"Verstehe ich meine Frau? Nein!"

13. Juli 2009, 17:48
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Der englische Schriftsteller Tim Parks über Grenzen des Verstehens und über seinen neuen Roman "Träume von Flüssen und Meeren"

Der Standard: Auf Ihrer Website kann man die Informationen über Sie und Ihre Bücher auf Englisch, Italienisch, Französisch und Deutsch nachlesen. Fühlen Sie sich als europäischer Schriftsteller?

Tim Parks: Ach, diese Website! Das kostet viel Arbeit und Mühe. Aber ja, es stimmt. Ich fühle mich heute eher als europäischer und nicht einfach bloß als britischer Autor. Ich habe in den letzten zwanzig Jahren sicher mehr italienische und deutsche Literatur gelesen als englische. Privat und beruflich führe ich eine Existenz in zwei Sprachen. Seit 1981 lebe ich mit meiner Frau, die gebürtige Italienerin ist, in Verona. Und ich lehre an der Mailänder Universität literarisches Übersetzen - und zwar auch vom Englischen ins Italienische! Also: Vorsicht liebe Leser! Wenn Sie etwas über das heutige England erfahren wollen, dann dürfen Sie meine Bücher nicht kaufen!

Der Standard: Was für Werke deutschsprachiger Autoren haben Sie denn so gelesen?

Parks: Joseph Roth, Robert Walser, Grillparzer ...

Der Standard: Was, Sie mögen Franz Grillparzer?! Ich muss gestehen, dass ich nicht so viele Leute kenne, die das tun.

Parks: Na ja, die Stücke sind schon nicht schlecht, würde ich sagen. Aber ganz allgemein: Das Lesen deutscher Autoren - etwa Walsers Jakob von Gunten - hat auch meine Einstellung zum Schreiben verändert.

Der Standard: In Ihrem neuen Roman "Träume von Flüssen und Meeren" haben Sie zum ersten Mal Europa als Schauplatz der Geschichte verlassen und verlagern ihn nach Indien. Was für eine Motivation steckt dahinter?

Parks: Die Hauptfigur Albert James ist Anthropologe, und als solcher kommt er zur Erkenntnis, dass es keinen Sinn macht, in gegebene Strukturen einer Kultur einzugreifen. Im totalen Gegensatz dazu erleben wir seine Frau Helen, die als Ärztin stets helfen möchte, die glaubt, Europäer hätten die Pflicht, medizinisch und auch sonst wie zu intervenieren, um die Lebensverhältnisse zu verbessern. Das ist ein Gegensatz, der dieses Paar bestimmt, der aber schwer zu verstehen ist. Für mich ist Indien das Land, das am meisten von Gegensätzen geprägt ist. Es genügt, als Europäer sich zwei Tage in Delhi aufzuhalten, um zu begreifen, dass man nichts begreifen wird. Es ist ein Land voller Gegensätze. Und ein Ziel meines Romans ist es, dass man in einen geradezu vergnüglichen Zustand gerät, indem man akzeptiert, nicht alles mit seinem Verstand begreifen zu wollen. Es gibt ein Leben außerhalb von Verstehen und Agieren. Also: Indien lehrt Europäer, dass man durchaus ein wenig die Verstandeskontrolle über sich verlieren darf.

Der Standard: Seit 1981 leben Sie als britischer Staatsbürger mit Ihrer Familie in Verona. Wie halten Sie den Unterschied zwischen britischer und italienischer Lebensweise aus?

Parks: Je länger man in Italien lebt, umso besser versteht man, wie groß die Unterschiede sind. Da geht's nicht mehr um die Qualität eines Espresso. England nervt mich zum Beispiel wegen seiner doch verhaltenen Einstellung zur Europäischen Union. In Italien gibt es meiner Meinung nach keine intellektuelle Freiheit im öffentlichen Raum mehr. Fast jeder hat Angst, etwas zu sagen, weil er glaubt, dann seinen Job zu verlieren. Das ist keineswegs bloß Berlusconis Schuld, Berlusconi ist nur die Spitze des Eisbergs. Und wie gehe ich mit all dem um? Na ja, auch ich habe mein Leben den Verhältnissen angepasst, ohne zu resignieren. Italien ist ja ein wunderschönes Land mit wunderbaren Menschen.

Der Standard: Am Anfang Ihres Buches geben Sie den Lesern den Hinweis, dass es einige Ähnlichkeiten zwischen Ihrem Helden Albert James und Gregory Bateson gäbe. Der Anthropologe Bateson hatte ja großen Einfluss auf die Entwicklung der Kommunikationstheorie und der Kybernetik. Worin liegen nun die Ähnlichkeiten zwischen Albert James und Gregory Bateson?

Parks: Ich lese Batesons Texte schon mehr als zwanzig Jahre und bin von einigen seiner Überlegungen sicher beeinflusst. Im Roman selbst gibt es Ähnlichkeiten zwischen Albert James und Gregory Bateson hinsichtlich ihrer Kindheit. Das Faszinierende an Bateson war sein wachsendes Gespür dafür, dass jedes gut funktionierende System sich in gewisser Weise selbst korrigiert. Anders gesagt, in jedem kulturellen System gibt es Dinge, die gesagt werden, und Dinge, die nicht gesagt werden müssen. Wenn aber solche unausgesprochenen Sachen dann doch kommuniziert werden, wird sich auch das System ändern. Und Albert James als Vater hat Angst, seinem Sohn Dinge zu sagen, die dessen Denk- oder Gefühlssystem ändern würden. Also sagt er lieber gar nichts. Nur, das ist sicher auch nicht gerade der richtige Weg.

Der Standard: Albert James hinterlässt seinem Sohn John, einem Doktortanden der Biologie, als Einziges einen Brief, in dem Albert seine "Träume von Flüssen und Meeren" beschreibt. Für John und auch für den Leser sind aber diese Träume sehr schwer zu verstehen. Überhaupt hat man beim Lesen Ihres Romans das Gefühl, dass die Protagonisten einander nicht wirklich verstehen, egal ob es da um Meinungen oder Gefühle geht.

Parks: Also vielleicht verlangen Sie ja Unmögliches! Verstehe ich meine Frau? Nein! Es gibt ein bestimmtes Verhalten an ihr, das ich vielleicht richtig zu deuten verstehe. Das ist alles. Okay, wir führen dieses Interview, wir sprechen miteinander, und Sprache ist etwas Wirkliches. Aber was heißt das? Verstehen Sie mich, ich Sie? Ich habe bei der Erziehung meiner Kinder echte Fortschritte erzielt, als ich es aufgegeben habe, sie verstehen zu wollen. Verstehen, exaktes Wissen, das sind Dinge, die Alberts Sohn John als Wissenschafter interessieren. Genau diese Dinge haben auch Albert James beschäftigt. Nur hat er erkannt, dass Träume Wissen und das Unverstehbare zusammenbringen. Und diese Träume sind sozusagen die Einladung an den Sohn, die andere Seite, also die nichtwissenschaftliche, in sich selbst zu erforschen.(Andreas Puff-Trojan, DER STANDARD/Printausgabe, 14.07.2009)

Zur Person
Tim Parks wurde 1951 in Manchester geboren, studierte in Cambridge und Harvard. 1981 zog er mit seiner Frau nach Verona, wo beide heute mit ihren drei Kindern leben. Parks unterrichtet an der Mailänder Universität literarisches Übersetzen. Sein letzter Roman "Stille" wurde auch hierzulande ein großer Publikumserfolg.

 

Tim Parks: "Träume von Flüssen und Meeren. Roman" . Aus dem Englischen von Ulrike Becker. 512 Seiten / 24,90 Euro, Antje Kunstmann Verlag, München 2009

 

  • "Ein Ziel meines Romans ist, dass man in einen geradezu vergnüg-lichen
Zustand gerät, in dem man akzeptiert, nicht alles mit seinem Verstand
begreifen zu wollen" : Tim Parks.
    foto: basso cannarsa

    "Ein Ziel meines Romans ist, dass man in einen geradezu vergnüg-lichen Zustand gerät, in dem man akzeptiert, nicht alles mit seinem Verstand begreifen zu wollen" : Tim Parks.

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