmend vorbeiziehen, und ich wandle tagelang wie in einem anderen Seinszustand, durchtränkt von Wasser, Wind, Sand und Licht. (Markus Zohner)

  • Traumziel Kurische Nehrung.
    foto: markus zohner

    Traumziel Kurische Nehrung.

  • Artikelbild
    foto: markus zohner
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