"Fehlendes Angebot führt zu Piraterie"

17. Juli 2009, 09:22
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Spaniens Buchszene bereitet sich auf die digitale Ära vor - mit einer Reihe von Online-Buchplattformen

Spaniens Buchverlage bereiten sich auf ihren Eintritt in die Ära elektronischer Bücher vor. Die drei großen Verlage Santillana, Planeta und Mondadori (Random House) wollen vereint die Zukunft bewältigen. Im Vorfeld der Medien-Revolution, die ihrer Strategie zufolge besser als "Evolution" vonstatten gehen soll, planen die Verlagsgrößen eine Gemeinschaftsplattform für künftige E-Bestseller - just als der klassische Buchhandel im ersten Halbjahr 2009 um sechs Prozent einbrach. Auch der Literaturagenten-Verbandes Adal, der die Autoren vertritt, sucht das Bündnis mit den Verlagen.

E-Books ins Supermärkten

Eine konkurrierende Allianz, 36-L, hob Ferran Soriano, Spanair-Präsident und Ex-Vize-Wirtschaftsrat des FC Barcelona, mit der Kultur-Kooperative Abacus sowie dem Verlag Folch (Grup Cultura 03) aus der Taufe. Deren Idee: Buchhandlungen und Supermärkte sollen E-Books anbieten. Über "Kauf-Codes", die den Download im Geschäft oder per Website erlauben, soll ein Massensterben des Handels verhindert werden.

Wie das Papier-Buch benötige auch das digitale "starke Händler", sagt Jesús Badenas, der die Buchhandlungen von Planeta betreut: "Selbst in fortgeschrittenen Märkten wie den USA oder England hält das E-Book nur 0,6 und 0,1 Prozent des Gesamtumsatzes." In Frankreich wären nach der Kampagne für den Sony-Reader zwar rund 6000 Lesegeräte verkauft worden, aber nur 15.000 Titel fanden per Download den Weg zum Kunden.

Allerdings zeigen Verkaufszahlen des Onlinehändlers Amazon aus den USA, dass sich der Markt bei ausgereiften Angeboten auch sehr schnell zugunsten des E-Books entwickeln kann. So erklärte Amazon-Chef Jeff Bezos bei der Vorstellung seines jüngsten E-Readers "Kindle 2" im Mai, dass bei Titeln, die sowohl als gedrucktes Buch sowie als Download angeboten werden, bereits ein Drittel der verkauften Exemplare elektronische seien - innerhalb eines Jahres.

Sorge um Piraterie

Die Zeit dränge, "wir müssen digitale Bücher anbieten, bevor es eine Nachfrage gibt", sagt Javier Martín von der Literatur-Agentur Carmen Balcells: "Wenn Leser nicht das finden, was sie wollen, tendieren sie zur Piraterie." Rund 30 Bücher stellt die Agentur der Plattform Leer-E bereit, die sich um die Digitalisierung kümmert. 100 weitere werden folgen.

Web-Tauschbörsen zeigen, dass der Bedarf im angelsächsischen wie deutschsprachigen Raum existiert. Findige spanische Anbieter gibt es schon mit librodot.com (Gratis-Content) und der ersten Hispano-Plattform Todoebook.com. Seit 2000 vereint sie Kauf- und Gratistitel kleiner und wissenschaftlicher Verlage.

Die "Großen Drei" wollen nun bis zur Krisenjahr-Weihnacht 2009 in Eigenregie Reader und E-Bücher massiv lancieren. Diesen November wird sich 36-L von Soriano und Folch mit einer Investition von 2,7 Millionen Euro auf den katalanischen und spanischen Markt stürzen. Mit Vives und Abacus zählen sie auf 25 Geschäfte in Katalonien. Entgegen der "Dreier-Allianz" bauen sie nicht auf "Exklusiv-Autoren" - ein Vorteil - und sie legen sich die Latte hoch: 5000 E-Titel wollen sie heuer verkaufen.

Aus Fehlern der Musikindustrie lernen

Als zusätzlichen Anreiz für Autoren zum Umstieg auf das elektronische Buch soll ein höherer Einnahmen-Satz als das Zehntel des Ladenpreises sein, das ihnen beim gedruckten Buch zukommt. Was sie allerdings dann tatsächlich erhalten würden wäre weniger, da die E-Titel für Käufer aufgrund wesentlich geringerer Produktionskosten billiger wären.

"Man wird aus den Fehlern der Musikindustrie lernen müssen", kommentiert Inge Kralupper, Geschäftsführerin des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels die Entwicklung. Da hierzulande erst seit April Lesegeräte im Handel sind, erwartet sie diesen Herbst einen ersten Anstieg der Nachfrage nach digitalen Büchern. Ihre Einschätzung: "Es wird ein stetig wachsender Markt, ähnlich dem der Hörbucher, der aber in den kommenden drei Jahren nicht das reguläre Buch überholen wird." (Jan Marot aus Granada/DER STANDARD Printausgabe, 17. Juli 2009)

  • Schön langsam schwindelt sich auch in Europa das E-Buch in die Regale, in Spanien bereiten Verlage und Literatur-Agenturen mehrere Initiativen für den künftigen Vertrieb vor.
    foto: standard/fischer

    Schön langsam schwindelt sich auch in Europa das E-Buch in die Regale, in Spanien bereiten Verlage und Literatur-Agenturen mehrere Initiativen für den künftigen Vertrieb vor.

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