Gerichtsinternes Match um Meinl-Gutachter

13. Juli 2009, 18:06

Staatsanwaltschaft zerpflückt Argumentation der Richterin zur Abberufung Havraneks - Bisher 300.000 Euro Kosten

Wien - Die juristische Auseinandersetzung rund um den Meinl-Sachverständigen Thomas Havranek geht in die nächste Runde. Nun hat die Staatsanwaltschaft Wien (Marcus Fussenegger führt die Causa rund um Meinl European Land, MEL) ihre Beschwerde gegen die Abberufung Havraneks beim Oberlandesgericht Wien eingebracht. Haftrichterin Bettina Deutenhauser hat, wie berichtet, dem Antrag der Meinl-Anwälte auf Abberufung Havraneks wegen Befangenheit stattgegeben.

In ihrer Begründung argumentiert sie in erster Linie mit einem kritischen Gastkommentar Havraneks zur Causa MEL, der im September 2007 im Wirtschaftsblatt veröffentlicht wurde. Dieser Artikel war den Meinls laut Gerichtsbeschluss seit 5. Dezember 2008 bekannt; ihren Antrag auf Abberufung Havraneks wegen "multipler Befangenheit" stellten sie am 26. Februar, und somit nach den ersten Hausdurchsuchungen - die Staatsanwaltschaft lehnte ihn ab. Im Mai folgte dann der "Einspruch gegen Rechtsverletzung" , dem die Richterin nun eben stattgab.

Dazwischen - am 1. April - hatte sie, auch auf Basis der Arbeit Havraneks (sein Gastkommentar ist dem Gericht schon seit der Gutachterbestellung im August 2008 bekannt, er liegt im Akt) Julius Meinl in Untersuchungshaft nehmen lassen. Gegen 100 Mio. Euro Kaution wurde Meinl zwei Nächte später freigelassen.

Das Gericht begründet die Entscheidung gegen den Gutachter (wie die Meinl-Anwälte) etwa damit, dass schon "der äußere Anschein einer Befangenheit" reicht; und zitiert dafür unter anderem OGH-Entscheidungen von 1996 und 2004. In beiden Fällen (in einem ging es um einen Sachverständigen, im anderen um einen Richter; beiden wurde wegen kritischer Äußerungen Befangenheit vorgeworfen) kam der Oberste Gerichtshof OGH freilich zum Schluss, dass keine Befangenheit vorlag.

Die Richterin bescheinigt dem Sachverständigen "insbesondere gegenüber dem Beschuldigten Julius Meinl" eine "ablehnende Haltung und vorgefasste Meinung" . Begründet wird das auch mit Zitaten aus dem im März erstellten Vorgutachten, in dem der Sachverständige "ebenfalls seine bereits im (...) Gastkommentar vertretene Ansicht zum Ausdruck bringt, dass die gesamte Meinl Gruppe (...) von einer Person geleitet und bestimmt wurde, nämlich von Julius Meinl. Dies, obwohl es sich dabei um eine Frage handelt, die der richterlichen Beweiswürdigung vorbehalten ist" . Freilich: Auf ebendiesem Vorgutachten basierte zum Teil auch die von der Richterin verfügte Verhaftung Meinls. In die Causa involvierte Juristen werten diesen Punkt als eines der verfahrensrechtlichen Atouts von Meinl.

Sollte die Staatsanwaltschaft, die in der Beschwerde gegen Havraneks Abberufung vor allem die Argumentation der Richterin zerzaust, das Nachsehen haben, muss sie einen neuen Sachverständigen bestellen - "sofern möglich aus dem europäischen Ausland" , wie die Richterin verfügt. Dem Vernehmen nach wurden bereits zwei deutsche Experten ins Auge gefasst. Sollte Havranek jedoch imAmt bleiben (seine Arbeit inklusive Vorgutachten soll bisher an die 300.000 Euro gekostet haben), dürfte ihm ein zweiter Gutachter zur Seite gestellt werden. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.7.2009)

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16 Postings
subtextauto
01
14.7.2009, 21:06
rechtsstaatlichkeit darf keine frage der kosten sein!


sehr fein formulierter artikel, übrigens.

was da nicht alles zwischen den zeilen stehen kann: ist die richterin nun befangen, eingeschüchtert oder geistig schwer verwirrt?

realistisch sind leider nur die ersten beiden möglichkeiten... mal sehen, was da noch so kommt.

Interlachen
02
15.7.2009, 08:17
PS:

Weiter aus dem Artikel:

" Das Gericht begründet die Entscheidung gegen den Gutachter (wie die Meinl-Anwälte) etwa damit, dass schon "der äußere Anschein einer Befangenheit" reicht; und zitiert dafür unter anderem OGH-Entscheidungen von 1996 und 2004. In beiden Fällen ... kam ... OGH ... zum Schluss, dass keine Befangenheit vorlag. "

Man fragt sich, was in der Begründung dieser Richterin nichts anderes als unkritisches "copy-and-paste" aus der Meinl-Beschwerde ist. Wie können Fälle zur Begründung des Stattgebens einer Beschwerde zitiert werden, die GEGEN die Beschwerdeführer höchstgerichtlich entschieden wurden??

Diese Richterin wird in der Gerichtskantine von KollegInnen einiges zu hören bekommen!

Interlachen
02
15.7.2009, 07:58
Ja, irgendetwas ist passiert (oder provoziert?).

Die Meinl-Mannschaft kennt keine Zurückhaltung und der Verdacht liegt nahe, dass sich im Hintergrund etwas, ob nun in Richtung Einschüchterung oder Einbindung, abgespielt haben könnte. Man hatte ja sogar Havranek einen gut bezahlten Auftrag angeboten, während seine Ernennung im Raum stand.

Aus dem Artikel:

" ...Gastkommentar ist dem Gericht schon seit der Gutachterbestellung im August 2008 bekannt, er liegt im Akt. "

Meinl wird bestimmt den Akt kennen und die Behauptung, erst seit Dezember 2008 den Gastkommentar gekannt zu haben, ist nicht glaubwürdig. Eher war er Meinl schon seit dem Tag der Veröffentlichung bekannt. Havranek hatte, wie es sich gehört, selbst rechtzeitig auf seinen eigenen Kommentar hingewiesen.

rothbard
00
14.7.2009, 15:30

ich halte es für eine ziemlich sauerei, dass hier offenar ein konflikt zwischen staatsanwaltschaft und richterin auf dem rücken aller beteiligten (inkl. steuerzahler) ausgetragen wird.

stande pede
02
14.7.2009, 16:31
Diesen Kostenpunkt muß sich der Rechtsstaat leisten.

Es ist kein Konflikt sondern ein ganz normaler Weg in die nächste Instanz. Der Kostenpunkt ist ein Pappenstiel im Vergleich zu dem Schaden, den Meinl seinen Anlegern zugefügt hat.

Meinl hätte außerdem den Gutachter viel früher ablehnen können. Der kritisierte Zeitungskommentar war ziemlich lange vor der Ernennung veröffentlicht worden.

rothbard
00
14.7.2009, 17:06

na ja, es war ja durchaus absehbar, dass es so kommt. es sieht halt sehr nach einem kräftemessen innerhalb der justiz aus. vor dem hintergrund der noch nicht eingespielten strafprozessordnung muss man das glaube ich schon als konflikt interpretieren.

stande pede
01
15.7.2009, 10:31
Sehe ich nicht so

Noch einmal, es ist ein normaler Instanzenweg, genau wie ihn der Rechtsstaat vorsieht.

Mögliche neue Rechtsnormen haben nichts mit diesem Fall zu tun. Ich weiß übrigens nicht, um welche es sich handeln sollte.

eamon clever
20
14.7.2009, 11:36
frau rat sie haben den 5er eingekastelt, okay, wenn sie jetzt nicht den

havranek abschießen, war das ihr letzter großer fall. Dann können sie schon für die rechtsanwaltsprüfung lernen.

muss im frühern leben a reblaus gwesen sein
00
14.7.2009, 07:44

and now something completely different: Warum wurde das Verfahren gegen den Herrn Huber eingestellt?

lessismore
08
13.7.2009, 22:15

Ja, wer hat die Meinl-Gruppe wohl geleitet? Also ich war's nicht, und alles andere wäre wohl schon Befangenheit ... Moment, was hab' ich im Aug'? Ist das Sand?

Gertrud
00
13.7.2009, 22:14
Gerichtsinternes Match gegen Meinl-Gutachter

@Pelikan4001
Die Antwort auf Ihr Rätseln ist eindeutig in der vermeintlichen Macht des vermeintlichen Reichtums eines Julius Meinl zu finden. Leider ist die Angst vor dieser Macht sichtlich so groß, als man auch im Falle einer positiven Entscheidung durch das Oberlandesgericht Wien glaubt, einen zweiten Gutachter mit diesen "Genialitäten" befassen zu müssen. Ich würde es mir ja wünschen, als der Zweite im Bunde noch einiges an Genialitäten zutage zu fördern vermag. Naja, vier Gutachteräuglein sehen mitunter ja mehr als zwei! Vielleicht ist das sogar ein Schuss, der nach hinten losgeht.

pelikan4001
01
14.7.2009, 08:00

das mag schon alles sein, aber entweder jemand ist befangen, dann gehört er abgezogen. oder er ist es nicht, dann soll er seinen job machen. aber zu sagen, na ja er ist ein bissl befangen, dafür stellen wir ihm einen zweiten zur seite, das halte ich für eine ziemliche chuzpe.

Nessus
04
14.7.2009, 00:27
Gegen jeden Gutachter der Staatsanwantschaft...

kann Meinl zehn Gegengutachter einkaufen. Wenn das keine Macht ist...

Tomas Müntzer
03
13.7.2009, 21:29
Die Justiz wird auch immer bleder.

AmazingSpace
00
14.7.2009, 12:54

Jetzt hätte ich beinahe "blind" gelesen aber ach was, wie man im vorliegenden Falle sieht reicht es aus ihr die richtige Brille gekauft zu haben.

pelikan4001
30
13.7.2009, 21:16

wie man der meinung sein kann, dass havranek nicht abgezogen werden könnte, ist mir ein rätsel.
das ganze theater ist jedochh in erster linie als steuerzahler ein ärgernis.
der supergau wäre jedoch, wenn tatsächlich havranek im amt bleibt und zusätzlich ein weiterer gutachter ihm zur seite gestellt wird. entweder er ist befangen, oder nicht.

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