Jazz

Altersweise Klangdestillate

14. Juli 2009, 17:03
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    foto: elvira faltermeier

    Der Höhepunkt am Abschluss-abend der 30. Konfrontationen in Nickelsdorf: Joe McPhee an seiner Taschentrompete.

Ein würdiges Jubiläum: Die 30. Nickelsdorfer "Konfrontationen" endeten am Sonntag

Nickelsdorf - Wie klingt die Stille nach Beethovens zweiter Sinfonie? Wie jene nach Richard Wagners Tannhäuser? Oder nach Eingeborenen-Gesängen wie Der Berg ruft? Wolfgang Fuchs hat mit seinen "Empties" , wie die Auslaufrillen kreisrunder Vinylscheibenausschnitte genannt werden, in gewisser Weise Heinrich Bölls Dr. Murke weiter gedacht.

Diese und andere Lo-Fi-Installationen waren einige der Kuckuckseier, die das Programm der Nickelsdorfer Konfrontationen im Zuge ihrer 30. Auflage bereithielt. Nicht nur im Rahmenprogramm: Das Gastspiel von Songwriterin Eva Jantschitsch alias Gustav soll im Gastgarten von Hans Falbs Jazzgalerie für einige der Free-Jazz-geeichten Stammhörer am Freitag eine harte Nuss bedeutet haben.

Am finalen Sonntag war weitgehend klassisches Konfrontationen-Programm angesagt. Halt, nicht ganz: An Jean-Luc Guionnets Auftritt war zumindest das Ambiente nicht eben alltäglich, machte sich der Mann aus Lyon doch an der mit 14 Registern ausgestatteten und so für den kleinen Innenraum reichlich überdimensionierten Orgel der evangelischen Pfarrkirche Nickelsdorf zu schaffen.

Leise, ganz leise begann's, um sich sukzessive zu einem in faszinierender mikrotonaler Herbheit schillernden "Drone" zu entwickeln und mit diesem in wellenartigen Crescendi schließlich den Kirchenraum dröhnend auszufüllen. Auch die 90er-Jahre-Nostalgie, die diese Musik ob ihrer abstrakten Strenge umflorte, war da nicht abträglich. Die Verbindung zur Hauptbühne war elegant: Klaus Lang hatte sein Orgelpositiv mitgebracht, gemeinsam mit Computerist Hans W. Koch intonierte er ebenfalls Liegeklänge, um diese freilich im Handumdrehen expressiv aufzubrechen. Lockere, transparente Kollektive brachen sich hier Bahn, wie auch kraftvolle Soloimprovisationen, etwa von Katharina Klement, die an Tastatur und Saiteneingeweiden des Pianos vielgestaltige Klangfarbentableaus entwarf. Und von Susanna Gartmayer und ihrer dunkel, borkig tönenden Bassklarinette.

Zur Geschichtsstunde bat man mit dem Gastspiel des bald 70-jährigen Veteranen Joe McPhee. Der Multiinstrumentalist, angetrieben vom Schlagzeugnorweger Paal Nilssen-Love, hatte erneut seine Taschentrompete eingepackt. Er resümierte in wilden Eruptionen die freejazzigen 1960er-Jahre, in abstrakteren Strukturen die Ästhetik der europäischen "improvised music". All seine Erfahrungen kondensierten indessen am Schluss in den reduzierten, mit fragilem Ton geblasenen Sopransaxofon-Kantilenen, in denen auch ein Latin-Schmachtfetzen zum altersweisen Lehrstück mutierte. Höhepunkt!

Etwas zu nostalgisch geriet der Auftritt von Pianistin Irene Schweizer, deren Duo-Improvisationen mit Schlagzeuger Louis Moholo zu oft in die melodieseligen Township-Jazz-Gefilde kippten, die der 68-Jährigen vor mehr als 40 Jahren Südafrikas Jazz-Ikone Abdullah Ibrahim eingeimpft hat. Ground 6, das von Pianist Veryan Weston angeführte Sextett, pustete die Gehörgänge wieder frei: Lieder von Erik Satie oder Charles Ives wurden lustvoll dekonstruiert, wobei sich das Improvisationsgeschehen immer wieder in trashigen, unwiderstehlichen Funk-Grooves sammelte. Ein würdiges Jubiläum. Ad multos annos, Nickelsdorf! (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 15.07.2009)

Taji Soron
00
15.7.2009, 11:27
Re: Gustav @ Konfrontationen

Nicht nur die "Free-Jazz geeichten Zuhörer", auch einige der anwesenden (Free Jazz) Musiker fanden, dass der Auftritt von Gustav "nicht dem Geist der Konfrontationen entspräche...". Dass der Auftritt das mit dem Auslösen dieser kontroversiellen Debatte sehr wohl tat, ist ihnen offensichtlich entgangen. Aber die Hard-Core Freejazzer haben halt auch oft ein sehr eingeschränktes musikalisches Weltbild.

thomislav
00
15.7.2009, 19:57

überrascht mich doch ein bisschen. hab mir auch gedacht, dass es den eingesessenen zu "viel" sein wird. Im Endeffekt hab ich jedoch vor allem positive reaktionen mitbekommen - gerade auch vom älteren publikum.

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