US-Kreditkartenblase droht zu platzen

16. Juli 2009, 16:15
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Der teils leichtfertige Umgang der US-Amerikaner mit ihren Kreditkarten treibt die Kreditausfallsquoten in die Höhe

Blasen platzen. Früher oder später. Im Sommer 2007 sorgte die Immobilienkrise in den USA für das Anrollen der bis heute dauernden Krisenlokomotive. Private Bauherren mit geringer Kreditwürdigkeit nahmen Hypothekarkredite auf, die Kreditgeber bündelten die schlecht besicherten Darlehen in hochkomplexen Finanzprodukten und verkauften sie weiter. Zahlungsausfälle bei den Kreditnehmern, steigende Zinsen und fallende Immobilienpreise führten letztendlich zum Crash am Immobilien- und am Finanzmarkt. Nun sticht erneut eine sehr spitze Nadel auf eine Blase hin, die bald platzen könnte.

Die steigenden Kreditkartenschulden in den USA hängen als Damoklesschwert über den stark strapazierten Finanzmärkten. Dass die Kreditkarte über dem großen Teich einen ganz anderen Stellenwert hat als in Europa, zeigt alleine die Tatsache, dass im Jahr 2008 gut 78 Prozent der Amerikaner zumindest eine Kreditkarte besaßen (in Österreich gab es laut einer Umfrage ziemlich genau halb so viele Kreditkartenbesitzer). Kreditkarten-Hopping und eine damit verbundene Armada an bunten Plastikkarten sind keine Seltenheit. Das Kaufen auf Pump hatte in den vergangenen Jahren System. Und wenn eine Karte vor Schulden überzugehen drohte, holte man sich entweder eine neue oder nahm eine weitere Hypothek auf das Haus auf. Ein Ausweg, dem die Immobilienkrise einen unüberbrückbaren Schranken vorschob.

Die Schulden sind geblieben, die Verwerfungen an den Kapitalmärkten im Herbst 2008 und der darauf folgende Konjunktureinbruch führten ebenfalls zu einem weiter und stärker angespannten Kreditmarkt. Die teilweise horrenden Gebühren und Zinsen machten den US-amerikanischen Kartenbesitzern nicht nur in den letzten Monaten zu schaffen.

Neues Gesetz

Auch die US-Regierung griff unlängst in das Kredit-Geschehen ein, stieß damit aber auf wenig Gegenliebe bei den Kreditkartenanbietern. Mit dem neuen Kreditkarten-Gesetz sah beispielsweise Visa-Chef Joseph Saunders eine Umstrukturierung der ganzen Branche anbrechen. Das Ergebnis sei, so Saunders, "weniger Kredite für weniger Leute". Ab Februar 2010 werden in den USA nämlich schärfere Auflagen für Kreditkartenunternehmen gelten. Präsident Barack Obama will damit die ohnehin rezessionsgepeinigten Amerikaner entlasten, indem Gebühren und Zinsen für Kreditkarten begrenzt werden. Undurchsichtige und unangekündigte Zinssprünge sowie aggressives Marketing in der Branche verärgerten in den vergangenen Jahren viele. Den Kreditkartenanbietern könnte das neue Gesetz aber milliardenschwere Löcher in den Bilanzen bescheren, befürchten Kritiker und sehen darin auch ein Weiterdrehen der Abwärtsspirale.

Der teils leichtfertige Umgang der US-Bürger mit ihren geliebten Kreditkarten treibt jedenfalls die Schuldenausfallsraten in die Höhe. Im ersten Quartal des laufenden Jahres stieg die Ausfallsquote auf das Rekordniveau von 3,23 Prozent. Das heißt, 3,23 Prozent der säumigen Schuldner sind mit ihren Rückzahlungen mindestens 30 Tage in Verzug geraten. Das Worst-Case-Szenario, das mit den Stress-Tests ausgelotet wurde, beziffert die Ausfälle bei Kreditschulden der größten 19 US-Banken mit 82,4 Milliarden Dollar (60,7 Milliarden Euro). Ökonomen warnten jüngst davor, dass gerade mit den steigenden Arbeitslosenzahlen - derzeit liegt die Quote bei 9,5 Prozent - so viele Amerikaner wie noch nie ihre Kreditkartenschulden nicht rechtzeitig begleichen werden können.

Eine Meinung, die die Finanzdienstleister nicht teilen. Wie viele Schulden unwiederbringlich verloren sind, weisen nämlich die Kreditkartenunternehmen selbst aus. American Express vermeldete diese Woche, die Ausfallsrate des Finanzdienstleisters sei im zweiten Quartal nicht so stark gestiegen wie erwartet, und liege nun bei zehn Prozent. Gerechnet habe man mit 10,5 bis elf Prozent, heißt es aus dem Unternehmen. Im Juni sei die Quote sogar leicht gefallen - eine Tendenz, von deren Fortsetzung American Express überzeugt ist. Auch andere Kreditkartenanbieter wie JP Morgan Chase oder Discover Financial Services haben von sinkenden Ausfallsraten im Juni berichtet.

Viele US-Kreditkartenunternehmen haben allerdings - ähnlich dem Verfahren mit den Hypotheken geringer Bonität - das Kartenrisiko in Wertpapierform weiterverkauft. Platzt also die Kreditkartenblase, kann auch sie weite Kreise ziehen. (rom, derStandard.at, 16.7.2009)

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    Auch die schönste Blase platzt einmal.

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