Eroberung von neuen Lebensräumen

14. Juli 2009, 20:05
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Macht, Prestige und möglicher Reichtum sind starke Antriebskräfte - Sie ließen Kolumbus nach Amerika aufbrechen und die US-Amerikaner zum Mond fliegen

In Zukunft könnte der Erdtrabant als "Absprungbasis" für bemannte Marsmissionen dienen.

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"Wir haben uns entschlossen, in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist; weil uns dieses Ziel dazu dienen wird, das Beste aus unseren Energien und Fähigkeiten herauszuholen."

Mit diesen Worten schwor Präsident John F. Kennedy seine Landsleute auf das "Apollo"-Programm ein. Hehre Motive also, wenn man dem charismatischen Präsidenten glauben wollte. In Wirklichkeit ging es aber wohl eher darum, mitten im Kalten Krieg die Kräfte mit der Sowjetunion zu messen. Welches Projekt hätte mehr Ruhm versprochen als eine Mondlandung?

In den Anfangsjahren der Raumfahrt waren die östlichen Experten den US-Amerikanern noch weit voraus gewesen - sie hatten mit "Sputnik" den ersten Satelliten ins All geschossen und 1961 Juri Gagarin als ersten Menschen in eine Erdumlaufbahn gebracht. Aber wegen einiger falscher Systementscheidungen fielen sie danach zurück. So wurde die Landung der US-Astronauten auf dem Mond schließlich zum nationalen Triumph für die USA und zum sichtbaren Beweis für die Überlegenheit des kapitalistischen Systems.

Knapp 500 Jahre zuvor war die Lage ähnlich: Damals hatte Christoph Kolumbus den mutigen Plan gefasst, Indien auf dem Seeweg zu erreichen. Ein großes Ziel: Für die Menschen des Mittelalters war Indien das Wunderland schlechthin. Als sich nun die Idee durchsetzte, dass die Erde eine Kugel sei, beschloss Kolumbus, das Abenteuer zu wagen und nach Indien zu segeln, indem er den Globus umrundete. Damit wollte Spanien aber auch Portugal überflügeln. Der Plan gelang. Dass Kolumbus dabei Amerika entdeckte, war eigentlich ein Versehen.

Profane Antriebskräfte

Macht, Prestige und möglicher Reichtum sind starke Antriebskräfte. Sie sorgen dafür, dass eine ganze Reihe von Nationen - allen voran China, Japan und die USA - erneut zum Mond aufbrechen wollen. Eine Basis soll der Erdtrabant werden, damit der Mensch weiter ins Weltall hinausfliegen kann. Das nächste Ziel soll dann der Mars sein.

Jack Schmitt, der mit "Apollo 17" auf dem Mond war, glaubt fest daran: "Menschen werden zum Mond zurückkehren, sie werden zum Mars fliegen, und ich vermute, dass es in 100 oder 200 Jahren sehr klare Pläne und eine interessante technologische Basis geben wird, um weiter hinaus zu den Sternen zu fliegen."

John Young, sein Kollege von "Apollo 16", meint sogar, dass sich die Menschheit letztlich nur retten kann, wenn sie ein Ausweichquartier im All besitzt: "Dass etwas Schlimmes passieren wird, ist unvermeidlich, sei es der Einschlag eines Kometen oder ein Supervulkan, der ausbricht. Ins Weltall zu fliegen ist riskant, aber hier zu bleiben ebenfalls."

Wenig Wissen über den Mond

Und noch ein weiterer Aspekt kommt für Young hinzu: "Der Mond hat eine Menge Rohstoffe, die wir in diesem Jahrhundert nutzen können." Auch neue Arten der Energieerzeugung sollten erprobt werden, und der Mond könnte noch viel besser erforscht werden: "Wir hatten 18 Leute, die da oben zwölf Tage verbracht haben, und was wissen wir über den Mond? So gut wie nichts."

Auch für die Militärs ist der Erdtrabant von Interesse. Science-Fiction-Autoren haben die Szenarien schon in allen Details ausgemalt: Sollte die Erde bedroht werden von fremden Intelligenzen, bräuchten wir die technischen Voraussetzungen, um entweder auf andere Planeten ausweichen oder die Angreifer wirkungsvoll abwehren zu können.

All diese Argumente beantworten aber dennoch nicht die Frage, warum Menschen große Risiken auf sich nehmen, um Gefahren abzuwehren oder erhofften Reichtum zu erlangen. Psychologen haben hier eher eine Antwort. Sie wissen, dass das Überschreiten von Grenzen manche Charaktere schon immer gereizt hat.

Testpiloten - und die meisten Astronauten waren solche - scheinen zu der waghalsigen Sorte Mensch zu gehören. Sie nehmen es für ihren Beruf in Kauf, sich ständig großen Gefahren auszusetzen. So wäre die Erklärung für das immer weitere Vordringen des Menschen ins All eigentlich ganz einfach: Seine Natur selbst ist es, die auf raffinierte Weise dafür sorgt, dass er seine Grenzen immer weiter nach außen schiebt und neuen Lebensraum erobert. (Brigitte Röthlein/DER STANDARD, Printausgabe, 15.07.2009)

Zur Person
Brigitte Röthlein ist Physikerin und preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin. Jüngste Buchveröffentlichung: "Der Mond - Neues vom Erdtrabanten" (dtv premium, 2008).

  • Die Party ist vorbei, Buzz Aldrin räumt auf: Am 21. Juli begann der Rückflug zurück zur Erde, am 24. Juli landeten Armstrong, Aldrin und Collins um 16.50 Uhr im Pazifik.
    foto: nasa

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