"Albtraum" für Expatriates vom Ausland

17. Juli 2009, 16:50
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Die konjunkturelle Lage intensiviert den Standortwettbewerb - Was heißt das für regionale Headquarters, für die Anziehungskraft des Landes für Expatriates? Die Kritik an der Bürokratie ist harsch

Komplizierte Arbeitsbewilligungsprozesse, vergleichsweise hohe Steuerlast, knappe Infrastruktur an internationalen Schulen, zu wenig Service-Orientierung in den zuständigen Ämtern: eine Menge Probleme der Partner mit der Integration in den Arbeitsmarkt, noch mehr Schwierigkeiten für nicht Verheiratete. Dazu noch ein Haufen Ärger mit dem Procedere für Betriebsentsandte und Rotationskräfte.

So wird die "Albtraum"-Seite für Expatriates in Österreich dargestellt. Das berichteten Betroffene, Personal-Fachleute und Unternehmer zur Frage der Rahmenbedingungen für Expatriates in Österreich bei einer Veranstaltung der "Headquarters Austria" im Wiener Hotel Sacher.
Auf der "Traum"-Seite: Lebensqualität und Sicherheit im Wohlfühl-Land Österreich. Es erstaunt Ausländer noch immer, dass ein Marsch durch den Wiener Stadtpark um Mitternacht nicht gleichzusetzen ist mit vorsätzlicher Gefährdung von Leib und Leben.

Forderungen zur Erleichterung

Ziel der Veranstaltung: Die Anliegen der betroffenen Unternehmen und Manager zu bündeln und damit in Dialog mit den Ministerien, der Ansiedlungsagentur ABA und dem Arbeitsmarktservice zu treten. Da reichen die Wünsche von "Englisch in der MA 35" bis zu konkreten Steuerfragen. Ulrike Vidovitsch, Geschäftsführerin der PricewaterhouseCoopers (PWC), regt etwa Steuerbefreiung für die Schulkosten von Expats und Vergünstigungen in den Fragen der Altersvorsorge an. Der bestehende Expat-Erlass solle Gesetzeskraft erringen.

Eine "fast lane" für Aufenthaltsbewilligungen für Expats und deren Angehörige wird ebenso gefordert wie Erleichterung für Schlüsselarbeitskräfte. Dass Unternehmen die gewünschten Fachleute nicht ins Land bekämen, weist Johann Bezdeka, Abteilungschef für Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftswesen im Innenministerium, mittels Zahlen zurück: Von der Schlüsselarbeitskraft-Quote im Ausmaß von 2450 seien derzeit noch 2014 Positionen offen. Das Fremdenrecht, so Bezdeka, sei besser als sein Ruf - er will "entemotionalisieren" und ortet gewisse Informationsdefizite der Unternehmen.

Dass regionale Headquarters weniger werden, verneint Thomas Wieser, Chef der Sektion Wirtschaftspolitik und Finanzmärkte im Finanzministerium, nicht. Die Frage, wo künftig die Entscheidungsadressen angesiedelt sind, sei zu stellen, ebenso wie jene der Folgen der sich radikal ändernden Eigentümerstrukturen. Mehr Zurückhaltung bei Entsendungen merkt er am nachlassenden Andrang zur Vienna International School, in deren Gremien er - selbst im Dienste der Efta lange Expat - auch tätig ist. Wünschenswert, schließt er sich dem Publikumswunsch von Podiumsseite her an, sei eine einzige Stelle, die sämtliche Anliegen und Bedürfnisse der Expatriates bündelt und bearbeitet.

Not der Partner

Wie notwendig das sei, illustriert Birgit Heider, Human-Resources-Direktorin der Beiersdorf (Marke Nivea): Sie berichtet vom "Riesenaufwand" für derzeit fünf, bald sieben Expats in ihrem Zuständigkeitsbereich. Alleine sei das nicht zu bewältigen, der Kampf durch den Behördendschungel beanspruche Wochen. Konkreten Einblick hat Heider auch in die Situation der Partner, sie weiß, wie es im Gefüge zu krachen beginnt, wenn die meist sehr qualifizierten Partner monatelang einfach keinen Job finden können und die Unterstützung dafür auch kaum vorhanden ist. Beiersdorf arbeite hier mit Unterstützung in der Weiterbildung.

Heiders Wunsch: "Den Behördenprozess vereinfachen und Services rund um die Familienfragen der Expats einrichten". Diese werden derzeit vereinzelt von speziellen Unternehmen, von Executive-Searchern oder von Karriereberatern angeboten. Hans Pieczara, Geschäftsführer der DBM Karriereberatung, ist ein solcher Anbieter - als Ex-Expat hat er auch privaten Zugang zum Thema. Er wünscht sich ein klares Bekenntnis des Landes zur Internationalität und ruft zur Standortfrage in Erinnerung: Nur schön, sicher und sauber alleine sei als Attraktivitätsfaktor nicht genug.
Headquarters Austria (HQ) erheben in einer Studie gerade, wie die Rahmenbedingungen zu HQ-Frage gesehen werden. Erstes Ergebnis: 42 Prozent der Befragten sehen "qualifiziertes Personal" als wichtigste Rahmenbedingung, die Österreich als attraktiver Standort noch nicht erfüllt habe. Dort bestehe "akuter Handlungsbedarf". (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.7.2009)

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    Menschen, die in Österreich arbeiten wollen, haben es schwer mit der Bürokratie

    Buchtipp

    Karin Schreiner: "Mit der Familie ins Ausland" - Ein Wegweiser für Expatriates. Vandenhoeck & Ruprecht 2009, ISBN-10: 3525405006

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