Der Tellerrand und der eigene Saft

16. Juli 2009, 18:14
12 Postings

Die 36. Saison der Bundesliga hebt an, sie erfreut sich steigender Beliebtheit und leidet unter dem wachsenden Abstand zur europäischen Spitze

Wien - Saisonstart im Pekinger Olympiastadion: Meister Red Bull Salzburg und Cupsieger Austria Wien machen sich genau ein Jahr nach der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele im sogenannten Vogelnest den österreichischen Supercup aus. Das finanzielle Angebot für die weite Reise war zu verlockend.

So weit, so geträumt. Tatsächlich beginnt die Saison im heimischen Kick heute, Freitag, mit dem Heuler zwischen Aufsteiger Magna Wiener Neustadt und Austria Kärnten. Das Vogelnest bespielen dafür am 8. August Inter Mailand und Lazio Rom - italienischer Supercup also. Das österreichische Pendant interessiert nicht einmal daheim, es wurde abgeschafft. Den ordentlichen, quasi festlichen Auftakt gab es letztmals 2004.

Dabei lässt sich Österreichs Fußball durchaus gut verkaufen, geradezu Euphorie vermeint Bundesliga-Vorstand Georg Pangl zu verspüren, trotz der dramatisch kurzen Pause von nicht einmal sieben Wochen zwischen der 35. und der 36. Saison seit der Bundesliga-Gründung 1974. Knallvolle Testspiele gegen allerdings äußerst prominente Gegner (Bayern München, Schalke 04, FC Liverpool) nähren die Hoffnungen, dass sich die positive Zuseherentwicklung der vergangenen Jahre fortsetzt.

Der Zuspruch hat sich gegenüber der absoluten Minus-Saison 1984/85, als im Schnitt nur 2613 Menschen die 240 Partien der damaligen 16er-Liga sehen wollten, nahezu vervierfacht. Der diesbezügliche Rekord steht seit der Saison 2007/08 bei durchschnittlich 9284 Zusehern (180 Partien).

EURO-Ermattung 

Der Rückgang auf 9027 in der Vorsaison wurde mit einer gewissen EURO-Ermattung im Fanreservoir begründet. In absoluten Zahlen gab es seit 1997/98, als die magische Grenze erstmals überschritten wurde, nur zwei Spielzeiten, in denen weniger als eine Million Zuseher das Oberhaus beehrten. Auch hier ist die Zahl von 2007/08 am imposantesten: 1,671.157.

Der Vergleich mit der europäischen Liga mit dem höchsten Zuschauerzuspruch hinkt selbstredend. Die Deutsche Bundesliga mit ihrer ungleich besseren Stadien-infrastruktur kam in der Vorsaison auf einen Rekordschnitt von 41.904 Fans bei 306 Spielen, gesamt also auf mehr als 12,8 Millionen. Relevanter sind Zahlen von EURO-Partner Schweiz. Die Super League beklagte 2008/09 einen massiven Rückgang um 351.000 Fans, kam aber immer noch auf insgesamt 1,613.489 Zuseher in den 180 Partien (Schnitt: 8964).

Über die Finanzkraft des österreichischen Elitekicks sagen die Zuschauerzahlen ohnehin relativ wenig aus. In einer für 2007/08 von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte erstellten Studie, die für Europas Fußball einen Gesamtumsatz in Höhe von 14,6 Milliarden Euro errechnete, kommt Österreichs Liga auf einen Umsatz in Höhe von 139 Millionen. Jenseits des Tellerrands: 145 Millionen setzten die Tottenham Hotspurs um. Der englische Traditionsklub, in den vergangenen Jahren mäßig erfolgreich, liegt in der von Real Madrid (365,8 Millionen) angeführten Deloitte-Liste ("Money League") auf Rang 14.

Dass Geld Tore schießt, lässt sich am ehesten im europäischen Vergleich belegen. In der Uefa-Fünfjahreswertung, in die sämtliche Europacupspiele des namengebenden Zeitraums einfließen, liegen vor der neuen Saison in dieser Reihenfolge England, Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich voran, also die Länder mit den fünf umsatzstärksten Ligen.

Ressourcenverschwendung 

Österreich ist nur auf Rang 26 zu finden, viel schlechter platziert als in der Umsatzrangliste. Vergleichbare oder wesentlich ärmere Ligen wie jene der Schweiz (14.), Bulgariens (17.) oder Zyperns (20.) sind nicht einmal in Schlagdistanz. Und Blamagen gegen Vertreter ballesterischer Armenhäuser wie Irland (30.) sind immer drinnen, siehe das 1:1 von Meister Salzburg gegen Bohemians Dublin am Mittwoch in der Champions-League-Qualifikation. (Sigi Lützow; DER STANDARD Printausgabe 17. Juli 2009)

  • Artikelbild
    montage: silvia druml
Share if you care.