Michaelis: Befassen uns mit Plan A, nicht mit B oder Pleite - Bei einem Scheitern bräuchte die Airline "mehr als eine Milliarde"
Wien - In der in den wichtigsten Punkten unter Vorbehalt des Zustandekommens des
Lufthansa-Deals stehenden Sonder-Hauptversammlung der Austrian Airlines (AUA)
wurde am Dienstagnachmittag genehmigtes Kapital für die angeschlagene AUA
geschaffen. Der Beschluss fiel mit Mehrheit. Anwesend waren bei der Abstimmung
nur 112 der rund 700 angemeldeten Aktionäre. Es ist ein Vorratsbeschluss.
Die Deutsche Lufthansa hatte auf die Möglichkeit des Bezugsrechtsausschlusses
für die bestehenden Aktionäre gedrängt. Das bestätigte die AUA-Spitze heute bei
dem Aktionärstreffen.
Es geht dabei jetzt einmal um genehmigtes Kapital über 132,2 Mio. Euro. Thema
der HV heute ist nur diese "kleine" Kapitalerhöhung. Die große Kapitalzufuhr,
die die Lufthansa bei der AUA aus dem staatlichen österreichischen
500-Millionen-Zuschuss nach dem Deal einschießen muss, war heute nicht
Beschlussthema.
Negativer Kaufpreis
AUA-Vorstand Peter Malanik bestätigte, dass dieser "negative Kaufpreis" von
500 Mio. Euro eine Kapitalerhöhung durch die Lufthansa sein kann, aber auch eine
Verschmelzung eines Unternehmens von der Lufthansa mit der AUA. Das ließen sich
die Deutschen noch offen. Diese halbe Milliarde muss spätestens acht Monate nach
dem Closing einfließen. Dass dieses Kapital ins Unternehmen kommt, sei wichtige
Bedingung in den Verträgen, sagte Malanik. "Das Unternehmen braucht dieses
Kapital"
"Wir werden heute alle Voraussetzungen schaffen, um den Plan A realisieren zu
können", sagte AUA-Aufsichtsratschef Peter Michaelis. Eine Verschiebung der
Hauptversammlung stand nie zur Debatte, sagte er. In den Verträgen mit der
Lufthansa stehe, dass die HV vor dem Closing statt finden müsse. "Wir
beschäftigen uns heute nicht mit Plan B, wir beschäftigen uns nicht mit
Insolvenz".
Auf Aktionärskritik, wonach die AUA auf Geheiß eines Nicht-Aktionärs
(Kapitalerhöhung mit Bezugsrechtsausschluss für die "kleine" Kapitalzufuhr)
Beschlüsse fasst, sagte Michaelis, "es geht nicht um eine Kapitalerhöhung für
die Lufthansa", sondern um einen Vorratsbeschluss. Ein Kleinanleger sprach von
Enteignung.
Eine Milliarde
Der österreichische Staat müsste für den Fall, dass der Verkauf der Austrian Airlines (AUA) an die Lufthansa platzt, mehr als eine Milliarde Euro in die angeschlagene österreichische Fluggesellschaft einschießen. Das gab AUA-Aufsichtsratschef und ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis bei der AUA-Hauptversammlung am Dienstag auf Fragen von Anlegern bekannt.
Der zusätzliche Mittelbedarf im "Plan-B" würde damit über dem Doppelten jenes Betrags liegen, der jetzt beantragt sei. Im EU-Beihilfeverfahren geht es aktuell wie berichtet um einen Staatszuschuss von 500 Millionen Euro, der beim Verkauf an die Lufthansa für die AUA fließen sollte.
Malanik: Verkauf unumgänglich
Bereits zuvor hatte Vorstand Peter Malanik den existierenden "Plan B" für den Fall, dass die Übernahme scheitert, grob skizzierte.
Ein Verkauf der AUA bliebe auch in diesem Fall unumgänglich - verbunden
aber mit noch mehr Einsatz von Staatsgeld und Personalabbau.
Malanik glaubt zwar weiterhin, dass der Lufthansa-Deal zustande kommt,
"wenn alle Beteiligten den Willen dazu haben". Sollte der Plan B
dennoch erforderlich sein, müsste redimensioniert, die größten
verlustbringenden Strecken nochmals herausgeschnitten werden. Der
Transferanteil würde reduziert. Natürlich werde das nicht gehen, ohne
Flugzeuge abzugeben und Mitarbeiter abzubauen. "Das alles wird nicht
ohne finanzielle Mittel gehen". Deshalb müsste für den Fall, dass der
Plan B zum Einsatz käme, wieder eine Hauptversammlung einberufen
werden.
Die heutige Sonderhauptversammlung war unter der Prämisse einberufen worden, dass der Lufthansa-Deal zum Zeitpunkt ihrer Abhaltung bereits "durch" sei - was nun bekanntlich nicht der Fall ist. Deshalb konnten am Dienstag nur so genannte Vorratsbeschlüsse gefasst werden. Diese werden nur dann wirksam, wenn es tatsächlich zum Verkauf der AUA an die Lufthansa kommt.
Mayrhuber wird Aufsichtsratschef
Punkt eins der Tagesordnung betraf eine Kapitalerhöhung, Punkt zwei
sah mehrere Satzungsänderungen vor, und der dritte Punkt betraf den
Aufsichtsrat. Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber dürfte dort das Ruder übernehmen, sieben weitere Lufthansa-Vertraute mit ihm in das Gremium einziehen. Von diesen acht waren am Dienstag allerdings sieben - inklusive Mayrhuber selbst - abwesend. Nur die Wiener Anwältin Teresia Jordis stellte sich den Anlegern persönlich vor.
Das Fernbleiben der Übrigen empörte Kleinanleger. Mayrhuber habe "nicht den Anstand, sich den Anlegern zu stellen", empörte sich der Investor Rupert-Heinrich Staller.
"Phantomveranstaltung"
Aktionärsvertreter und kritische Anleger nannten die HV eine "Phantomveranstaltung" (Anlegerschützer Wilhelm Rasinger) und eine "peinliche Hätti-wari-Versammlung" (Staller). "Der Scheich heißt jetzt nicht mehr Al Jaber, sondern heute offenbar Mayrhuber", empörte sich Staller weiters. Wenn Mayrhuber so präpotent in Brüssel auftrete, wundere ihn, Staller, nichts mehr. Er wundere sich aber, wie man "so blauäugig, so dämlich" sein könne, zu meinen, dass man bei der AUA keine vertiefte Prüfung haben werde, wo die Lufthansa bei ihren anderen beiden Zukäufen (Brussels, BMI) doch gerade vertiefte Prüfungen absolvieren musste.
Dass der Deal mit der Lufthansa durchgeht, glaubt
Staller noch immer, wenngleich in anderer Form als ursprünglich
eingereicht. Mit der heutigen HV gehe man jedenfalls "an die
Schmerzgrenze der Peinlichkeiten", so Staller. "Hätti-wari ist noch
immer schief gegangen." Die kritischen Anleger fürchten, dass den
Österreichern in Brüssel derzeit "diverse Leserbriefe um die Ohren
fliegen".
"Lose-Lose-Situation"
Rasinger verglich
die derzeitige Lage der AUA mit einem "Flieger, der auf einen Berg
zusteuert". Alle hofften, dass er es noch darüber schaffe. "Wir
befinden uns auf der Spur einer Lose-Lose-Situation. Wenn es schief
geht, verlieren alle: AUA, Republik, Lufthansa", so Rasinger.
Ein anderer kritischer Kleinaktionär zeigte sich überzeugt, dass es
die Deutschen auf einen Konkurs der AUA ankommen ließen, "weil man
damit noch mehr Leute entlassen kann".
"Noch einen Monat Nervenkrieg"
Als wahrscheinlichstes Szenario bezeichnete ein AUA-Experte heute, dass sich EU-Kommission und Lufthansa "auf dem letzten Meter treffen" werden - allerdings nicht mehr im Juli. "Ich gehe davon aus, dass es noch einen Monat länger Nervenkrieg gibt", sagte der Experte, der namentlich nicht genannt werden will. Technisch wäre das zu handhaben, indem die Lufthansa die Option, aus dem Vertrag Ende Juli auszusteigen, nicht nutzt, was die Bedingungen der Freigabe durch Brüssel betrifft. "Natürlich muss da auch die Übernahmekommission mitspielen". Übernahmerechtler hatten sich zuletzt eher skeptisch zu einer solchen Verlängerungs-Variante geäußert.
Michaelis sagte, die Privatisierung befinde sich derzeit in einer "schwierigen Phase". Es sei nicht absehbar, ob das EU-Prüfverfahren zur Übernahme durch die Lufthansa bis Ende Juli abgeschlossen ist.
Platter sieht "Überlebensfrage"
Tirols Landeshauptmann Günther Platter erklärte das Ringen um den
AUA-Lufthansa-Deal am Dienstag zur "Überlebensfrage" für sein
Bundesland wie auch für die AUA-Tochter Tyrolean Airways. "Die
Bundesregierung muss alles tun und ist gefordert, den Deal positiv über
die Bühne zu bringen", so Platter. Ohne einen starken Partner sei die Fluglinie alleine nicht überlebensfähig. "Das ist eine Illusion", sagte der Landeshauptmann.
SP-Landeshauptmannstellvertreter Hannes Gschwentner kann sich das
Land Tirol "als Flugunternehmer im großen Karpfenteich" nicht
vorstellen. "Es hat sich der Bund bei der AUA schon als schlechter
Unternehmer erwiesen", sagte er.
Leitl: Scheitern wäre "keine Katastrophe"
Aus der Sicht des Präsidenten der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl, wäre ein Scheitern des AUA-Deals hingegen "keine Katastrophe". Wenn der Verkauf der AUA an der Zustimmung der EU-Kommission oder der Lufthansa scheitern sollte, dann müsste Österreich eben selbst eine Sanierung durchführen. Dazu wäre niemand anderer in der Lage als die ÖIAG, sagte Leitl in einem Interview mit dem "Neuen Volksblatt". Die Chance des Scheiterns des AUA-Deals beziffert er mit 30 Prozent.
Die EU-Kommission hat am Montag ihre Bedenken gegen die Übernahme der
AUA durch die Lufthansa präzisiert. Einem Sprecher von
Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes zufolge müsse sich die geplante
Allianz mit Auflagen auf den Strecken von Wien nach Frankfurt, München,
Stuttgart, Köln, Zürich, Genf und Brüssel anfreunden, solle die
Transaktion genehmigt werden. Bisher galten nur die Strecken nach Genf
und Frankfurt als heikel. (APA)