Mobilmachung für den Mars

14. Juli 2009, 19:35
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Für einen bemannten Flug zum Mars hat die ESA 100 Milliarden Euro veranschlagt - Unter Experten ist umstritten, ob die menschliche Fracht die Mehrkosten wert ist

Wenige Raumfahrer haben sich bisher weiter von der Erde entfernt als ein paar hundert Kilometer. Seit die "Apollo 17"-Besatzung am 14. Dezember 1972 den Heimflug antrat, hat niemand mehr den Mond betreten.

Mit der Sonde LRO, die seit zwei Wochen den Erdtrabanten umkreist, hofft die Nasa nun den Vorstoß des Menschen in den weiteren Weltraum einzuleiten. Die von der Sonde gefunkten Bilder sollen nämlich Aufschluss über Landeplätze für künftige bemannte Missionen oder gar einen Standort für eine fixe Station liefern.

Die Rückkehr zum Mond ist aber auch Mittel zum Zweck. Dabei will die US-Raumfahrtbehörde Erfahrungen sammeln für eine Expedition zum eigentlichen Fernziel, dem Mars. Dieser Marschroute hat im Jänner 2004 der damalige US-Präsident George W. Bush seinen Segen gegeben. "Danach hat Bush aber kein Wort mehr darüber verloren und die Zuwendungen an die Nasa sogar gekürzt", schränkt der Raumfahrthistoriker Michael Neufeld ein.

Von Obama sei angesichts der enormen Neuverschuldung kaum zu erwarten, dass er die Pläne seines Vorgängers vorantreibt. Mit einer offiziellen Stellungnahme wird das Weiße Haus wohl eine für September erwartete Evaluation der Nasa-Pläne abwarten.

Bereits vor zwanzig Jahren rechnete die US-Raumfahrtbehörde für ein Programm, das im bemannten Vorstoß zum äußeren Nachbarplaneten der Erde gipfelt, mit Kosten von 400 Milliarden US-Dollar. Das europäische Marsprojekt "Aurora" will es mit deutlich weniger Geld schaffen: Rund 100 Milliarden Euro hat die Europäische Weltraumorganisation Esa bis zur bemannten Landung veranschlagt.

Verhältnismäßige Kosten

Wenn man berücksichtige, dass sich die zivilen und militärischen Aufwendungen für die Raumfahrt weltweit auf jährlich mehr als 50 Milliarden Euro summieren, findet Norbert Frischauf die genannten 100 Milliarden nicht zu viel für die erste menschliche Exploration eines anderen Planeten. Schließlich stille so ein Projekt einen der Menschheit quasi in den Genen liegenden Entdeckungshunger, argumentiert der seit 1997 im Österreichischen Weltraumforum engagierte Astrophysiker.

Vor drei Jahren hat Frischauf eine Marsmission simuliert. In der Wüste von Utah, wo es ein bisschen aussieht wie auf dem roten Planeten, führte er mit einer sechsköpfigen Gruppe zwei Wochen lang Experimente durch. Der wissenschaftliche Ertrag ist unklar, aber publizistisch war "Austromars" ein Erfolg. Für eine Entscheidung, ob tatsächlich Menschen zum Mars geschickt werden sollen, sei es zu früh, räumt Frischauf ein.

Zunächst müsse man die Erkenntnisse unbemannter Missionen abwarten. Allerdings ist er überzeugt, dass eine menschliche Besatzung mehr leisten kann als Roboter, "die nur vorbereitete Experimente durchführen können. Menschen sind flexibler."

Wolfgang Baumjohann, der das Institut für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz leitet, glaubt nicht, dass Roboter unterlegen sind. Er sieht aber, dass Menschen an Bord die Kosten enorm in die Höhe treiben. Baumjohann geht eher von 500 Milliarden Euro aus und damit weit über Faktor hundert so viel wie eine entsprechende Robotermission. Durch wissenschaftlichen Mehrwert sei dieser Kostenunterschied nicht zu rechtfertigen.

Auf einer Tagung des Europäischen Instituts für Raumfahrtpolitik (Espi) in Wien drückte Baumjohann sich verklausulierter aus: "Soll der Mensch zum Mars, um ihn zu erkunden? Nein. Soll der Mensch zum Mars und ihn erkunden? Ja." Im Klartext: Wenn man, warum auch immer, schon einmal dort ist, soll auch geforscht werden.

Bei der Tagung, deren Beiträge im Band Humans in Outer Space - Interdisciplinary Odysseys gedruckt vorliegen, war der IWF-Direktor damit die kritischste Stimme. Die übrigen Geladenen, einschließlich einiger Sozialwissenschafter und Juristen, taten ihr Bestes, Gründe für die menschliche Exploration des Weltalls zu liefern. Rudolf Albrecht, ein voriges Jahr pensionierter Esa-Mitarbeiter, formuliert es drastischer: "Dass der Mensch sich das Universum untertan macht, ist in der Esa und vor allem der Nasa Parteilinie, um davon abzulenken, dass es eigentlich darum geht, Steuergeld in die Luft- und Raumfahrtindustrie zu pumpen."

Die Kosten bemannter Missionen treiben vor allem drei Faktoren in die Höhe: Das Raumschiff muss erheblich größer sein als nur für den Transport von Robotern, Kameras und Messgeräten. Man kann das alles nicht einfach zurücklassen, sondern muss zurückfliegen und dabei die Marsanziehungskraft überwinden. Außerdem braucht es zum Mars Sauerstoff, Treibstoff und Verpflegung für mehr als ein Jahr.

Was die Vorräte betrifft, ist Norbert Frischauf optimistisch, das auf dem Mars vorhandene Wasser und Methan nutzen zu können. Vielleicht lassen sich dank der dünneren Atmosphäre trotz größerer Entfernung zur Sonne Solarzellen einsetzen. Aufschluss darüber verspricht "Exomars". Um 2017 herum will die Esa ein Fahrzeug, das auch Bodenproben aus bis zu zwei Metern Tiefe entnehmen kann, über den Mars fahren lassen.

Forscher versus Funktionäre

Wenn es nach Wolfgang Baumjohann ginge, könnte "Exomars" ehrgeiziger sein. Aus Kostengründen seien einige für die Forschung interessante Messungen nicht mehr vorgesehen. Von Astrophysikern ist häufig zu hören, dass Esa und Nasa bei der Wissenschaft sparen statt an der bemannten Raumfahrt. Zugleich übertreiben Raumfahrtfunktionäre den wissenschaftlichen Wert bemannter Missionen.

So gilt der Ertrag der in der Internationalen Raumstation durchgeführten materialwissenschaftlichen Experimente als dürftig. Am meisten profitiert hat die Weltraummedizin. Die braucht freilich nur, wer überhaupt Menschen ins All schießen will. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 15.07.2009)

  • Der legendäre Schuhabdruck auf dem Mond. Damit Menschen auch auf dem Mars ihre Fußspuren hinterlassen können, sind laut Nasa 400 Milliarden Dollar, laut Esa 100 Milliarden Euro zu veranschlagen.
    foto: nasa

    Der legendäre Schuhabdruck auf dem Mond. Damit Menschen auch auf dem Mars ihre Fußspuren hinterlassen können, sind laut Nasa 400 Milliarden Dollar, laut Esa 100 Milliarden Euro zu veranschlagen.

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