Strom, der aus intelligenten Netzen kommt

14. Juli 2009, 08:48
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Stromnetze, die das Verhalten der Abnehmer steuern können - wie bei E-Autos mit Speicherkapazität - bringen dramatische Einsparungen.

 Es kommt schon gelegentlich vor, dass man auf Besuch bei Freunden sein Handy zum Aufladen an die Steckdose anschließt - selbstverständlich gewährte Gastfreundschaft. Aber ein Elektroauto anschließen, das Stromkosten verursacht, die man auch großzügigen Gastgebern nicht zumuten will?

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Um dies zu ermöglichen, müssten Stromnetze wie Internet "intelligent" sein, sagt Chris Dedicoat, Ciscos Europachef, im Gespräch mit dem Standard. In sogenannten "Smart Grids" - intelligenten Stromnetzen - erkennt das Netz dank Internet-Technologie (IP, Internet Protocol), wer was zur Entnahme angeschlossen hat und setzt die Stromkosten fürs E-Mobil den Gästen, nicht den Gastgebern auf die Stromrechnung. Damit könnte erst ein Massenmarkt für Elektroautos möglich werden, denn einer der Engpässe sind fehlende E-Tankstellen, für die mit Smart Grids private Haushalte, Restaurants, Geschäfte oder viele andere Anbieter einspringen können.

Flexible Verrechnung ist nur ein Aspekt IP-gesteuerter Stromnetze, in denen Strom so leicht wie Information von und zu jedem Knotenpunkt fließt, sagt Dedicoat. Am Beispiel eines künftigen Massenmarkts von Elektroautos lässt sich eine weitere Funktion zeigen: Energiespeicherung, um Spitzenbedarf auszugleichen. Denn einer der großen Nachteile von Strom ist die Unfähigkeit zur Speicherung großer Energiemengen, mit Ausnahme von Tricks wie Speicherkraftwerken oder Akkus für kleine Energiehäppchen.

Voraussetzung

Würden E-Mobile so alltäglich wie spritbetriebene Autos, dann würden schlagartig Millionen Akkus zum Ausgleich des Spitzenbedarfs zur Verfügung stehen, erklärt Dedicoat - vorausgesetzt, man kann die E-Autos auch anzapfen, wenn der Strom gerade nicht fürs Gefährt, sondern im Netz gebraucht wird. Später, wenn die Verbrauchsspitze vorbei ist, würden die Autos wieder "betankt" werden; gleichzeitig führt das System Buch über Strom-Haben und -Soll. "Geht man nach Pferdestärken wären die heutigen Stromnetze in Europa nicht einmal annähernd dafür gerüstet, diese Leistung zu liefern."

Zweierlei sei nötig, um Energienetze "smart" zu machen, sagt Dedicoat: Einerseits würden Energieversorger schon jetzt Netze mit Sensoren ausstatten, um Auslastung und Verteilung besser erkennen und steuern zu können. Andererseits müssten angeschlossene Geräte vom Kühlschrank bis zur Swimmingpool-Pumpe, Motoren oder E-Mobile durch IP-Zugriff an- und abgeschaltet werden können. Energieversorger würden künftig Vereinbarungen mit Abnehmern treffen, unter welchen Voraussetzungen sie diese Geräte steuern können - z. B. die Pumpe im Swimmingpool nur laufen zu lassen, wenn es Überkapazitäten im Netz gibt, sie aber während Spitzenzeiten abzuschalten.

Intelligenz

"Je mehr alternative Formen der Stromerzeugung, desto wichtiger diese Intelligenz", sagt Dedicoat, "Haushalte mit Solarzellen oder kleinen Windrädern können dann auch Strom einspeisen und nicht nur entnehmen." Einer der Hauptnutzen von Smart Grids sei es, Spitzenkapazitäten zu reduzieren, die teuerste Form der Stromerzeugung. Dazu kommt reduzierte Stromentnahme, da mithilfe intelligenter Netze Unternehmen ebenso wie Haushalte erstmals genauen Überblick und Steuermöglichkeiten für den Stromverbrauch erhalten.

Studien zum Einsatz intelligenter Netze schätzen das Sparpotenzial von 20 bis (sehr optimistischen) 40 Prozent des jetzigen Verbrauchs; rund 25 Prozent Einsparung scheint ein Konsens diverser Untersuchungen zu sein. In Europa seien vor allem die Skandinavier bei Versuchen mit intelligenten Stromnetzen schon relativ weit, sagt Dedicoat. Die Mittelmeerinsel Malta, die aufgrund ihrer Entsalzungsanlagen zur Trinkwasseraufbereitung einen riesigen Pro-Kopf-Verbrauch von Strom hat, will mit Smart Grids zur "grünen" Insel werden.

Sensoren

Die eigentliche Herausforderung, Smart Grids zu entwickeln, seien nicht die Netzwerke: "Es wird eine Generation an Haushaltsgeräten brauchen, bis jedes Gerät entsprechende Sensoren hat. Aber das wird nur passieren, wenn es dazu gesetzliche Vorschriften gibt, die diese Ausstattung für jedes Gerät vorschreiben", sagt Dedicoat. Warum der Internet-Ausstatter Cisco hier tätig wird? "Es ist eine großartige IP-Gelegenheit für uns. Smart Grids könnten hundertmal größer als das Internet sein." (Helmut Spudich / DER STANDARD Printausgabe, 14.07.2009)

 

 

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