Israel muss endlich mit einer tiefgreifenden Aufarbeitung seines Gaza-Feldzugs beginnen
Die Schatten der Vergangenheit holen Israel inzwischen im Wochentakt ein. Am Mittwoch veröffentlichte die dritte renommierte NGO in Folge einen Bericht über den Gazakrieg zum Jahreswechsel. Der Tenor ist immer der gleiche: Die israelische Armee habe viele unschuldige Zivilisten während ihrer dreiwöchigen Kampagne getötet, zu viele, um von "Kollateralschäden" im Kampf gegen die Raketen der Hamas zu sprechen. Noch gravierender:Bei den Vorwürfen geht es nie um die Handlung Einzelner. Der Einsatz menschlicher Schutzschilde im Krieg war gang und gäbe, erzählt etwa ein Soldat im jüngsten dieser Berichte.
Israel dürfte diese Vorwürfe nicht länger ignorieren und sie pauschal als Unfug zurückweisen. Dass Menschenrechtler in der Vergangenheit falsche Anschuldigungen gegen Jerusalem erhoben haben, mag sein. Aber jede Aussage von Palästinensern über israelische Gräueltaten in Gaza mit dem Hinweis auf die dortige Herrschaft der Hamas abzutun ist falsch. Die NGOs dokumentieren ihre Arbeit und suchen sich ihre Gesprächspartner selbst aus. Die Erzählungen von palästinensischer und israelischer Sicht decken sich auch oft. Und welches Interesse hätten israelische Kriegsveteranen zu lügen, fragt sich die Tageszeitung Haaretz zu Recht.
Kein Land der Welt würde tatenlos zusehen, wenn hunderte Raketen gegen seine Bevölkerung abgeschossen werden. Aber auch der Krieg ist keine rechtsfreie Zone. Israel muss endlich mit einer tiefgreifenden Aufarbeitung seines Gaza-Feldzugs beginnen. Sonst wird die Frage immer drängender, was Jerusalem eigentlich verschweigen möchte. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2009)