Und das heißt Mädchen sein

17. Juli 2009, 20:17
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Dine Petrik über die burgenländische Schriftstellerin Hertha Kräftner

Wenn Kräftner liebt, tut sie es obsessiv und verzweifelt. Ihren Gefühlen eingeschnitten ist die Sehnsucht nach einer Hand, einem Handlungsbündnis. Sie schreibt über ihre Gedanken beim Anblick von Babykleidern im Schaufenster. Die Möglichkeit, ein Kind zu haben, erwähnt sie noch wenige Tage vor dem Suizid. Der Brief, gerichtet an ihren letzten Freund, ist da, nicht so die Antwort, sie verbrennt alle an sie ergangenen Briefe.

Bevor sie das tut, wird jede denkbare Aussicht nach Halt ausgelotet sein. Sie ruft "nach einem Jahr Unterbrechung" Hermann Hakel, Herausgeber der Literaturzeitschrift Lynkeus, an und "bittet mit bedrückter Stimme um ein Gespräch". Hakel vertröstet sie, "mein aufgeregtes Herzklopfen, der Versuch, mich zu beherrschen, um Zeit zu gewinnen". Wenige Stunden später war sie tot.

Was mag sein Herzklopfen bewogen haben? Was ihren Anruf? Hakels Rat erbitten, was tun, wenn man vor der Auslöschung steht und doch so am Leben hängt? Hakel erneut Texte anbieten? Kaum, Lynkeus war Anfang 1951 eingestellt worden. Kräftners Zuwendung zu Hans Weigel und der Zeitschrift Neue Wege, wo ebenfalls Gedichte von ihr erschienen waren (zudem hatte es den Prosapreis für ihr Pariser Tagebuch gegeben), war Hermann Hakel nicht bekommen.

"Selbstmörderin auf Urlaub"

Die Mentoren Hakel und Weigel, so scharfe Kritisierer wie deftige Sager in Sachen Frau (Autorin), standen schlecht zueinander. "Eine Selbstmörderin auf Urlaub", war so ein Sager Weigels zu Lebzeiten Kräftners, Hakel wird sie mit dem Bewurf "Nymphomanin" ehren. Ein Gespräch wollte sie, reinen Tisch machen? Hakel Empörung und Wut ins Gesicht heulen? Dass sie geschockt war, weil längst kursierte, womit sie konfrontiert worden war, jene Abtreibung, der sie sich hat unterziehen müssen (wissend sind der sogenannte Verlobte und die Tante)? Hakel hat ausgestreut "was ihm sein Arzt zugesteckt hat", jener "der die Abtreibung durchgeführt hat" .

In letzter Zeit hat Kräftner ihre Arbeit vernachlässigt, um ihrem Freund beim Erstellen seines Hörspiels zu helfen. Nun war ihr deutlich gemacht worden, dass ihr nichts bleibt, dass auch diese Liebe, die Beziehung zu W. Kudrnofsky keine Zukunft hat, dass sie erneut verloren hat. "Ich wollte für ihn gut werden, aber er verzieh mir nicht, daß ich nicht gut war."

Das ist der Schlusspunkt. Sie notiert der Familie Hinweise für danach, schreibt Abschiedsbriefe, jene an ihre Freunde trägt sie zur Post. Daheim in der Alxingergasse die vorbereitete Überdosis Veronal. 23 Jahre alt, stirbt sie am 13. November 1951.

Die oft beschworene Beschwörung eines Engels: Diese Beschwörungen sind Literatur, sind Hingabe an den Text, sind Fiktion und sonst nichts. Sie schreibt sich eine Figur, an die sie sich immer wieder für längere oder kürzere Zeit verlieren kann, sie hält Zwiesprache mit dem virtuellen Protagonisten Engel - im Kontext assoziiert sie Engel mit Viktor Frankl. Engel bestimmt diese Literatur. Die Sekundärliteratur wirft jedoch diesem Engel mehr spektakulär Wahres als Fiktion nach. Im Zuge ihres Parisbesuchs 1950 thematisiert sie den schwarzen Engel und meint wahrscheinlich Harry Redl, der ihr hätte folgen sollen. Schreiben kann Halt sein, Abstand von Problemen schaffen, die Gedanken klarer oder ruhiger werden lassen. Kräftner weiß um den Wert ihrer Arbeit: Auf Dauer wird er sie nicht tragen.

Hertha Kräftner wird am 26. April 1928 in Wien geboren. Die Mutter ist Wienerin, Rosa Karner, der Vater Viktor ist Mattersbuger. Für einige Jahre ist Hertha quasi ein unehelich geborenes Kind, sie ist sechs, als Viktor Kräftner sich 1934 in der Kirche von St. Martin zur stillen Heirat entschließt. Im Nachbarort Neutal hat er, nach gescheiterten Versuchen, beruflich in Eisenstadt und Wiener Neustadt unterzukommen, eine Arbeit gefunden. Hertha absolviert in Neutal die ersten zwei Volksschulklassen. 1936 übersiedelt die Familie nach Mattersburg, Kräftner wird als Leiter eines jüdischen Textilgeschäfts eingestellt, diese Funktion im Ghetto wird ihm kein Ansehen schaffen, zudem er dieses in den Jahren davor verspielt hat.

Seine Auftritte als Kummerl, Revoluzzer und Rotgardist werden bleibend negativ erinnert, vor allem der gescheiterte Versuch, die 1918 in St.Germain den Ungarn diktierte Abtretung Deutschwestungarns an Österreich zu erzwingen. Mit dem in Mattersdorf ausgerufenen Schlagwort "Republik Heinzenland" wollen einige Rotgardisten unter Viktor Kräftner, seinem Bruder Anton, Josef Suchard u.a. in Ödenburg die Abtretung erzwingen. Die militärisch überlegenen Ungarn zerschlagen das Vorhaben und stecken Viktor ins Ödenburger Zuchthaus. Nach seinem Freikommen tut er gut daran, aus der Gegend zu verschwinden.

Sich in Mattersburg Respekt zu verschaffen gelingt Viktor Kräftner nie. "Niemand litt ihn" (Kudrnofsky). Beschlagen mit Ressentiments gelingt das auch Hertha nicht, im Gegenteil: "Die Hertha kam im Mattersburg nicht auf", so der ehrliche Satz einer Freundin. Wiewohl von den Lehrern gelobt, zum Klassenaushängeschild stilisiert, umgibt sie Neid, ist Hertha ein einsames Kind, das Flucht in die Literatur nimmt und Flucht von daheim weg. So oft es geht, ist sie mit der Tante verreist oder bei dieser in Wien, "Hertha wusste über das Burgtheater Bescheid, wie über ihre Kinderstube".

1938 ist Mattersburg die erste burgenländische Stadt, die "judenfrei" auf ihre Fahnen heftet. Das junge, sich selbst suchende Land (Ungarn hatte sich bis 1921 erbittert gegen die Abtretung gewehrt, sah es als opportun, sich möglichst schnell zu positionieren, und fiel) war gesellschaftlich wie politisch kaum vorhanden, fiel dem völkisch Deutschnationalen, dem aufziehenden Antisemitismus und Nationalsozialismus anheim, wie der Rest Österreichs auch.

Dann kam der Einmarsch der Russen Ende März 1945: Nach der brutalen Vergewaltigung seiner Tochter sah Viktor Kräftner rot, zudem es ein Bündel solcher Meldungen gab: brutale Vergewaltigung. Einige Frauen hatten sich danach getötet. Große Empörung also über das Verhalten der Befreier. Der gewesene Rotgardist Kräftner droht lauthals - sich auf den Status berufend - mit Meldung an die Russische Kommandantur in Eisenstadt. Ein Vorhaben, das von einem Russen umgehend zerschlagen wird. Bewaffnet mit Revolver und Bajonett dringt er ins Kräftnerhaus ein, die Hebamme Emilie Adam, die zur medizinischen Hilfestellung für Hertha im Haus war, wird von dem Russen erschossen, mit dem Bajonett verletzt er den Vater: ein Hieb über Gesicht und Hals. Die Hand locker an der Waffe, hinterlassen die Russen in den ersten Tagen, allein in Mattersburg, 22 tote Zivilisten.

Hertha inmitten der blutigen Szene, die sie, indirekt Auslösende, mit Schuldgefühlen erschlägt. Emilie Adam hinterlässt zwei unmündige Kinder. Der Vater, nach Monaten bei den Barmherzigen Brüdern in Eisenstadt, kommt zum Sterben heim. "Da war Hertha in Wien. Erst nach dem Begräbnis (2. Sept. 1945, Anm.) war sie wieder in Mattersburg - der Matura wegen." (Günther Kräftner, Bruder)

Mit Literatur aufrecht halten

Gelähmt von Angst sind Mutter wie Tochter, sie werden diese grausamen Fakten aber abschrägen, den Russen entlasten: Quartiersucher, betrunken, sich lösender Schuss, ... Das geschieht zu ihrem eigenen Schutz, ihrem Weiterleben unter russischer Besatzung. Die Siebzehnjährige wird die Vergewaltigung zu ihrem eigenen Schutz verschweigen. Wie das wohl alle Vergewaltigten taten und tun. Zum Sager: Quartiersucher. Privateinquartierungen russischer Soldaten gab es nicht. Das war sogar mit Verbot belegt.

Zur ersten Verstörung der sensiblen Jugendlichen gesellen sich schockhafte Belastungen. "Ich bin schon eine Tote", notiert sie in Mattersburg. Sie hat die Möglichkeit zu verdrängen, hat die Hoffnung Wien. Sie harrt aus im Haus ohne Vater. Nur mit dem Maturazeugnis in Händen wird sie den Ort verlassen. "Leben will ich", notiert sie. Die Wohnung der Tante, Wien, 10. Bezirk, Alxingergasse, liegt in der Russenzone.

Die Schuld am Tod der Hebamme Emilie Adam sticht ihr bei jedem Besuch entgegen. Die am Tod des Vaters zu verdrängen, gelingt nicht. Schon bald stellen sich Halluzinationen ein, schwere posttraumatische Störungen. Gegenüber Hakel erwähnt sie den Vater "der als Soldat umkam" , und in einem Brief schreibt sie: "der jähe Tod meines Vaters" . Die realen, schockhaften Geschehnisse vertraut sie niemandem an. Keiner wird sie ihr abnehmen, sie fragen: Wie kommst du zurecht? Details, die bis heute nicht von Belang sind. Noch heute handhabt man(n) sie als Täterin (am Mann).

Zu lange beherrschten männlich tradierte Denkmuster das Thema Hertha Kräftner. Es will aber auch der Verstand gefordert sein; die Auslöser ihrer Traumata müssen mitgedacht werden. Die mehrfach öffentlich gemachten Sager über die Täterin, das Festhalten, das man(n) als Zu-sich-Stehen weiter verkaufen muss, dieser Stil eines burgenländischen Machthabers in Sachen Kräftner gehört in die 50er-Jahre. Kräftner weiterhin als Täterin zu bezeichnen, ist platt. Wer derlei noch heute als Orientierung für seine literarischen Abarbeitungen sehen will, wird das einmal auch der Literaturwissenschaft zu erklären haben.

Kräftner blieben nur wenige Jahre zum Schreiben, die Geschehnisse werden nicht direkt reflektiert, weder hatte sie Abstand noch Kraft. Ihr Werk entstand zwischen 17 und 23. Ihre Briefe an jene Männer, die sie ausnahmslos fallenließen (mit Verve verrät sie der "Verlobte" noch posthum), sind genial durchkomponierte Verschränkungen: Analyse und Sinnlichkeit, Resignation und Hoffnung. Als sexuell rege gehandhabt - von ihren posthumen Nacharbeitern gern auch als todessehnsüchtig -, sehe ich eine lebensbejahende Frau und begabte Autorin "voll innerem Reichtum" im steten Versuch, dem Unsagbaren Worte entgegenzusetzen: Literatur. Sich mit Literatur aufrecht zu halten: Ein Großteil dieser entsteht in ihrem letzten Jahr. Im Gefühl, damit scheitern zu müssen, ist auch ihre Suche nach Schutz zu sehen, nach einer Hand, einem Bündnis, einer Familie. Vielleicht langsam vergessen, gesunden. Viele dieser von Kriegs- und Nachkriegszeit Beschädigten haben ihr Überleben über die Familie geschafft. Hertha Kräftner nicht.

PS: "Kaum war die Spitalsmeldung von Herthas Ableben in der Alxingergasse eingelangt, ist der wartende "Verlobte" unter ihr Bett gekrochen. Um zu heulen? "Um sich den Koffer für den Kräftner-Nachlass zu holen." (Günther Kräftner). (Dine Petrik, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 18./19.07.2009)

Zur Person:
Dine Petrik, geb. im Burgenland, lebt in Wien, schreibt und veröffentlicht seit Anfang 1990, Lyrikerin, Sachbuchautorin, schrieb mehrere Veröffentlichungen über Hertha Kräftner.

  • Dine Petrik über Hertha Kräftner: "Als sexuell rege gehandhabt - von ihren posthumen Nacharbeitern gern auch als todessehnsüchtig -, sehe ich eine lebensbejahende Frau und begabte Autorin ‚voll innerem Reichtum‘ im steten Versuch, dem Unsagbaren Worte entgegenzusetzen."

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