Wasserspiele und Voyeur auf dem Felsen

13. Juli 2009, 17:52
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Mit sinnlichen "Badeszenen" lockt die Salzburger Residenzgalerie: Abkühlung darf sich der Besucher vom Wassergeplantsche keine erwarten

Aber eine kleine, bisweilen witzige Kulturgeschichte des Badens.

Salzburg – Die Syphilis war es, die mit den lustvollen Badefreuden des Spätmittelalters erst mal Schluss machte und – mit der körperfeindlichen Moral der Gegenreformation als Komplize – eine stinkige Periode auslöste. 1595 war es bei der Belagerung Neapels unter den Truppen Karls VIII. zu einem heftigen Ausbruch von Syphilis gekommen, der sich binnen fünfzig Jahren zu einer Epidemie auswuchs.

Über die Ansteckung wusste man vorerst nichts Genaueres, aber das gemeinsame Baden erschien höchst verdächtig. Mehrmals tägliche Reinigung in Wildbädern oder Badehäusern war durchaus üblich. Nicht etwa das mit dem kollektiven Baden verbundene Liebesspiel – damals nicht als Anstößigkeit empfunden – war suspekt. Nein. Vielmehr das Wasser betrachtete man fortan mit Argwohn.

Vergiftete Körpersäfte

Das Wasser dringe über die Haut direkt in den Körper ein und bringe die "Körpersäfte" aus dem Gleichgewicht, lautete eine weit verbreitete Horrorvorstellung im Rokoko, die den Siegeszug der schützenden Schmutzkruste förderte. Ein kurioses Kapitel in der Ausstellung Badeszenen in der Salzburger Residenzgalerie, deren Untertitel Ritual, Entrüstung und Verführung verrät, dass hier mehr zu sehen ist als das erfrischende Geplantsche Badender Mädchen, das etwa Wolfgang Heimbach um 1640/1652 eingefangen hat. Auffällig an dem bunten Treiben rund um den idyllischen, von achtlos weggelegter Kleidung gesäumten Waldsee sind für ein Gemälde des 17. Jahrhunderts nicht nur die Tête-à-Têtes der Frauen, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der eine Afrikanerin in die illustre Runde integriert ist.

Dem regelmäßigen Salzburg-Besucher darf aber etwas auffallen:Jedes Jahr im Sommer, wenn mit steigenden Temperaturen auch die Kleidersäume gelüpft werden, kehren in der Residenz die körperbetonten, sinnlichen Ausstellungsthemen wieder. Frönte man vergangenes Jahr mit viel nackter Haut aus allerlei Jahrhunderten der Sünde und dem süßen Laster, lockte man 2007 mit Geschichten ungewöhnlicher Liebespaare und etwa den schlüpfrigen Verführungsszenen des nimmermüden Göttervaters und Formwandlers Zeus. Heuer betört das Plakat mit zwei Mädchenakten im Sonnenlicht. Kein Fehler, wenn es auf diese Art gelingt, vom vielen Pflastertreten müde Touristenfüße in die Museumsräume umzuleiten.

Verzeihlich machen die raffinierten Verführungskünste des Hauses aber vor allem die Sorgfalt und Qualität, mit der hier eine in der römischen Antike beginnende Kulturgeschichte des Badens erzählt und mit stimmig ausgesuchten Kunstwerken illustriert wird. Von Albrecht Dürer, Cornelis von Polenburgh, Wilhelm Busch, Honoré Daumier, Franz Ferdinand Waldmüller bis zu Maurice Denis, Paul Cézanne oder Oswald Oberhuber sind ebenso überraschende wie herrliche Werke zu sehen. Und was die Saaltexte nur anreißen, führen die flüssig formulierten und um Abbildungen einiger Meisterwerke erweiterten Katalogessays weiter: die römische Badekultur, das Weibliche am Wasser oder die Lust am heimlichen Schauen, wie es Claude Joseph Vernet 1783 mit seinem Voyeur am Felsen einfing.

Denn mit der Verfemung der Badehäuser und der von der Kirche eingeforderten Lustfeindlichkeit war auch der Voyeurismus geboren. In der Kunst konnte man dem Verstecken des Weiblichen nur mit dem Rückgriff auf antike oder alttestamentarische Szenen begegnen. Denn in diesen Kontexten war erotisierte Nacktheit tatsächlich nach wie vor "erlaubt"!

Eher textil bedeckt halten sich in Badeszenen die integrierten Beispiele von Schülern des Kollegs für Medientechnik. Jedoch sind diese in Plattheit, Banalität, teilweise auch Vulgarität kaum zu überbieten. Obendrein garniert mit durch die Säle waberndem Schlümpfe-Techno wünscht man sich, die Residenz würde die im Grunde löbliche Förderung des Nachwuchses in Zukunft bleiben lassen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 14.07.2009)

Bis 1. 11.

  • Weibliche Nacktheit ohne das Feigenblatt antiker Mythologie und mit
heimlichem Beobachter stellt Claude Joseph Vernet in dieser "Landschaft
mit Badenden" (1783) dar.
    foto: galerie bernheimer

    Weibliche Nacktheit ohne das Feigenblatt antiker Mythologie und mit heimlichem Beobachter stellt Claude Joseph Vernet in dieser "Landschaft mit Badenden" (1783) dar.

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