Vom Vergnügen des Lesens in historischen Sälen

15. Juli 2009, 17:47
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Trotz Digitalisierung nutzen immer mehr Benutzer die Lesesäle der Österreichischen Nationalbibliothek. Diese antwortet mit längeren Öffnungszeiten und neuen Räumen

Wien - "Tempora mutantur" , die Zeiten ändern sich, und die Österreichische Nationalbibliothek in ihnen. Und das mit einer Rasanz, die dem Zeitalter der Digitalisierung entspricht. Eine Verwandlung, die sich jedem Eintretenden auf den ersten Blick offenbart: In dem Freiraum gegenüber dem Haupteingang am Heldenplatz, dort, wo noch vor wenigen Jahren in metallenen Kästen nach den Karteikarten der Buchbestände geforscht wurde, stehen heute rote Wittmann-Möbel und laden zum Verweilen ein.

Suche und Bestellung erfolgen längst via Internet - von zu Hause aus. Betritt man die Nationalbibliothek, liegt das bestellte Buch im Normalfall lesebereit an der Ausgabe. Viele Recherchen sind gänzlich vom eigenen Schreibtisch aus zu erledigen: So wurden weit über 200.000 Fotodokumente des Bildarchivs der ÖNB digitalisiert und im Netz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das Projekt Anno (AustriaN Newspaper Online) arbeitet an der Digitalisierung der vorhandenen Zeitungsbestände. Historische Blätter, etwa aus den Tagen des Ersten Weltkriegs, können gezielt, Seite für Seite, am eigenen Bildschirm gelesen werden. In Wien ebenso wie in Australien.

Überfüllte Lesesäle

Fast paradox mutet es daher an, dass sich die Auslastung der Lesesäle der ÖNB nicht verringert, sondern vielmehr bis zur permanenten Überfüllung gesteigert hat.

Was auch an den geänderten Öffnungszeiten liegen mag. Wer noch vor 15 Jahren parallel in Berlin und Wien recherchierte, empfing von der österreichischen Institution ein eher desolates Bild: Hatte die Berliner Staatsbibliothek täglich bis 22 Uhr geöffnet, schloss die ÖNB bereits um 19.45 Uhr ihre Pforten, samstags gar um 13 Uhr - und während der beiden Sommermonate war selbst der Hauptlesesaal längstens bis 15.45 Uhr nutzbar. Für aus dem Ausland angereiste Forscher mit begrenzter Aufenthaltsdauer ein wissenschaftliches Fiasko.

Weshalb in den vergangenen Jahren, unter der engagierten Generaldirektorin Johanna Rachinger, die Öffnungszeiten sukzessive erweitert wurden. Der jüngste Coup gelang Rachinger zum 1. Juli: Seither ist die ÖNB täglich von 9 Uhr bis 21 Uhr benützbar (siehe unten). Selbst am Samstag! Im verschlafenen Österreich eine kleine Sensation.

Auch dem gewachsenen Raumbedürfnis wird Rechnung getragen: Verbarg sich hinter der schönen großen Holztür rechts im Eingangsbereich bisher der Weiße Saal des Völkerkundemuseums, so wurde dieser von Rachinger nun angemietet und soll ab 1. Jänner 2010 als sogenannter "Austriaca-Lesesaal" den Nutzern zur Verfügung stehen. Ausgerüstet mit WLAN, wie alle Lesesäle. Eine weitere Antwort auf die technische Entwicklung: Schließlich arbeiten heute achtzig Prozent der Bibliotheksbesucher mit ihrem Laptop.

Renoviert und vorsichtig mit neuester Technik ausgestattet wird auch der Augustiner-Lesesaal. Der einst die Bibliothek des benachbarten Augustiner-Klosters beherbergende, mit historischen Fresken und Regalen bestückte Raum gleicht derzeit einer kostbaren Baustelle. Auch er wartet, in klösterlicher Stille, ab Jänner auf Leser. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.7.2009)

 

Öffnungszeiten

Alle Lesesäle der Modernen Bibliothek in der ÖNB sind nun ganzjährig täglich Montag bis Samstag von 9.00 bis 21.00 Uhr geöffnet:

- Hauptlesesaal (Ls 1), Heldenplatz, Mitteltor

- Zeitungs- und Zeitschriften-Lesesaal (Ls 3), Heldenplatz, Mitteltor

- Großformate-Lesesaal (Ls 4), Heldenplatz, Mitteltor, Tiefparterre

- CD-ROM-Benützung und Computerausdrucke, Heldenplatz, Mitteltor, Tiefparterre

- Mikroformen-Lesesaal (Ls 6) und Großformate-Kopierstelle, Heldenplatz, Mitteltor, Tiefparterre

Die jährliche Schließwoche wurde von sieben auf fünf Tage verkürzt und in den frequenzschwächeren Juli (27.–31.7.) verlegt. 

onb.ac.at

 

 

  • Renovierung auf Zehenspitzen und Holzleitern: Der historische Augustiner-Lesesaal der ÖNB wird renoviert und mit neuer Beleuchtung und WLAN ausgestattet. Ab 1. Jänner 2010 wartet er auf Leser ...
 
    foto: robert newald


    Renovierung auf Zehenspitzen und Holzleitern: Der historische Augustiner-Lesesaal der ÖNB wird renoviert und mit neuer Beleuchtung und WLAN ausgestattet. Ab 1. Jänner 2010 wartet er auf Leser ...

     

  • ... wie auch ein vom Völkerkundemuseum angemieteter Raum.
 
 
    foto: robert newald

    ... wie auch ein vom Völkerkundemuseum angemieteter Raum.

     

     

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