N97: Nokias zahnloser Angriff auf iPhone und Co

19. Juli 2009, 15:58
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Touch-Smartphone punktet mit großzügiger Ausstattung, die Benutzeroberfläche liegt aber hinter der Konkurrenz - ein WebStandard-Test

Mit dem N97 wollte Nokia eigentlich zu Smartphones wie dem iPhone, HTCs Android-Geräte oder dem Palm Pre aufschließen. Die Finnen haben das N97 vor einigen Tagen in Österreich als ihr neues Touchscreen-Flaggschiff in See stechen lassen und preisen es als ersten echten, mobilen Computer an. Auf den ersten Blick hat das N97 auch tatsächlich viel zu bieten: gute Hardware, cooles Design und einen Shop für mobile Applikationen (Ovi). Zum Launch des Geräts konnte der WebStandard einen flüchtigen Blick auf das Gerät werfen und musste einige enttäuschende Feststellungen machen, die sich nun auch nach längerem Testen bestätigt haben.

Ausstattung

An der technischen Ausstattung gibt es nichts zu bemängeln. Das HSDPA-Handy ist mit einer 5-Megapixel-Kamera, einem 3,5 Zoll großen Touchscreen mit 640 x 360 Pixel und 16,7 Millionen Farben, einer 3,5 mm Klinkenbuchse, Bluetooth, WLAN, Micro-USB-Anschluss, GPS (A-GPS), Java-Unterstützung, UKW Stereo Radio und einer aufschiebbaren QWERTZ-Tastatur ausgestattet. Der interne 32 GB große Speicher kann mittels Micro SD-Karten auf 48 GB erweitert werden. Zudem unterstützt das N97 Multitasking, sodass mehrere Anwendungen gleichzeitig geöffnet sein können. Nach Herstellerangaben bietet das Handy eine Sprechzeit von bis zu 360 Minuten bei 3G und 585 Minuten im GSM-Netz, 385 Stunden 3G- und 400 Stunden GSM-Standby und 39 Stunden Musikwiedergabe im Offline-Modus. Bei GSM-Betrieb hält der Akku, was Nokia verspricht. Bei Nutzung der Top-Features wie WLAN, Bluetooth, Musikplayer und Co ist der Saft aber in kurzer Zeit wie bei den Konkurrenz-Produkten weg.

Resistiver Touchscreen

Im Gegensatz zu Apple und HTC setzt Nokia auf einen resistiven Touchscreen, der nicht nur mit dem Finger, sondern auch mit einem Stift bedient werden kann. Die Stifteingaben sind ein Relikt aus Zeiten, als man ein Computer-Betriebssystem auf Handy-Screen-Größe geschrumpft hat und die Elemente der Benutzeroberfläche danach so klein waren, dass sie nur mit einer dünnen Stiftspitze zu bedienen waren.

Kein Multitouch

Nun ist es aber beim auf dem N97 eingesetzten Symbian S50 5th Edition eigentlich nicht der Fall, dass man irgendwann mit den Fingern ansteht und den Stift zücken muss. Der resistive Touchscreen ist sinnlos und bietet bei weitem nicht das fließende Touch-Erlebnis von iPhone oder G1. Denn man muss etwas Druck auf den Touchscreen ausüben oder mit dem Fingernagel nachhelfen. Multitouch steht damit auch nicht zur Verfügung. Zudem ist die Toucheingabe durch das System hinweg inkonsistent: teilweise muss man zweimal auf ein Icon tippen, bis die gewünschte Applikation startet, teilweise reicht einmaliges Antippen, was aber an der Benutzeroberfläche und nicht an der Hardware liegt.

Hübsches Design, billig wirkendes Material

Unverständlich ist auch die Verarbeitung des N97. Von vorne wirkt das Gerät toll: Das Display geht nahtlos in eine weiße bzw. schwarze Hochglanzoberfläche über, die von einem robusten Metallrahmen begrenzt ist. Etwas eigenartig sind die Anrufannahme- und -beenden-Tasten, die keine echten Tasten mehr sind, sondern ebenfalls in die Touchoberfläche integriert sind. Im Test ist es mehrmals passiert, dass ein Gespräch zu früh abgenommen oder versehentlich beendet wurde, weil man beim Kramen nach dem Telefon in der Tasche schnell unbemerkt an die Touchbuttons ankommen kann. Und bei der Rückenabdeckung scheint es, als hielte man ein komplett anderes Gerät in Händen. Die dünne Plastikabdeckung ist nur mit einiger Krafteinwirkung zu entfernen und wirkt wenig stabil.

Gute Tastatur

Die Tastatur, die sich offenbart, wenn man das Display in horizontaler Haltung nach oben schiebt, ist wiederum gut gelungen. Das dreizeilige Keyboard nimmt wenig Platz ein, die Tasten sind gut zu bedienen und liegen vor allem nicht zu nahe beieinander. Da die Tastatur nur drei Zeilen hat, gibt es zwei Umschalt-Tasten um zwischen Groß- und Kleinschreibung bzw. Buchstaben und Zahlen/Sonderzeichen zu wechseln. An das Umschalten gewöhnt man sich aber schnell. Über einen weiteren Button links von der Tastatur kann man mit dem Daumen durch das Menü navigieren und Anwendungen auswählen, während die Tastatur geöffnet ist, ohne dass man die Haltung verändern muss, um beispielsweise mit dem Finger auf dem Touchscreen zu navigieren. Die Tastatur ist mit dem Landscape-Modus verbunden, der sich nur aktivieren lässt, wenn das Keyboard aufgeschoben wird.

Gute Kamera

Lob gibt es auch für die Hauptkamera, die durch eine Schiebeabdeckung vor Verschmutzung geschützt ist. Die 5-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Objektiv, Autofokus und Dual LED-Blitzlicht liefert gute Fotos. Vom Digitalzoom muss - wie bei anderen Kameras auch - abgeraten werden, da damit die Bildqualität nur verschlechtert wird. Einen größeren Bildausschnitt kann man auch nachträglich mit Bildbearbeitungssoftware wählen. Betätigt man die Kamera-Taste auf der Seite des Geräts bei geschlossenem Objektiv, werden Fotos über die zweite Kamera an der Gerätefront aufgenommen, die  für Videotelefonate geeignet ist.

Viele Kamera-Optionen

Öffnet man die Schiebeabdeckung der Kamera auf der Rückseite, wird die Kamera automatisch gewechselt. Einstellen lassen sich unter anderem der Weißabgleich, die ISO-Empfindlichkeit, Belichtung, Schärfe, Kontrast, Farbton und Bildqualität. Das N97 hat damit in Punkto Kamera eindeutig die Nase vor vielen Konkurrenten. Punkteabzug gibt es jedoch für eine relativ hohe Auslöseverzögerung und für die schlechte Bedienung über den Touchscreen. Zudem funktioniert die Tastensperre (ein Schiebeschalter auf der Geräteseite) nicht immer sofort, sodass man oft unnötig lange herumfummeln muss, bis man endlich zum Fotografieren kommt.

Leuchtende Farben, hoher Kontrast

Die Kamera liefert ordentliche Ergebnisse. Die Farben sind leuchtend und realistisch. Ohne Digitalzoom sind die Bilder kontrastreich und scharf und auch Verwacklungen kommen selten vor. Die Testaufnahmen aus dem Tiergarten Schönbrunn zeigen, dass die Kamera bei bewegten Objekten (den Pinguinen), bei hohen Kontrasten (Eisbären) und bei Kunstlicht (Äffchen) schöne Schnappschüsse liefert.

Symbian S60 5th Edition

Die bisher beschriebenen Design- und Hardwareschwächen könnte man durchaus in Kauf nehmen, hätte Nokia ein gutes Betriebssystem mit einer einfach bedienbaren Benutzeroberfläche auf das N97 gespielt. Symbian S60 5th ist aber leider der größte Pferdefuß des Smartphones. Nokia bezeichnet das N97 zwar als "echten, mobilen Computer", doch wo iPhone und vor allem Android tatsächlich ein Desktop-ähnliches Gefühl am Homescreen vermitteln, setzt Nokia Widgets drauf, von denen man nur fünf gleichzeitig anzeigen lassen kann und die in einem Schachtel-artigen System vordefinierte Positionen haben ("Bento-Box" pflegt man bei Nokia intern zu scherzen). Die Inhalte der Widgets werden automatisch aktualisiert - es werden etwa neue Wetterinformationen oder Facebook-Status-Updates abgerufen.

Widgets

Widgets sind am Computer eine nette Bereicherung, um schnell auf bestimmte Informationen wie Wetter, Uhrzeit, Facebook-Updates oder Nachrichten zugreifen zu können, aber sie ersetzen den Desktop nicht. Echte Personalisierbarkeit am Smartphone ist, wenn man die Anwendungen, die man am häufigsten nutzt direkt auf dem Homescreen ablegen kann. Gibt es zusätzlich Widgets wie etwa einen Musik-Player, die optional auf dem Homescreen angezeigt werden können wie bei Android, umso besser.

Komplizierte Menüstruktur

Die Menüstruktur von Symbian S60 5th Editon ist teilweise unlogisch und zu kompliziert. Mit der Menütaste gelangt man zu einem Screen mit Kalender, Kontakte, Musik, Internet, Mitteilungen, Fotos, Ovi Store, Karten, Videos & TV, Einstellungen, Spiele und Programme. Unter Programme findet man eine etwas wirre Mischung, unter anderem mit einer Standort-Anwendung, Websuche, Telefon-Protokolle, diverse Setup-Assistenten und die Widgets. Einige Menüpunkte sind redundant und diverse Einstellungen sind in zahlreichen Unterebenen versteckt. Zudem nehmen die Zurück- bzw. Optionen- und Schließen-Buttons am Screen unnötig viel Platz ein.

Ovi-Store

Weitere Anwendungen bzw. Widgets können über einen Online-Shop heruntergeladen werden. Der Ovi-Store ist einerseits über eine eigene Anwendung erreichbar, die Nokia für ältere Smartphones zum nachträglichen Download anbietet, andererseits über eine Website, die aber am Handy relativ schlecht zu nutzen ist. Die Anwendungen und Spiele sind nach verschiedene Kategorien geordnet und können auch nach gratis und kostenpflichtigen Apps aufgelistet werden. Um etwas herunterzuladen muss man sich beim Ovi Store anmelden - direkt vom Handy aus hat das im Test jedoch nicht funktioniert, da trotz mehrmaliger Versuche das Captcha nicht erkannt wurde, das verhindern soll, dass Accounts von Spam-Bots angelegt werden.

Fazit

Nokia hat sich beim N97 offensichtlich bemüht alles richtig zu machen, dabei gibt es viele mittelmäßige Features aber kein herausragendes. Das Smartphone hat einen großen Touchscreen, aber keine Multitouch-Unterstützung. Das Design ist toll, aber das Gehäuse wirkt billig. Die Kamera macht gute Fotos, ist aber über den Touchscreen mühsam zu bedienen. Nokia versucht mit den Widgets Personalisierung zu bieten, aber die Benutzeroberfläche ist kompliziert und wirkt im Vergleich zu Android und iPhone nicht mehr zeitgemäß. Mit diesem "Touchscreen-Flaggschiff" bleibt Nokia jedenfalls  hinter der Konkurrenz zurück. Ohne Vertrag kostet das N97 699 Euro, mit entsprechendem Tarif ist es in Österreich ab 99 Euro erhältlich. (Birgit Riegler/ derStandard.at 19. Juli 2009)

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Nokia

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    Das N97 soll Nokias neue Touchscreen-Flaggschiff sein, enttäuscht aber im Test.

  • Auf dem Homescreen haben sechs Widgets Platz, von denen man fünf frei definieren kann - die Uhranzeige ist fix.
    foto: nokia

    Auf dem Homescreen haben sechs Widgets Platz, von denen man fünf frei definieren kann - die Uhranzeige ist fix.

  • Der resistive Touchscreen wird von einer gut bedienbaren, aufschiebbaren QWERTZ-Tastatur ergänzt (im Bild ist das Modell mit englischem QWERTY-Keyboard zu sehen).
    foto: nokia

    Der resistive Touchscreen wird von einer gut bedienbaren, aufschiebbaren QWERTZ-Tastatur ergänzt (im Bild ist das Modell mit englischem QWERTY-Keyboard zu sehen).

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    Die Benutzeroberfläche Symbian S60 5th Edition kann mit der Konkurrenz nicht mithalten.

  • Die 5-Megapixel-Kamera des N97 macht gute Fotos.
    foto: birgit riegler

    Die 5-Megapixel-Kamera des N97 macht gute Fotos.

  • Die Kamera bietet einen 12fach Digitalzoom, den man aber nicht benutzen sollte. Bildausschnitt können wie hier auch nachträglich mit Bildbearbeitungssoftware vergrößert werden.
    foto: birgit riegler

    Die Kamera bietet einen 12fach Digitalzoom, den man aber nicht benutzen sollte. Bildausschnitt können wie hier auch nachträglich mit Bildbearbeitungssoftware vergrößert werden.

  • Auch bei bewegten Objekten bleiben die Fotos scharf und kontrastreich.
    foto: birgit riegler

    Auch bei bewegten Objekten bleiben die Fotos scharf und kontrastreich.

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