Opfer wird man schon auf dem U-Bahnsteig

16. Juli 2009, 17:55
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Ein Plus von 18 Prozent bei den Taschendiebstählen in den Wiener Öffis verzeichnete die Polizei im ersten Halbjahr

Der Griff in fremde Taschen wird immer populärer. Die Tricks der Täter sind vielfältig.

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Wien - Sieht man einen Anzugträger, drohen leere Taschen. Nicht weil er ein Banker ist, sondern ein Taschendieb. "Die Täter sind meistens gut gekleidet, mit gepflegten Haaren und Äußerem. Denn selbst wenn man in der U-Bahn eine verdächtige Bewegung bemerkt, glauben die meisten Menschen bei solchen Personen an einen Irrtum" , sagt Josef Jainisch vom Kriminalpolizeilichen Beratungsdienst der Wiener Polizei.

Um 18 Prozent ist die Zahl der Taschendiebstähle in Wiens öffentlichen Verkehrsmitteln im ersten Halbjahr gestiegen - rund 4300 Menschen fehlte nach der Fahrt ihr Eigentum. Die Hotspot liegen in der Innenstadt, wo überhaupt ein Viertel aller Taschendiebstähle vor sich geht. Derzeit ist aber auch die U-Bahn-Station Reumannplatz im Gemeindebezirk Favoriten ein beliebter Tatort, weiß Helmut Greiner vom Bundeskriminalamt.

"Der Anstieg ist durchaus da, allerdings muss man bedenken, dass manche Leute auch Dinge verlieren und dann an einen Diebstahl glauben" , sagt Alfred Tikal, Leiter des Landeskriminalamtes Wien.

Aussagekräftig ist der Anstieg dennoch - denn Zug ist nicht gleich Zug. Bei den ÖBB reist man heuer sicherer. Die Zahl der gemeldeten Diebstähle ist dort im ersten Halbjahr um rund 25 Prozent zurückgegangen.

In den städtischen Öffis wird man schon auf dem U-Bahnsteig zum Opfer, weiß Kriminalist Janisch. "Die Täter sieben nach unterschiedlichen Kriterien aus. Zum Beispiel nach Alter oder der Art der Tasche." Der Diebstahl selbst findet oft gar nicht im Zug statt, sondern beim Einsteigen. "Im Gedrängel ist die ganze Konzentration nach vorne gerichtet." Sogar mit Rasierklingen werden dann Taschen aufgeschnitten. Wie überhaupt Ablenkung das Geheimnis des Erfolges ist. "Eine Variante findet zum Beispiel auf Rolltreppen statt. Ein Täter steht vor dem Opfer, der andere dahinter. Der erste Mann lässt etwas fallen und bückt sich, dadurch kommt es zu Behinderungen, der zweite drückt sich am Opfer vorbei und greift sich die Beute" , schildert Janisch.

Ist man in der Garnitur, ist die Gefahr nicht vorbei. Meistens werden Stehende bestohlen, ein Stadtplan ermöglicht aber auch Beutezüge im Sitzen. "Ein oder zwei Täter breiten dabei einen großen Stadtplan auf und bitten das Gegenüber um eine Auskunft. Unter der Deckung der Karte wird dann die Tasche ausgeräumt."

Geschlechterpräferenzen haben die aus bis zu drei Mitgliedern bestehenden Banden nicht. Herren wird das Geld aus der Gesäßtasche und der Sakko-Innentasche gestohlen - manchmal mit Pinzetten.

Als Präventionstipp gibt Janisch die Abschreckung. "Wenn man als Frau die Handtasche quer über die Brust trägt und eine Hand darauflegt, signalisiert das dem Täter, dass man auf einen Diebstahl gefasst ist. Der sucht sich dann ein leichteres Opfer." Rucksäcke sollte man entgegen ihrer Bezeichnung schon vor dem Einsteigen möglichst abnehmen, und bei Kleidungsstücken alles verschließen, was verschließbar ist. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 17. Juli 2009)

  • Taschendiebe operieren mit allen Tricks: mit Rasierklingen, Stadtplänen und auf Rolltreppen.
    foto: standard/matthias cremer

    Taschendiebe operieren mit allen Tricks: mit Rasierklingen, Stadtplänen und auf Rolltreppen.

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