Politikercasting im Wahlkampf

15. Juli 2009, 17:55
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Bei den Parlamentswahlen im Oktober tritt eine Protestpartei an, die ihre Kandidaten von einer Jury auswählen lassen will

Wer für Občané.cz Politik machen will, muss sich 15 Minuten lang präsentieren.

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Der langsam anlaufende Wahlkampf in Tschechien treibt bereits seine ersten eigentümlichen Blüten. Erstaunlich viele neue Parteien wittern bei den vorgezogenen Neuwahlen Morgenluft und wollen versuchen, im Oktober die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden und ins Prager Abgeordnetenhaus zu gelangen. Aber wie kann man als neue Partei die oft politikverdrossenen Mitbürger überzeugen, sich als Kandidaten für die Wahlen aufstellen zu lassen? Eine der politischen Neugründungen, die Partei Občané.cz (auf Deutsch: Bürger.cz), will völlig neue Wege beschreiten: Sie will ihre Parlamentskandidaten in Castingshows finden.

Das Prinzip klingt einfach und ist vielen Tschechen aus diversen Fernsehshows bekannt. Jeder Bürger, der an der Auswahl teilnehmen will, kann sich auf der Homepage der Partei eintragen. In den kommenden sieben Wochen wird in jedem der vierzehn Wahlkreise von einer dreiköpfigen Jury eine Auslese der künftigen Kandidaten vorgenommen. Unter den Juroren soll sich stets ein Vertreter des Parteivorstands, eine bekannte lokale Persönlichkeit wie auch eine Persönlichkeit aus dem Fernsehen befinden. Als qualifiziert gelten diejenigen Bewerber, denen es im Rahmen eines 15-minütigen Auftritts gelingt, die Juroren von sich und ihren Qualitäten zu überzeugen.

Die Fernsehkameras sollen sowohl während des Auftritts vor der Jury wie auch hinter den Kulissen dabei sein, um maximale Transparenz zu gewährleisten. Die Sieger und somit künftigen Kandidaten fürs Parlament sollen dann im Umgang mit Medien gecoacht werden

Transparenz wird von der neuen Partei überhaupt ganz groß geschrieben. Im Mittelpunkt der Partei sollen laut Eigenbeschreibung der Bürger und dessen vermeintliche Interessen stehen. Občané.cz tritt für niedrige Steuern, ein Mehrheitswahlrecht, Recht und Ordnung wie auch für die Direktwahl von Staatspräsident und Bürgermeistern ein. Den gegenwärtigen Parteien und ihrem "Machtkartell" will die Obèané.cz den Kampf ansagen.

1960 Euro Mitgliedsbeitrag

Um Offenheit ist die Partei auch in der Finanzierung bemüht, denn schließlich verlangt sie von den Parteigängern die mit Abstand höchsten Mitgliedsgebühren - in der Höhe von 50.000 Kronen jährlich (knapp 1960 Euro). Aber auch hierfür hat die Parteileitung eine einfache Antwort parat: Wer sich die Mitgliedschaft bei Občané.cz im wahrsten Sinne des Wortes leisten könne, wolle wirklich Politik betreiben, um im Land etwas zu verändern - nicht aber, um sich persönlich zu bereichern.

Politisch ist die Protestpartei nicht leicht einzuordnen. Lediglich der Umstand, dass zu ihren Gründern mit dem Unternehmensberater Petr Havlík ein früherer enger Weggefährte und Berater von Präsident Václav Klaus gehört, lässt auf die politische Stoßrichtung deuten. Havlík wird zusammen mit Klaus oft als Gründervater der rechtsliberalen Demokratischen Bürgerpartei (ODS) bezeichnet, hat aber, wie Klaus, mit seiner früheren Partei gebrochen. (Robert Schuster aus Prag/DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2009)

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    foto: ob�?ané.cz
  • Die Partei Občané.cz will möglichst bürgernahe Politiker rekrutieren. Auch Exgeneral Tomáš Sedláček und Künstler treten auf.
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    Die Partei Občané.cz will möglichst bürgernahe Politiker rekrutieren. Auch Exgeneral Tomáš Sedláček und Künstler treten auf.

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