Startschuss für Wüstenstrom-Projekt

13. Juli 2009, 13:08
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Zwölf Konzerne wollen Europa mit Solarstrom aus der nordafrikanischen Wüste versorgen

Berlin - Der Startschuss zu einem der weltweit ambitioniertesten Solarenergieprojekte in der Sahara soll heute (Montag) von einer Gruppe von Unternehmen gegeben werden. Unter Führung der Münchener Rück wollen die Konzerne in München eine Absichtserklärung unterzeichnen. Ziel der Initiative ist es, aus der Sonnenhitze des nordafrikanischen Wüstengürtels Strom zu gewinnen und nach Europa zu liefern. Die Sonnenstromanlagen sollen in elf Jahren ans Netz gehen, die Kosten dafür werden auf 400 Milliarden Euro geschätzt.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der desertec-Stiftung, Gerhard Knies, wies schon vorab Kritik an dem Wüstenstromprojekt zurück. Der Physiker sagte dem Deutschlandradio Kultur, das Projekt sei umsetzbar, könne technisch sofort begonnen werden und sei bereits mittelfristig billiger als Stromerzeugung durch Kohle-, Öl- oder Kernkraftwerke. desertec sei auch ein Vorteil der beteiligten afrikanischen Länder, sagte Knies dem Sender zufolge: "Wir nehmen ihnen überhaupt nicht die Wüsten weg, sondern wir werten ihre Wüsten auf."

Der desertec-Aufsichtsratschef würdigte zugleich das große Interesse aller politischen Parteien an den Projekt. Er klagte aber über "eine sehr effiziente Lobbyarbeit der Atomenergiekraftwerksbauer". Diese wirke sich dahingehend aus, dass den afrikanischen Ländern Atomkraft als Alternative angeboten werde.

Kritik zurückgewiesen

Am Wochenende hatte schon Siemens-Chef Peter Löscher Kritik an desertec zurückgewiesen. Löscher bestritt im "Spiegel" den Vorwurf, es sei unwirtschaftlich, in Afrika gewonnenen Strom aus Solarkraftwerken über Verteilnetze nach Europa zu transportieren. "Stromautobahnen können heute technisch und wirtschaftlich höchst effizient sein", sagte Löscher.

Löscher wies auch Kritik zurück, die Regierungen vieler betroffener Länder seien vorher nicht gefragt worden: Bei dem Vorhaben seien auch Vertreter aus dem arabischen Raum und Afrika maßgeblich eingebunden, betonte der Siemens-Chef. Die Anlagen in der Wüste wären zudem eine "Riesenchance für Afrika und jede andere Region mit entsprechendem Sonneneinfall".

RWE-Chef Jürgen Großmann verwies in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" allerdings darauf, dass es sich bei dem Vorhaben bisher lediglich um eine Idee handle. Bevor daraus ein Projekt "und dann möglicherweise eine Investition" werde, müsse sie genau überprüft werden. Wenn das Projekt machbar sei, sei RWE aber mit dabei. Der Wüstenstrom könne Kohle- und Atomkraft aber nicht schon in zehn Jahren ersetzen. Eine solche Prognose sei nicht seriös, sagte Großmann.

Club of Rome

Das Projekt mit dem Namen "Desertec" geht auf eine Initiative des Club of Rome aus dem Jahr 2003 zurück, jener internationalen Vereinigung von Ökonomen, Unternehmern und Wissenschaftlern, die sich durch Studien zu Zukunftsfragen der Menschheit hervorgetan hat. Politisch unterstützt wird das Vorhaben, dem auch E.ON, RWE und ABB angehören, von EU und Bundesregierung. Der Klimawandel durch Treibhausgase sowie der steigende Strombedarf in Nordafrika und im Nahen Osten machen das Projekt attraktiv, argumentieren die Befürworter.

Der Desertec-Stiftung zufolge bringt die Sonne den Wüsten der Erde innerhalb von sechs Stunden mehr Energie, als die Menschheit binnen eines Jahres verbraucht. Die Initiatoren hoffen, dass bereits im Jahr 2020 aus der Sahara über neue Hochspannungsnetze bis zu 20 Gigawatt Energie nach Europa fließen. Das entspricht der Leistung 20 konventioneller Kraftwerke und würde 15 Prozent des Energiebedarfs Europas decken. Kritiker hegen gravierende Zweifel an der Machbarkeit des Megaprojekts mit künftig gut 400 beteiligten Parteien. Sie verweisen auf die horrenden Kosten und die politischen Risikofaktoren in der islamisch geprägten Region. (APA/AP/Reuters)

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    foto: desertec foundation
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