ORF streicht Budget für Spartensender

15. Juli 2009, 18:07
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Der ORF mobilisiert die nächste Lobby, damit die Regierung ihm Gebühren abgilt: Oberhauser sagt, er kann sich "Sport Plus nicht mehr leisten" - Sein neuer Sportchef Trost will dennoch Bundesliga und Formel 1

Die Filmproduzenten haben schon die letzte Gebührenerhöhung durchgeboxt - und trotzdem nicht die erhofften Aufträge. Die Länderstudios haben die Landeshauptleute mobilisiert, an ihren neun kleinen ORFs nicht zu hart zu sparen. Die Bundesregierung soll den Spardruck mildern, indem sie dem ORF 60 Millionen aus Gebührenbefreiungen ersetzt. Nun ist die nächste Lobby dran.

ORF-Infodirektor Elmar Oberhauser sagte der APA, er habe die sieben Millionen Euro für ORF Sport Plus aus dem Budget für 2010 gestrichen: "Es ist fürchterlich. Sport Plus ist mein Kind, aber ich kann es mir nicht mehr leisten. Schließlich fordert der Stiftungsrat strikte Maßnahmen." Der Rat fordert ein ausgeglichenes Ergebnis 2010. ORF-Chef Alexander Wrabetz räumte nun in Heute ein, dass sich die geplanten 30 Millionen Minus für 2009 nicht halten ließen. DER ST ANDARD berichtete im Frühjahr von solchen Aussagen des ORF-Chefs in den Gremien.

Auf Sport Plus fanden Sportarten wie Volley- oder Basketball Platz, die ORF 1 zu wenig quotenträchtig schienen. Dem ORF-Sport ist klar: Viele Vereine brauchen einen Partner, der das TV-Signal produziert und teils sogar Bestätigungen des ORF, dass das Material auch auf Sendung geht. Sonst könnten sie bei manchen Bewerben gar nicht antreten. Genau da half der Spartenkanal Vereinen. 

Hilft nix, signalisiert der neue Sportchef Hans Peter Trost (50), noch Chefverwalter in der Infodirektion, im STANDARD-Interview: "ORF Sport Plus wird unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr zu finanzieren sein."

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STANDARD: Betreibt der neue Sportchef Sport?

Trost:
Ich hab früher bei ÖMV Stadlau gespielt. Zeitweise auch bei zwei Vereinen, danach bin ich in die Reichsbundauswahl gekommen, und zwar ins Tor. Jetzt lauf ich relativ viel.

STANDARD: Und Motorrad. 

Trost: Das hab ich schon hintangestellt. Zuviel Angst, dass was passiert. 

STANDARD: Wie kommt man vom Producer für "ZiB" oder Kultur zum ORF-Sport?

Trost: Ich hab während meines Studiums als Redaktionsassistent im ORF-Sport begonnen. Dann habe ich in diversen Abteilungen als Urlaubsvertretung gearbeitet. Bis auf die Unterhaltung hab ich im ORF schon alles gemacht.

STANDARD: Sie haben ab 1996 Finanzen, Verwaltung, Organisation im ORF-Sport geleitet. Haben Sie jetzt offiziell den Job, den Sie ohnehin schon immer ausgeübt haben?

Trost: Die Hauptabteilung zu leiten geht weit darüber hinaus. Aber ich war zu 100 Prozent überall mit dabei, auch im journalistischen. Man kann Finanzen und Ressourcen nicht vom Inhalt trennen.

STANDARD: Was haben Sie sich vorgenommen, wo Sie's jetzt offiziell sind? 

Trost: Wir müssen uns fragen: Was bekommen wir vom Zeitbudget unseres Publikums? Das schaffen wir nur durch wirkliche Qualität des Journalismus, Glaubwürdigkeit. Indem wir anbieten, was die Leute sehen wollen. Andererseits, wenn man sich ansieht, wie wenige Kinder nur noch Sport betreiben und die Verbände unter der Wirtschaftskrise leiden. Wenn die keine Plattform haben, wird es unheimlich schwer, Kinder und Jugendliche für Sport zu begeistern. Das ist mit ein Anliegen.

STANDARD:  Infodirektor Elmar Oberhauser hat Kürzungen genau bei weniger massenattraktiven Sportarten angekündigt. Das müssen Sie umsetzen.

Trost: Selbstverständlich. Unter diesen ökonomischen Rahmenbedingungen müssen wir schauen, wo wir Prioritäten setzen. Wo kann man durch straffere Abläufe, neue Workflows soviel generieren, dass man trotz Sparkurs etwas beitragen kann, ohne dass das Portfolio zu sehr leidet. Dass das eine sehr ernste Herausforderung wird, ist klar.

STANDARD: Wie hat man sich das beim ORF Sport Plus unter den gegebenen Bedingungen vorzustellen. 

Trost: Das wird unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr zu finanzieren sein. Das ist das Problem.

STANDARD: Gar nicht? 

Trost: Im Moment schaut es danach aus, wir haben im kommenden Budget kein Geld, weil Sparen verordnet ist.

STANDARD: Das heißt, viele dieser Sportarten kommen unter diesen Bedingungen in ernste Schwierigkeiten. 

Trost: Könnten sie. Das ist natürlich keine erstrebenswerte Situation. Aber wir müssen die Finanzierung des ORF im Auge behalten.

STANDARD: Die Rechte für die Champions League sind praktisch ausverhandelt. Für den ORF wurde es billiger als bisher, weil auch Sat.1 in Österreich die Spiele zeigen kann?

Trost: Wir können aussuchen, welches Spiel wir spielen. Spiele der Österreicher exklusiv beim ORF. 

STANDARD: Die Verhandlungen über die TV-Rechte an der Bundesliga stehen wieder an. Offenbar hat Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz Interesse daran für seinen neuen Kanal Servus TV. Mitbieter kommen Ihnen nicht gerade gelegen, wenn es - laut Oberhauser - ja billiger werden muss.

Trost: Ökonomisch sinnvoll. Wir werden sehen, wie wir das definieren. Mit der Bundesliga laufen die Gespräche gerade erst an. Mit Servus TV habe ich mich noch nicht befasst.

STANDARD: Wo liegt die Schmerzgrenze? 

Trost: Das kann ich nicht sagen. Oberhauser hat schon gesagt, dass es schwer wird. Wir müssen uns auch erst ansehen, in welchen Zeitzonen wir was zeigen können.

STANDARD: Premiere startet als Sky neu durch, auch da könnte Konkurrenz um Rechte auf Sie zukommen, etwa bei der Bundesliga. War ja alles schon einmal da, als ATV und Premiere dem ORF die Rechte wegtgekauft haben.

Trost: Mit Premiere, jetzt Sky, haben wir ein völlig friktionsfreies Verhältnis.

STANDARD: Die Rechte an der Formel 1 laufen 2011 aus. 

Trost: Schauen wir uns in Ruhe an, auch wie wir ökonomisch dastehen. Natürlich ist das ein wesentlicher Punkt, vor allem mit den vielen dort engagierten Österreichern. Aber sicher ist die Formel 1 ein Thema, keine Frage.

STANDARD: Aber auch sie müsste billiger werden. 

Trost: Kann ich so nicht sagen. Das müssen wir uns anschauen. 

STANDARD: Ist ein ein zeitgemäßer Sport, viel Treibstoff in wenig Zeit zu verblasen?

Trost: Es gibt ein hohes Zuschauerinteresse.

STANDARD: Verhandeln da Sie oder ist das Chefmenü? 

Trost: Wir haben schon bisher die großen Dinge gemeinsam gemacht. Das wird auch weiter so sein. Die Führung hat natürlich der Direktor.

STANDARD: Was macht der Infodirektor jetzt eigentlich ohne seine langjährige rechte Hand? 

Trost: Ich bin ja nicht aus dem Unternehmen weg. Ich werde ihn weiter unterstützen, wo ich kann. 

STANDARD: Die Situation des ORF ist, vorsichtig ausgedrückt, herausfordernd ... 

Trost: ... sehr herausfordernd. 

STANDARD: Was bleibt nach den Sparvorgaben, die vor allem auch das Programm treffen, noch über für Programmacher wie Sie?

Trost: Eh. Das ist genau das Kerngeschäft der nächsten Wochen, die Budgets für nächstes Jahr. 

STANDARD: Ist es nicht die Kernaufgabe von öffentlich-rechtlichen Sendern, jene Sportarten abzudecken, die Private nicht machen?

Trost: Wir müssen natürlich ein Programm anbieten, das die Menschen sehen wollen. Es nutzt ja nichts, wenn niemand zuschaut. Sport Plus war ein wesenlicher Bestandteil unseres Angebots.

STANDARD: Die Medienbehörden wurden nach dem neuen ORF-Gesetz von 2001 jedenfalls anfangs recht häufig bei Sonderwerbeformen im Sport fündig.

Trost: Es ist völlig klar, dass wir aufmerksam und sensibel drauf schauen, dass es zu keiner Vermischung von Ökonomie und Journalismus kommt. Keine Frage.

STANDARD: Dem ORF-Sport wird Parteinahme bis Verhaberung vorgeworfen. 

Trost: Das hat Oberhauser gründlich abgestellt. Als Maxime muss gelten:_Kritische Distanz, aber respektvoller Umgang. Natürlich gibt es Naheverhältnisse, wenn man beim Skizirkus wochenlang unterwegs ist und den einen oder anderen besser kennt. Auch das wird man sich in aller Ruhe anschauen.

STANDARD: Ihre Vorstellungen in Sachen Moderation? 

Trost: Alles Personelle möchte ich zuerst intern mit der Mannschaft besprechen. Die Mannschaft ist sehr gut aufgestellt. Es spricht nichts dagegen, sich weiterzuentwickeln. In jeder Form.

STANDARD: Neue Sendungen? 

Trost: Auch damit werden wir uns intern, in einer Klausur beschäftigen. Das Grundkonzept passt. (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 16.7.2009/Langfassung)

  • "Wir haben kein Geld": Der neue ORF-Sportchef Trost zum Spartensender.
    foto: standard/newald

    "Wir haben kein Geld": Der neue ORF-Sportchef Trost zum Spartensender.

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