Vorbeugen ist besser als heilen

20. Juli 2009, 16:01
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Die alljährliche Gesunden­untersuchung ist mittlerweile für viele Routine - Im Bereich der Unfallmedizin ist es um die Prävention schlechter bestellt

Es war am Neujahrstag dieses Jahres. Der Himmel war blau über der Riesneralm in den steirischen Wölznertauern, der Schnee griffig und Dieter Althaus bretterte mit 40 Kilometern pro Stunde die Piste hinunter. Woran er in dem Augenblick, der sein Leben für immer verändern würde gerade dachte, weiß er heute vermutlich nicht mehr. Einige Sekundenbruchteile später war es passiert: der thüringische Ministerpräsident war mit einer slowakischen Sportlehrerin zusammengestoßen. Er kam mit einem Schädel-Hirn-Trauma und Hirnblutungen relativ glimpflich davon. Die 41-Jährige hingegen starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

So zynisch es auch klingen mag: Fälle, wie der von Althaus haben auch positive Auswirkungen. Zumindest aus Sicht der Präventivmediziner. „Wenn einem Prominenten etwas passiert, horchen die Menschen auf", sagt Richard Kdolsky, Unfallchirurg am Wiener Allgemeinen Krankenhaus und Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Der Fall Althaus habe dazu geführt, dass nun auf den heimischen Pisten mehr Helme getragen werden. „Mittlerweile gilt es als schick einen Helm, oder beim Snowboarden auch einen Rückenprotektor zu tragen."

Die Präventivmedizin hat sich in Österreich mittlerweile in vielen Bereichen etabliert: Alljährliche Gesundenuntersuchungen etwa, sind inzwischen für viele Routine. Nach dem Motto „Vorsorge ist besser als heilen" hilft sie vielen Menschen, ehe sie tatsächlich Patienten werden.
Was die Unfallmedizin betrifft, hat es die Präventivmedizin jedoch schwer: „Bei der Prävention geht es in erster Linie um die Beeinflussung der Gesellschaft und es kann mitunter Jahre dauern, ehe sich die gewünschten Erfolge einstellen", sagt Kdolsky.

Mehr Freizeit, mehr Unfälle

Landesweit verunfallten im Jahr 2007 mehr als 800.000 Menschen - 2.552 davon tödlich. Knapp zwei Drittel der tödlichen Unfälle ereigneten sich in der Freizeit, dabei schätzen viele ausgerechnet diesen Bereich im Vergleich zum Straßenverkehr als sicher ein. Das Gegenteil ist der Fall: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der tödlichen Freizeitunfälle um 18 Prozent gestiegen. Woran liegt das? Zum einen daran, das die Österreicher über immer mehr Freizeit verfügen und damit auch die Zahl der Freizeitunfälle steigt. Zum anderen ist beispielsweise auch die Zahl der Radfahrer gestiegen - und parallel dazu die Zahl der Autofahrer.

Helmpflicht

Das Tragen von Fahrradhelmen populär zu machen, ist eines der Hauptanliegen der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie. „Was für Profisportler mittlerweile ganz selbstverständlich ist, greift leider nur bei 20 Prozent der Bevölkerung", sagt Kdolsky. Zwar könnten Helme Verletzungen nicht grundsätzlich verhindern, wohl aber deren Schwere. „Leider rütteln oft erst Unfälle wie der von Althaus auf", sagt Richard Kdolsky.

Die Österreichische Gesellschaft für Unfallchirurgie fährt jedes Jahr eine Kampagne, um auf die Risiken im Alltag aufmerksam zu machen. Neben dem Dauerbrenner „Helmpflicht für Fahrrad- und Schifahrer", widmen sich die heimischen Präventivmediziner auch den Themen Kindesmisshandlung, Osteoporose und Unfallversicherung. „Wir versuchen, vor allem Kollegen in Bezug auf Kindesmisshandlung zu sensibilisieren. Schließlich sind wir meist die ersten, die Misshandlungen zu Gesicht bekommen", sagt Kdolsky.

Ein Trend der Kdolsky und seinen Kollegen dezeit besondere Sorgen bereitet, ist das Brückenspringen. Heuer sind bereits acht Personen beim Sprung von einer Brücke in die Donau gestorben. Den Jugendlichen seien die möglichen Konsequenzen ihrer Mutproben nicht klar, sagt Kdolsky. Nämlich, dass der Sprung für viele im Rollstuhl endet.

Langsame Veränderungen

Bis sich in der Präventivmedizin Erfolge einstellen, würden oft viele Jahre vergehen. „Es dauert eben seine Zeit, ehe sich das Bewusstsein einer breiten Masse ändert und dann noch mal eine Zeit, bis Veränderungen sichtbar werden", sagt Kdolsky. Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sei etwa die VÖEST: Die Zahl der Arbeitsunfälle war in den 1960er Jahren enorm. Der Grund: Um sich während dem Arbeiten an den Hochöfen abzukühlen, tranken die Arbeiter Bier. Und das in nicht zu knappen Mengen. Einige Aufklärungskampagnen später, rüstete die Geschäftleitung um und bot gekühlte alkoholfreie Getränke an damit nahm auch die Häufigkeit der Unfälle wieder ab.

Trotzdem, in der Präventivmedizin müsse man realistisch bleiben. Was bedeutet, dass sich gewisse Risiken nicht gänzlich ausschalten lassen würden: „Man kann nicht verhindern, dass sich ein Paragleiter den Berg hinunterstürzt, wohl aber kann man die Zahl der Schädel-Hirn-Traumata bei Radfahrern minimieren", sagt Kdolsky, der auf die Einführung einer Helmpflicht hofft. Schließlich seien die Gefahren ähnlich denen des Mopedfahrens. Bis auch die Gesellschaft so weit sei, würde es allerdings noch dauern, meint Richard Kdolsky. "Vier bis fünf Jahre." (bock, derStandard.at, 20.07.2009)

  • Was die Unfallmedizin betrifft, hat es die Präventivmedizin schwer
    foto: derstandard.at/schersch

    Was die Unfallmedizin betrifft, hat es die Präventivmedizin schwer

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    Ob Sicherheitsgurt oder Radhelm: Kampagnen wollen über die Risiken im Straßenverkehr und der Freizeit aufklären

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