Der Bregenzer Festspielchef David Pountney freut sich auf die Seebühnen-"Aida" (ab 22. Juli)
Standard: In diesem Jahr bringen Sie Verdis "Aida" als Seebühnenproduktion. Nach welchen Kriterien fällt so eine Werkentscheidung?
Pountney: Es ist tatsächlich keine einfache Situation, man will ja immerhin mehr als 200.000 Leute ansprechen, und man muss einiges bedenken, etwa den Zeitfaktor. Wir sind für den Beginn einer Vorstellung an den Sonnenuntergang gebunden, aber auch durch den letzten Zug, der fährt, den die Leute erwischen wollen. Man hat also das Problem der Werklänge zu berücksichtigen. Zudem können wir keine Pause machen. Man könnte nicht 7000 Leute raus- und reinbringen, ohne dass mindestens eine ganze Stunde vergeht.
Es sind natürlich auch wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Wir finanzieren die ganze Vielfalt der Festspiele mit den hohen Einnahmen der Seebühne. Dass Aida eine bekannte Oper ist, wird dabei kein Nachteil sein.
Standard: Das gewählte Werk muss aber auch die Möglichkeit bieten, etwas Spektakel herbeizuzaubern?
Pountney: Ich weiß nicht. Tosca war ein großer Erfolg, doch ist sie eigentlich ein Kammerspiel für drei Leute. Es ist eben das Faszinierende an der Seebühne: 500 Personen auf der Bühne sehen aus wie fünf. Eine Person wird aber zu einer echten epischen Figur. Man kann hier also auch mit sparsamen Mitteln Effekte erzielen.
Standard: Die Sänger haben dennoch sicher das Gefühl, mit einer gewissen Monumentalität fertigwerden zu müssen.
Pountney: Klar, die Distanzen sind groß, man muss hier fit sein. Sie müssen außerdem Teamplayer und sehr diszipliniert sein. Sie können auf der Bühne ja nicht wirklich improvisieren - das wäre teilweise zu gefährlich. Die meisten Sänger haben jedoch Spaß daran, mit diesen Bedingungen umzugehen, die ihnen zu einer neuen Dimension ihrer Arbeit verhelfen. Wenn man da vor 7000 Leuten steht, ist das schon ein Erlebnis. Wenn es dann auch noch leicht regnet, und man bringt die Oper als Sänger durch das schlechte Wetter - dann kämpft das Publikum quasi mit, und es gibt Extraapplaus.
Standard: Absolute Starsänger haben Sie nicht, die würden wohl auch nicht alles mitmachen?
Pountney: Wir haben sie bisher auch nicht nötig gehabt; und sie würden das Konzept irritieren. Wir haben ja drei Besetzungen, die Sänger müssen auch flexibel sein, also einspringen, wenn ein Kollege krank wird. Es gibt auch viele Proben, der Star kommt dann womöglich erst kurz vor der Premiere. Das passt nicht wirklich zu unserer Arbeitsweise.
Standard: Die Wiener Symphoniker sind ja das Bregenzer Orchester. Dennoch dirigiert Chefdirigent Fabio Luisi nicht die Seebühnenproduktion. Ist da etwa ein Konflikt im Gange?
Pountney: Nein, Luisi hat schon einmal eine Produktion betreut, das waren immerhin mehr als 30 Vorstellungen. Aber Sie wissen, er hat auch andere Verpflichtungen, es ist also nicht leicht, solche Künstler für diese hohe Anzahl an Vorstellungen zu gewinnen. Mit Carlo Rizzi haben wir aber einen Topdirigenten für die Aida.
Standard: Die unvermeidliche Frage: Spüren die Bregenzer Festspiele die Wirtschaftskrise?
Pountney: Beim Verkauf spüren wir nichts. In anderen Bereichen kann man paradoxerweise sogar von Vorteilen der Krise sprechen. Wir hatten zum Beispiel letztes Jahr Probleme mit dem hohen Stahlpreis, der für die Bühnenbauten relevant ist. Auch die Ingenieure, die im technischen Bereich der Bühne arbeiten, waren letztes Jahr vielfach in China. Es war schwer, gute Leute zu finden. Nun, in der Krise, ist das viel leichter.
Standard: Besonders bei den Salzburger Festspielen ist es eigentlich schon Tradition, die angeblich nicht ausreichende Anwesenheit und die Nebenjobs der jeweiligen Intendanten zu kritisieren. Wie steht es um Ihre tatsächliche Präsenz in Bregenz?
Pountney: Ich arbeite eigentlich jeden Tag für Bregenz. Das ist genau kalkuliert. Direkt widme ich zwei Drittel meiner Zeit den Festspielen. Ich bin natürlich nicht ständig in Bregenz, aber immer wieder da, und ich reise häufig für Bregenz. Ich inszeniere auch woanders, aber das ist auch gut für Bregenz, das bringt uns wichtige Kontakte. Die Diskussion über die Anwesenheit finde ich übertrieben. Wenn ein Manager effektiv ist, kann er das alles organisieren. Ein guter Koch kann auch drei Gänge gleichzeitig kochen.
Standard: Sie inszenieren in Bregenz auch als Intendant. Bringt Ihnen das zusätzlich eine fette Gage?
Pountney: Nein, meine Gage ist sehr reduziert. Da gibt es viel Rabatt.
(Ljubiša Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 18./19.07.2009)
Zur Person:
Der Brite David Pountney (Jahrgang 1946) ist einer der
erfahrenen und international gefragten Opernregisseure. Seit 2003 ist
er Intendant in Bregenz, sein Vertrag läuft bis 2013.