Hundekämpfe und Kapitalismus

17. Juli 2009, 16:18
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Veit Heinichens Proteo-Laurenti-Krimi "Die Ruhe des Stärkeren" kommentiert die internationale Finanzkrise auf erstaunliche Weise

Der Abstand zwischen den dargestellten Ereignissen und dem Erscheinungsdatum, bei Veit Heinichens Proteo-Laurenti-Krimis ohnehin immer sehr gering, ist im sechsten Band Die Ruhe des Stärkeren auf nur wenig mehr als ein Jahr zusammengeschmolzen.

Die Handlung vollzieht sich in nur wenigen Tagen vorweihnachtlicher Hektik im Dezember des Jahres 2007 und hat den Beitritt Sloweniens und anderer mitteleuropäischer Länder sowie die damit einhergehende Aufhebung der Grenzkontrollen als politischen Hintergrund. Mit der intensivierten polizeilichen Kooperation zwischen den Ländern der Region erweitert sich auch Proteo Laurentis Aktionsradius, der nun in Zusammenarbeit mit seinen dortigen Kollegen auch in Slowenien ermittelt.

Im Unterschied zu den früheren Romanen der Serie, in denen Triest als eng begrenzter "Wurmfortsatz Italiens" im Zentrum stand und der Blick von dort auf die Nachbarländer gerichtet wurde, erweitert sich der Schauplatz auf den Raum zwischen Triest, Slowenien und auch Kärnten - der triestinische Commissario Laurenti wird zum Akteur im mitteleuropäischen Alpe-Adria-Krimi.

Seid umschlungen, Millionen

Scharfe Kritik an Fehlentwicklungen in der Europäischen Union ist seit längerem charakteristisch für die Proteo-Laurenti-Krimis und drückte sich immer wieder durch eine höchst ironische Erzählhaltung aus, deren Rhetorik der der fragwürdigen EU-Ablehner von Irland über Prag bis hin zur Kronen Zeitung erstaunlich nahekam.

Auch der neue Band hält diese Ironie auf hohem Niveau, etwa wenn Zeilen aus der "Europahymne" nach Schiller/Beethoven ("Seid umschlungen, Millionen" , "Alle Menschen werden Brüder" ) als Zwischentitel die Ungeheuerlichkeiten der Handlung mit schwarzem Humor kommentieren oder Laurenti gar halbernst von der EU-Erweiterung als österreichischer Verschwörung spricht.

Die neue Situation eröffnet jedoch auch der Polizei neue Möglichkeiten: "Bisher waren es stets Wirtschaft und Organisiertes Verbrechen gewesen, die sich keinen Deut um die Grenzen scherten. Rožman, Pausin und Laurenti aber waren die ersten Bullen, die im neuen Europa eine reibungslose Kooperation bewiesen hatten, ohne viel Zeit für die Formalitäten zu verschwenden, die in den Hauptstädten gestrickt wurden."

Ob diese grenzüberschreitende, regionale Zusammenarbeit die neuen Kräfte des Bösen, die in diesem Roman eingeführt werden, wirksam bekämpfen können wird, ist jedoch noch lange nicht ausgemacht. Im Vorgängerband Totentanz lässt Heinichen seine seit dem ersten Band verlässlich im Bereich der Mobkriminalität agierenden Gauner sterben und ersetzt sie nun durch Vertreter der internationalen Hochfinanz mit Beziehungen hinein bis in die europäischen Staatskanzleien und ins Weiße Haus. Auch ihnen sind Geschäfte im Bereich der Bandenkriminalität nicht fremd, in der Hauptsache geht es jedoch um wirtschaftliche Zusammenhänge auf der Makroebene.

Die Tatsache, dass Die Ruhe des Stärkeren das erste Buch der Serie ist, das nicht die Worte "Tod" oder "Tote" im Titel trägt, heißt nicht, dass es im "neuen Europa" keine Leichen gibt - ein zerrissener Körper wird gar kühn als "Gulasch" bezeichnet, das wieder zusammengeflickt werden muss -, sondern dass die Schwerpunkte neu gesetzt werden. Heinichens neues Buch, man reibt sich verblüfft die Augen, ist der überaus zeitgerecht erschienene Krimi zur internationalen Finanzkrise.

Mord mit Fortsetzung

Die zentralen Bösewichte sind Goran "Duke" Newman, Spröss-ling einer slowenischen Mutter und eines einflussreichen Amerikaners, der im slowenischen Karst einen Bauernhof in ein von außen nicht erkennbares Hightech-Finanzzentrum umgebaut hat, und sein undurchsichtiger, aber vermutlich genauso rücksichtsloser gelähmter Sohn Sedem, der Laurentis kleinwüchsige Assistentin Pina in ei-ne Kurzzeitliaison verwickelt. Gemeinsam, jedoch nicht ohne Misstrauen gegeneinander, scheffeln sie Milliarden.

Als "Duke" , der wie sein Sohn Jazzliebhaber ist und damit eine durchaus kultivierte Persönlichkeit zur Schau stellt, nach dem "Schengen-Rave" an der slowenisch-italienischen Grenze einem Anschlag zum Opfer fällt, bleibt es Sedem überlassen, das Imperium weiterzuführen. Dass Sedems Rolle bei dem Mord ungeklärt bleibt, deutet darauf hin, dass die Fortsetzung folgt.

In diesem Roman geht es nicht bloß um allgemeine Kapitalismuskritik im Sinne übertriebener Raffgier oder um Globalisierungskritik mit Heuschrecken-Rhetorik, sondern ganz spezifisch um Themen der gegenwärtigen Finanzkrise, insbesondere der Derivate.

In einem mit diesem Begriff überschriebenen Schlüsselkapitel wird die Entflechtung von Finanzmärkten und Realwirtschaft angesprochen: "Die Hedgefonds haben mit dem Anbau nichts zu tun, sie spekulieren auf zukünftige Ernten, und ihre schnellen Gewinne können sie nur mit explosionsartig steigenden Preisen realisieren." Daraus folgt, dass die "Nahrungsmittelkrise und die steigenden Preise nur dem Finanzmarkt zu verdanken" sind.

Auch wenn diese Kritik dem vermuteten Bösewicht Sedem Newman in den Mund geschoben wird, ist sie eine der zentralen moralischen Botschaften des Bandes. Es ist gewissermaßen charakteristisch für die Konfusion der hier dargestellten Situation, dass negativ beleumundete Charaktere Wahrheiten aussprechen, die in den Augen von Protagonisten wie Pina - aber auch Laurenti - durchaus Bestand haben. Die widersprüchliche Komplexität von Literatur, des Romans zumal, ist, so zeigt sich, ganz besonders hilfreich bei der Erfassung der undurchschaubaren wirtschaftlichen Zusammenhänge im Zeichen der Finanzkrise.

Finanzkräftige Perverse

Veit Heinichen hat zum Verständnis der neuen ökonomisch-politischen Ära, für die die Mehrzahl seiner Leserschaft gerade erst ein Bewusstsein zu entwickeln beginnt, einen bestürzenden Symbolbereich gefunden, nämlich illegale Hundekämpfe. War in Tod auf der Warteliste (2003) der Organhandel das sehr reale, ja wörtlich zu nehmende Symbol für die Ausweidung des Menschen durch den Menschen, so schockiert hier die Faszination finanzkräftiger Perverser für brutale Zerfleischung unter Tieren; Kämpfe, für die die Zuschauer Tausende von Kilometern anreisen.

Heinichens Kunstgriff, Züchtung und rücksichtsloses Training dieser Tiere zu Killern aus der Perspektive eines Hundes darzustellen, mutet zwar zunächst befremdlich an, da das tierische Bewusstsein keineswegs auf das bloß Instinktive reduziert ist, sondern komplexe Zusammenhänge wie sprachliche oder geografische Differenzierung versteht.

Es ist jedoch gerade die absurde Implausibilität dieser kursiv gesetzten Passagen, die die extreme Unmenschlichkeit der Situation verdeutlich. Hundekämpfe sind der medialen Öffentlichkeit nicht neu - Spiegel-TV etwa hatte bereits 2004 Licht in die dunkle Szene geworfen - interessant ist jedoch die Verquickung mit dem zeitgenössischen Kapitalismus.

Neuer Moralismus

Es ist nicht nur ein Sinnbild für die pervertierte Konkurrenzsituation einer sich auseinanderentwickelnden, zunehmend unmenschlichen Gesellschaft und die Brutalität, mit der der Unterlegene erledigt wird, sondern zeigt auch den fehlenden Respekt für das Leben insgesamt. Hier kommt ein neuer Moralismus im Kriminalroman, der nicht - wie so oft - ermüdend, sondern bestürzend ist. In den letzten Monaten und Jahren wurde viel von der neuen Relevanz der marxistischen Gesellschaftsanalyse geschrieben. Veit Heinichens faszinierender Roman zeigt, dass Das Kapital des 21. Jahrhunderts auch im Gewand des Kriminalromans erscheinen könnte.

"Nichts ist hier normal" klagt Proteo Laurenti, der inzwischen guter Hoffnung ist, Großvater zu werden, und diese fehlende Normalität kommt am besten in dem wie immer hyperrealistisch gezeichneten Figureninventar zum Ausdruck. Neben den pensionierten Gerichtsmediziner Galvano tritt nun die uralte, aber nichtsdestotrotz machtgierige Großmutter, die ihren unbändigen Hass auf staatliche und ethnische Ordnungen an ihren Enkel Sedem weitergegeben zu haben scheint.

Das "abgrundtiefe" Dekolleté von Laurentis Assistentin Marietta wird angesichts des kommenden "Festes der Liebe" noch offenherziger. Ein wohlbestallter Rentner mit Jackett und Krawatte, aber ohne Hose, holt in einer prunkvollen neoklassizistischen Bankfilialie am Corso Italia aus seinen Boxershorts "eine lange Wurst aufgerollter Banknoten" hervor.

Veit Heinichen ist der Fellini des Kriminalromans, aber auch sein Jamie Oliver. Neben dem weißen Vitovska (von Vodopivec) steht diesmal unter anderem auch die Jota, eine Sauerkrautsuppe der Region, und Bärenkopf mit frischen Steinpilzen auf der Feinschmeckerkarte. Buon appetito e buona lettura! (Walter Grünzweig, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 18./19.07.2009)

Veit Heinichen, "Die Ruhe des Stärkeren" . € 20,50 / 320 Seiten. Zsolnay, Wien 2009

Zur Person:
Walter Grünzweig, geboren 1956 in Graz, ist Professor für Anglistik der Universität Dortmund, deren Vizerektor er auch ist.

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    Ein Fellini des Kriminalromans: Veit Heinichen.

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