Wo der Kanzler noch ein Held ist

16. Juli 2009, 08:39
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Faymann besucht Senioren im Geriatrie-Zentrum Meidling - Eine Stippvisite bei den loyalsten Anhängern der Sozialdemokratie

Josefine Kellner hat noch alle Chancen. Gerade hat sie einen Sechser gewürfelt. Mit drei anderen Damen sitzt sie um den Tisch und spielt "Mensch ärgere Dich nicht". "Was soll ich zuhause machen", sagt Frau Kellner und gibt sich die Antwort gleich selber. "In meinem Wohnhaus gehen alle arbeiten. Hier sind nette Leute, hier hab' ich einen Spaß", sagt die 81-Jährige.

Das geriatrische Tageszentrum in Wien-Meidling besuchen täglich 35 bis 43 Menschen, die hier Frühstück, Mittagessen und eine Jause bekommen, vor allem aber Geselligkeit. Gespielt werden Mühle oder Mikado, manch rüstiger Senior verdrückt sich auch mit einer Packung Zigaretten auf die Sonnenterrasse. "Zum Turnen holen's uns auch manchmal, aber wir folgen nicht, wir hören nämlich nicht mehr so gut", sagt Josefine Kellner verschmitzt. Ein gewöhnlicher Tag im Seniorenzentrum also? Nicht ganz, denn Frau Kellner kündigt schon an: "Ich bin extra für heute zum Friseur gegangen."

Rote Rentner

Und da kommt er auch schon, Bundeskanzler Werner Faymann. In seinem Tross bringt der SPÖ-Chef unter anderem Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek mit. "Ah, Sie haben aber gerade erst angefangen", sagt der Kanzler mit Blick auf das "Mensch-ärgere-Dich-nicht"-Brett. Frau Kellners Gunst ist ihm ohnehin gewiss. "Sehr tüchtig sind Sie", lobt sie ihn, und er solle doch genauso weitermachen.

Der Kanzler macht sich dann weiter auf durch die Gänge des Tageszentrums. Nicht zufällig trägt das Gebäude den Namen Anton Benyas, des legendären Gewerkschafters und SPÖ-Politikers. Zustimmung ist dem - in den Wochen zuvor vielfach gescholtenen - Kanzler hier sicher. Nirgends sonst schlägt der SPÖ noch solch beständige Zuneigung entgegen wie bei älteren Wählern. Laut SORA machten bei der Nationalratswahl im Herbst rund 37 Prozent der Menschen über 59 Jahren bei den Sozialdemokraten ihr Kreuz.

"So viele Einbrecher"

"Ich horch mir die Nachrichten an, aber ich misch' mich nicht viel in die Partei ein", sagt Frau Kellner und lässt keine Zweifel, welche "die Partei" ist. Sie sei eben zufrieden mit ihrer Stadt, mit ihrer Pension, auch mit dem Kanzler. Nur eins vielleicht: "Auf die Ausländer, vor allem auf die, die so stibitzen, soll er ein bissl aufpassen", findet Frau Kellner. Und dass die Regierung alle Staatsgrenzen geöffnet hat, goutiert sie auch nicht. "So freundlich hätten's nicht sein brauchen."

Auch ihre Spielpartnerin Maria Wilner beklagt, dass "noch nie so viele Einbrecher waren" und dass "die Ausländer in die Wohnungen einziehen, wo wir alte Leute raussterben". Generell ist aber auch Frau Wilner recht zufrieden: Die Mahlzeiten im Tageszentrum schmeckten vorzüglich, viel besser als das Essen auf Rädern. Mit ihrer Pension finde sie ihr Auslangen, so wie auch Friederike Simmet, die nicht so oft ins Tageszentrum kommt, weil sie doch in Stammersdorf selbst einen Garten hat.

Männer pflegen nicht

Einer der wenigen Männer im Anton-Benya-Haus ist Herr Sedlak. Seit seine Frau gestorben ist, kommt er regelmäßig ins Tageszentrum. Seine Tochter habe nur einmal in der Woche Zeit für ihn. Hier wird er gebadet, und jeden zweiten Mittwoch malt er Bilder - am liebsten Sonnenblumen und Landschaften -, die dann die Gänge des Zentrums zieren.

Mit der Regierung ist er ebenfalls glücklich: Faymann kümmere sich "um Verschiedenes, was früher nebenher gegangen ist. Warum sollte man die ÖIAG nicht auflösen, wenn sie nicht mehr gebraucht wird? Unter Schüssel ist eh alles privatisiert worden." Dass Frauenministerin Heinisch-Hosek kommt, findet er auch gut. "Hier arbeiten ja vor allem Frauen. Sonst gibt es nur die Zivildiener."

Faymann kein Spielverderber

Kanzler und Ministerin haben sich inzwischen zur vorbereiteten Pressekonferenz im Tageszentrum hingesetzt. Faymann verkündet, dass Pflegeberufe genauso wichtig würden wie "Green Jobs", über die derzeit alle reden. Die stationäre Pflege müsse ausgebaut werden. Während der Regierungschef spricht, wird weiter gewürfelt. Frau Kellner und ihre Spielpartnerinnen verfolgen unverdrossen ihr "Mensch-ärgere-dich-nicht"-Spiel. Erst mit Verzögerung drehen sie sich um und lauschen dem Kanzler. Heinisch-Hosek zitiert gleich Herrn Sedlak. "Außer Zivildienern haben wir keine Männer da." Das müsse sich ändern - die Pflege soll ein attraktiver Beruf werden.

Nachher eilt Frau Kellner unverzüglich zum Kanzler und ergattert ein Bild. Fotografen fragen nach ihrem Namen. Jetzt hat sie das "Mensch ärgere dich nicht" doch aus den Augen verloren. Frau Wilner und Frau Simmet schauen ein wenig ungeduldig. "Das macht nichts", sagt Frau Kellner. "Das läuft uns nicht davon." (Lisa Aigner und Lukas Kapeller, derStandard.at, 16.7.2009)

  • Für gewöhnlich bildet "Mensch ärgere Dich nicht" ein Highlight im geriatrischen Tageszentrum.
    foto: lisa aigner, derstandard.at
    Foto: Lisa Aigner, derStandard.at

    Für gewöhnlich bildet "Mensch ärgere Dich nicht" ein Highlight im geriatrischen Tageszentrum.

  • Ein Kanzlerbesuch ist aber doch etwas anderes.
    foto: lisa aigner, derstandard.at
    Foto: Lisa Aigner, derStandard.at

    Ein Kanzlerbesuch ist aber doch etwas anderes.

  • Frauenministerin Heinisch-Hosek mit Herrn Sedlak. Im Hintergrund: die Bilder des rüstigen Hobbymalers.
    foto: lisa aigner, derstandard.at
    Foto: Lisa Aigner, derStandard.at

    Frauenministerin Heinisch-Hosek mit Herrn Sedlak. Im Hintergrund: die Bilder des rüstigen Hobbymalers.

  • Anschließende Pressekonferenz: Faymann und Heinisch-Hosek preisen die Pflege als krisenfeste Branche.
    foto: lisa aigner, derstandard.at
    Foto: Lisa Aigner, derStandard.at

    Anschließende Pressekonferenz: Faymann und Heinisch-Hosek preisen die Pflege als krisenfeste Branche.

  • Nach einigem Zögern legen die Damen eine Spielpause ein und schauen sich die Pressekonferenz erste Reihe fußfrei an.
    foto: lisa aigner, derstandard.at
    Foto: Lisa Aigner, derStandard.at

    Nach einigem Zögern legen die Damen eine Spielpause ein und schauen sich die Pressekonferenz erste Reihe fußfrei an.

  • Mein Kanzler, der Held: "Sehr tüchtig sind Sie", sagt Frau Kellner zu Werner Faymann.
    foto: lisa aigner, derstandard.at
    Foto: Lisa Aigner, derStandard.at

    Mein Kanzler, der Held: "Sehr tüchtig sind Sie", sagt Frau Kellner zu Werner Faymann.

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