Bulgarisches Ehepaar soll ein Mädchen und ihre Verwandte nach Wien gelockt, brutal zum Betteln gezwungen und vergewaltigt haben
Wien - In Bulgarien war dem 14-jährigen Mädchen und ihrer um sechs Jahre älteren Verwandten versprochen worden, sie könnten in Wien als Babysitterinnen oder Reinigungskräfte arbeiten. Staatsanwalt Leopold Bien fällt es nicht leicht, das zu schildern, was nach der Ankunft des Mädchens und der jungen Frau geschah: "Manche Verbrechen sind ungeheuerlich und schwer in Worte zu fassen."
Sklavenähnliche Bedingungen
Keine Spur von Babysitten oder Putzen: Die beiden jungen Bulgarinnen landeten in einer Wohnung in Wien-Fünfhaus, wo sie von einem bulgarischen Ehepaar unter sklavenähnlichen Bedingungen zum Betteln gezwungen wurden.
Miete musste eingearbeitet werden
Die 40-jährige Frau dürfte laut Anklageschrift den Ton angegeben haben. Das Paar hatte die Wohnung um 1000 Euro untergemietet - diese "Unkosten" sollten das Mädchen und ihre Verwandte möglichst rasch wieder hereinbringen.
Mindestquote oder Schläge
Ihnen wurde eine Mindestquote vorgeschrieben, berichteten sie. Das Geld hatten sie jeden Tag nach ihren Betteltouren abzuliefern. Brachten sie nicht genug - setzte es Strafen. Schläge mit dem Eisenrohr, die Essensrationen wurden reduziert oder abgesetzt.
Vergewaltigt
Wie die Mädchen berichteten, seien sie eines Abends auch unter äußerster Gewaltanwendung vergewaltigt worden. Die Frau habe sie an ein Treppengeländer gefesselt und geknebelt - als der Mann von ihnen ablassen wollte, habe sie ihn auch noch aufgefordert, weiterzumachen.
Flucht in die Botschaft
Das Martyrium der Mädchen flog erst nach einigen Monaten auf, als die beiden in die bulgarische Botschaft flüchteten, um Hilfe baten und schließlich den heimischen Behörden berichteten, was ihnen widerfahren war.
Ehepaar bekannte sich für nicht schuldig
Das angeklagte Ehepaar bekannte sich am Dienstag im Wiener Straflandesgericht weitgehend für nicht schuldig: Die Mädchen hätten schon in Bulgarien gewusst, was sie in Wien tun sollten - auch ihre Verwandten hätten gewusst, dass sie betteln würden. Die Frau gab lediglich zu, vor allem die Jüngere ein paar Mal geschlagen zu haben. Warum? "Sie ist am Abend nicht nach Hause gekommen. Ich fühlte mich verpflichtet, auf sie aufzupassen."
Und die Vergewaltigung? Zu der sei es nie gekommen, sagte der Angeklagte: "Ich habe seit 20 Jahren eine Ehe. Ich habe vier Kinder und acht Enkelkinder. Wie stellen Sie sich vor, dass ich das mache?" Und seine Frau meinte zu den Anschuldigungen der Mädchen: Die "machen mich ratlos".
Mädchen hätten es gut gehabt
Der Angeklagte erklärte, er habe nicht gegen das Gesetz verstoßen. Ein "Bestrafungsregime", wie es Staatsanwalt Bien beschrieben hatte, habe es nicht gegeben. Nach seiner Darstellung hätten es die Mädchen sogar gut gehabt: "Sie sind spazieren gegangen, waren im Internet-Café und haben Computer gespielt."
Wohnung seit Jahren von Bettelbanden genützt
Die Wohnung, die ein gebürtiger Serbe dem Ehepaar vermietet hatte, ist nach den Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden seit Jahren von südosteuropäischen Bettelbanden genützt worden, die sich auf Kinder "spezialisiert" haben. Der Vermieter ist untergetaucht.
Ein Urteil gab es am Dienstag noch nicht - der Prozess wurde für eine weitere Beweisaufnahme auf den Herbst vertagt.
Bettelverbot mit Kindern
Betteln von oder in Begleitung mit Kindern ist in Wien seit Juni 2008 verboten. Wer Minderjährige zum Betteln veranlasst oder mitführt, muss mit einer Verwaltungsstrafe bis zu 700 Euro oder einer Woche Gefängnis rechnen.
Diskussion um Bettelverbot
Ein generelles Verbot, das auch "passives" Betteln ahndet, wurde 2006 im steirischen Fürstenfeld erlassen. Nach der Beschwerde eines Bettlers aus der Slowakei wurde es allerdings im Jänner dieses Jahres vom Verfassungsgerichtshof wieder aufgehoben. Ein neuer Vorstoß, die Bettelei-Paragrafen im steirischen Landessicherheitsgesetz zu verschärfen, wurde verschoben: SPÖ und ÖVP konnten sich nicht einigen, ob nur die Hinterleute oder auch "organisiert" Bettelnde - wie von der VP gefordert - belangt werden sollen.
Die Wiener ÖVP fordert ein generelles Bettelverbot - was von der SPÖ abgelehnt wird. (APA, frei, DER STANDARD Printausgabe, 15.07.2009)