Greenpeace: "Nabucco-Pipeline kommt uns noch teuer zu stehen" - Global 2000: "Verfehlte Energiepolitik"
Ankara/Wien - Umweltschutzorganisationen übten am Montag neuerlich heftige Kritik an der geplanten - und nun per Regierungs-Abkommen abgesegneten - Gas-Pipeline "Nabucco". "In den nächsten Jahren wird Strom aus Sonnenenergie deutlich billiger sein als jener aus Erdgas", kommentiert Greenpeace-Energieexperte Jurrien Westerhof das Vorhaben. "Mit dem Nabucco-Vertrag verpflichtet sich Österreich jedoch auf Jahrzehnte, Erdgas von den Förderländern im kaspischen Raum zu beziehen - egal zu welchem Preis", so Westerhof.
Die Greenpeace-Kritik richtet sich vor allem gegen die langfristige Festlegung auf Gas für die Energieversorgung. "Damit wird der Ausbau von Erneuerbaren Energien gebremst, weil mit der Entscheidung für eine neue Erdgas-Pipeline auch die Entscheidung für die Errichtung von weiteren Gaskraftwerken fällt." Die Inbetriebnahme der Nabucco-Pipeline würde bedeuten, dass die europäischen CO2-Emissionen jedes Jahr um sechzig Millionen Tonnen zunehmen würden.
"Verfehlte Energiepolitik"
"Die Gaskraftwerke, die man nun baut, werden Jahrzehnte lang laufen", so Westerhof. "Und genauso lang werden wir auch gezwungen sein, dieses Gas zu beziehen - welcher Preis auch immer eines Tages dafür verlangt werden wird." Mit den Kosten, die der Bau der Nabucco-Pipeline verschlingt, könnte man rund 8.000 Megawatt Windenergie bzw. viertausend große Windräder in Betrieb nehmen, rechnet Westerhof vor. "Das entspricht einer deutlich größeren Strommenge, als alle österreichischen Haushalte gemeinsam benötigen."
Auch bei GLOBAL 2000 zeigt man sich enttäuscht über die "verfehlte Energiepolitik Österreichs". Mit der Nabucco-Gaspipline werden "veraltete Konzepte verfolgt, die in keiner Weise den Zielen des Klimaschutzes sowie der Energieunabhängigkeit dienen. Einerseits beklagt sich Außenminister Spindelegger über die Unzuverlässigkeit der Ukraine bei den Gaslieferungen, anderseits schafft man mit der Gaspipeline Nabucco neue Abhängigkeiten von fragwürdigen Regimen", so Manuel Graf, Klima- und Energiesprecher von GLOBAL 2000.
Opposition: Falscher Weg der Energiepolitik
Auch die Oppositionsparteien FPÖ, Grüne und BZÖ haben am Montag in Aussendungen die österreichische Energiepolitik und die daraus resultierende Annäherung an die Türkei kritisiert. Begrüßt wird das rund 8 Mrd. Euro schwere Nabucco-Projekt hingegen von der Industriellenvereinigung (IV) und der E-Wirtschaft.
Nach Ansicht von FPÖ-Energie- und Umweltsprecher Norbert Hofer kostet das Projekt "Österreich sehr viel Geld und dazu nachhaltig die Chance, sich endlich energiepolitisch unabhängig zu machen". Von Nabucco profitiere die Türkei massiv, etwa durch die "reverse-flow"-Klausel, die bei Bedarf den Gastransfer auch in die umgekehrte Richtung ermögliche. Darüber hinaus erhalte die Türkei "die Kontrolle über alle durch Nabucco fließenden Gasimporte", so Hofer laut Aussendung.
Die Grünen sehen in dem Projekt eine "kolossale Fehlinvestition". Umweltsprecherin Christiane Brunner zufolge blockiert das Projekt die Energiewende in Österreich. "Wir müssen endlich von unsicheren Gaslieferanten unabhängig werden", forderte sie.
Nach Ansicht von BZÖ-Wirtschaftssprecher Robert Lugar wird die Nabucco-Pipeline die österreichische Importabhängigkeit im Energiesektor "noch weiter verschärfen und die Gaspreise in die Höhe treiben". Der heutige Tag sei "eine schwarze Stunde für die österreichische Energiezukunft".
IV: "Verhandlungserfolg"
Positiv wird das Projekt von der IV bewertet. "Die heutige Vereinbarung ist ein Verhandlungserfolg für das federführende Unternehmen OMV ebenso wie für Österreich", erklärte IV-Vize-Generalsekretär Peter Koren am Montag. Die russisch-ukrainische Gaskrise Anfang 2009 habe gezeigt, dass Europa eine neue Transitroute brauche. Mittelfristig gebe es noch keine Alternative zu fossilen Energieträgern - trotz der Bemühungen zum sinnvollen Ausbau der erneuerbaren Energie. Es sei "eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der EU", so die IV.
Auch die österreichische E-Wirtschaft zeigte sich erfreut über die Unterzeichnung des Regierungsabkommens. Österreichs Stromproduktion sei derzeit zu rund 15 Prozent von Gas abhängig. Die geplante Nabucco-Pipeline werde die Versorgung mit Gas verbessern und durch die Diversifizierung der Lieferanten Österreich auch unabhängiger machen, erklärte die Generalsekretärin des Verbands der Elektrizitätsunternehmen Österreichs (VEÖ), Barbara Schmidt. (red/APA)