Wenn sich ein Genieverdacht bestätigt

14. Juli 2009, 18:03
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Zwei Alben des verstorbenen Blue-Eyed-Soul-Sängers Jim Ford wurden nun beim Label Bear Family erstmals veröffentlicht

Zwei gute Gelegenheiten, sich vor diesem (fast) Unbekannten in den Staub zu werfen.

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Wien - Solche Geschichten liebt die Welt: Ein fast vergessenes Genie stirbt am Vorabend einer sich anbahnenden zweiten Karriere in einem Trailerpark. Posthum werden zwei Alben veröffentlicht, und alle werfen sich davor in Staub: Was für Arbeiten!

Das ist die Kurzfassung der Biografie von Jim Ford. Der 1943 im US-Bundesstaat Kentucky geborenene Songwriter und Sänger hatte 1969 das Album Harlan County veröffentlicht. Nichts weniger als ein Meisterwerk, das mit großer Selbstverständlichkeit und bestechender Verve durch Country und Soul kreuzte und dabei ein wenig Folk inhalierte, etwas Hippierock schnupfte und sich einen Schuss Blues gönnte. Siehe auch verwandte Künstler wie Eddie Hinton oder Tony Joe White.

Ford wurde in der Folge von großen Labels hofiert und berühmte Namen wie die Temptations oder Aretha Franklin interpretierten seine Songs. Ford zog nach Los Angeles, wo er mit Soul- und Funk-Größen wie Bobby Womack oder Sly Stone kennenlernt. Sein Freund Sly Stone wird auf einem der nun erstmals veröffentlichten Alben The Unreleased Paramount Album sowie The Unissued Capitol Album wie folgt zitiert: "Jim Ford is the baddest white man on the planet. Killer writer!"

Möglicherweise war ein 24-Hour Party-Freak wie Sly Stone nicht der beste Umgang für das Landei, der sich bald die Reputation erwarb, zu keiner Substanz Nein sagen zu können. Zwar soll er auf Partys den größten Spruch geführt, gleichzeitig aber unter argem Lampenfieber gelitten haben. Schwierig.

Jedenfalls entstanden 1970 und 1973 zwei Alben, je eines für Paramount beziehungsweise Capitol Records. Beide blieben unveröffentlicht, kolportiert sind dramatische Uneinigkeiten zwischen Label und Künstler. Jedenfalls verschwand Ford danach restlos verdrogt von der Bildfläche, bis im Zuge eines Country-Soul-Revivals der Nullerjahre, das Interesse an ihm neu aufflammte.

Southern-Soul-Breitseite

Ein Fan machte den nach jahrelanger Drogenkrankheit zu den wiedergeborenen Christen konvertierten Sänger schließlich ausfindig - und mit ihm jede Menge Aufnahmen, deren sich das deutsche Wiederveröffentlichungslabel Bear Family annahm. Einer der größten Fans Fords, der britische Singer-Songwriter Nick Lowe, wollte für Ford eine Charity-Show organisieren, kurz davor verstarb Ford 2007 im Alter von 66 Jahren in seinem Wohnwagen.

Sein schmales Erbe ist nun um zwei wunderbare Alben vergrößert worden. Von den originalen Analog-Mastertapes genommen, unterscheiden sich diese Aufnahmen von den üblichen Resteverwertungen schon durch den Umstand, dass das hier fertige Alben waren: Das Capitol Album besticht mit einer Southern-Soul-Breitseite, die sich im vorherrschenden Midtempo ebenso manifestiert wie in einer elegant-trägen Instrumentierung. Fords Stimme, die gerne aber nur bedingt zutreffend mit jener Van Morrisons verglichen wird, erhärtet den Genieverdacht und erfreut mit fantastischen Songs wie Point Of No Return, The Sounds Of Our Time oder dem von Bobby Womack gecoverten Harry Hippy.

Das Paramount Album ist etwas Country-lastiger, orientiert sich aber schon weiter in die 1970er, ist also ungleich rockiger und definitiv funky. Etwa der Song Family Tree, der sehr an Bobby Womack erinnert - also offenbart, woher dieser gewisse Ideen bezogen hatte. In Songs wie dem von einem bohrenden Sound durchzogenen Rising Sign vermeint man wiederum die Ästhetik und den genialischen Irrsinn eines Sly Stone herauszuhören: Allesamt Umschreibungen für Superlative. Man kann sich getrost zu den bereits im Staub Liegenden gesellen. Denn in dem in den letzten Jahren neu entdeckten Genre ist Jim Ford mit Abstand der Größte - kein Zweifel. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 15.07.2009)

 

  • "The baddest white man": Jim Ford in den 1970ern. Keiner verschmolz Soul, Country und Funk so scharf wie er.
    foto: bear familiy

    "The baddest white man": Jim Ford in den 1970ern. Keiner verschmolz Soul, Country und Funk so scharf wie er.

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