Gänsehäufeliade

16. Juli 2009, 15:32
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Die Botschaft blieb unausgesprochen, war aber eindeutig: "Duschen nur für Inländer"

Es war gestern. Da schickte T. ein Mail.
Und dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

T schreibt:

"Ein alleinerziehender Vater (seit seinem 6. Lebensmonat in Österreich, seit seinem 16. Lebensjahr Österreicher) geht mit seiner Tochter (7) ins Gänsehäufl (Di, 14.7.09, 15 Uhr), um etwas Abkühlung an diesem brütend heißen Tag (31°C) zu finden. Das Bad ist voll, das Wasser daher nicht wirklich erfrischend. Klar, dass die Tochter mit ihren langen Haaren noch unter die Dusche muss, bevor es nach Hause geht."

"Vom Vater ermutigt, dass sie sich jetzt schon allein in der Damen-Dusche duschen, die Haare waschen und föhnen die könne, betritt es die Sanitärräume im Trakt C, der Papa duscht sich gleich vis a vis. Nach 2 Min. steht Papa wieder auf dem Rasen vor der Tür, um sich sein T-Shirt überzustreifen, nach nur einer Minute folgt Töchterchen mit verstörtem Blick und nassen Haaren. Bevor er dem Kind entlocken kann, was denn los sei, tritt eine Pensionistin mit perfekt gelegter Dauerwelle in Grau vor:"

Baddialog I

"P: Können Sie mich verstehen???
V: Ja!?
P: Sie verstehen mich, ja?
V: Ja, ich verstehe Sie!!
P: Gut. Die Duschen hier sind nur für Kabanenbesitzer reserviert, Sie müssen die Duschen da hinten verwenden!
V: Ich sehe hier aber keinerlei Schilder?
P: Ja, das ist nicht ausgeschildert, leider. (Geht ab.)"

"Die Tochter erzählt nun, dass diese Frau ihr unter der Dusche gesagt habe, dass sie jetzt lange genug geduscht habe, andere Leute wollen ja auch noch warmes Wasser haben. Die Frau hätte ihr dann das Wasser abgedreht, worauf sie gegangen sei. Eine Bad-Mitarbeiterin geht gerade zufällig vorbei."

Baddialog II

"V: Entschuldigen Sie - stimmt, es, dass diese Duschen nur für Kabanenbesitzer reserviert sind?
M: Nein, natürlich nicht. Alle Duschen sind für alle Gäste frei. (Die freundliche Dame spricht mit Akzent.)
V: Danke!"

"Vater geht mit Kind zur Kabanenbesitzerin, die neben ihrem Mann am Gartentisch vor der Türe ihrer Kabane sitzt. Das Bild des Paares erinnert unwillkürlich an so manches Deix'sche Meisterwerk über den Gemeindebau-Adel im Badeurlaub."

Baddialog III

"V: Bitte verzeihen Sie, wenn ich Sie Ihrer Illusionen berauben muss. Aber tatsächlich verhält es sich so, dass diese Duschen, wie alle anderen übrigens auch, für alle Gäste frei zugänglich sind - wie mir die Mitarbeiterin da drüben soeben bestätigt hat.
P: Na die ist ja genau so eine wie Sie ...
V: Was soll denn das heißen?
P: Na keine Inländerin halt ...
V: Wollen Sie damit sagen, dass diese Duschen nur Inländer benutzen dürfen?
P: Haben'S keine Dusche zHaus?
V: Entschuldigung, aber ich wohne auf 150 m2 im ersten Bezirk, habe 6 Zimmer und 2 Bäder ...
P: Na des zahlt eh die Gemeinde Wien ...
V: Sie sind wohl etwas zu lange in der Sonne gelegen ...
P (zu ihrem Mann): Hast das g'hört? So sag doch was, Helmut!
Helmut: A geh, gib endlich a Ruah!"

"Vater geht mit Kind zur Badleitung und wird von einem freundlichen Herrn empfangen. V schildert kurz den Vorfall. Der Herr bedauert zutiefst und versichert, dass das nur sehr selten vorkommt und das es eh immer die selbe Partie sei ("Ich kenne meine Pappenheimer"). Er werde sogleich mit ihnen reden. So etwas dulde er nicht, schließlich sei dies ein öffentliches Bad für alle und auch viele seiner MitarbeiterInnen seien gute Leute mit Migrationshintergrund."

"Fragt sich, wie oft diese "Pappenheimer" Leute (Kinder) mit weniger (sprachlichem) Selbstbewusstsein schon vertreiben konnten und ob denn nicht schon ein einziger gemeldeter und nachweislicher Vorfall zu einer sofortigen Delogierung aus der Kabane (und dem Bad) führen müsste. Darüber konnte mir keine Auskunft gegeben werden." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 16. Juli 2009)

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