Kaliningrader Abenteuer

13. Juli 2009, 09:41
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Markus Zohner in Kaliningrad: Plattenbauten, Lenin, Regen

Um aus Polen in die russische Enklave Kaliningrad zu kommen, musste ich zum ersten Mal während meiner Wanderung einen Bus besteigen, weil die russische Grenze nicht zu Fuß überquert werden darf. Kurz nach der Grenze wird der Bus von der Polizei angehalten, zwei Polizisten steigen ein und befehlen mir, auszusteigen und mitzukommen. Tadeusz, polnischer Besitzer einer Eisfabrik in Lenowo, der aus Konin die Information bekommen hatte, dass ich darin saß, hatte befreunde Polizisten gebeten, den Bus anzuhalten und mich rauszuholen, weil er mich beherbergen wollte. Großer Schreck für mich, und eindrucksvolle Show für die übrigen Fahrgäste. Eine lange Nacht bei allerlei Getränken und Gesprächen über meine Reise, Vanilleeis und sonstige mir noch drohende Gefahren. Übernachtung in der Eisfabrik. An diesem Tag waren 20.000 Stück Erdbeereis am Stiel hergestellt worden - lange habe ich nicht mehr so süß geträumt.

Am darauffolgenden Tag ging es dann zu Fuß weiter nach Kaliningrad City. Eine nette Dame, die mich, unter einem Baum Schutz vor einem Wolkenbruch suchend meine Karte lesen sah, sprach mich in russischem Niederrheinisch ("Ich habe drei Jahre in Kleve gearbeitet!") an und erbot sich, mir nicht nur den Weg zum Hotel zu zeigen. Ich konnte gar nicht schnell genug abwinken, da nannte sie mir schon den Preis. "Warum? Sind 150 Rubel für ein bisschen Massage zu teuer?" Was antwortet man da, ohne unhöflich zu sein? Ich küsste ihr die Hand und ging meiner Wege.

1457 war Königsberg Residenz des großen Meisters des deutschen Ritterordens, 1525 Hauptstadt Preussens. Im zweiten Weltkrieg wurde Königsberg schwer bombardiert, dem Erdboden gleichgemacht und schließlich von der roten Armee erobert. Die überlebenden deutschen Einwohner wurden vertrieben, Menschen aus Russland wurden angesiedelt. Die wenigen deutschen Bauwerke, die, wie die Burg des deutschen Ritterordens die Bombardierungen überstanden hatten, wurden von den Sowjets geschliffen in der Absicht, jede Erinnerung an die deutsche Vergangenheit der Stadt auszulöschen.

Stadt ohne sichtbare Geschichte

Heute ist Kaliningrad eine Stadt ohne sichtbare Geschichte. Keine Spur von Königsberg, nicht einmal Königsberger Klopse habe ich irgendwo bekommen, da hat mich auch die erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wiederaufgebaute Kathedrale mit dem Grab Immanuel Kants kaum trösten können. Plattenbauten, Lenin, Regen. Ausflüge an die Küste, Yantarny, die größte Bernsteinförderungsstätte, von weitem gesehen.

Geburtstag im Hotelzimmer bei Champagner, Schokoladenkuchen und anschließender Sauna. Dann Aufbruch in Richtung Kurische Nehrung. Tagelange Wanderungen am Strand an Lagune und Ostsee, durch tanzende Wälder und Naturschutzgebiete bis vor die litauische Grenze. Ich wollte es trotz allem zu Fuß versuchen - aber ein freundlicher Russe warnte mich eindringlich: zwei Kilometer vor der Grenze sei Sperrgebiet, und Fußgänger würden von der Polizei aufgegriffen und verhaftet, es sei ihm selbst passiert. Also habe ich schweren Herzens wieder den Bus bestiegen und bin nach Nida, dem ersten Dorf in Litauen gefahren - an der Grenze haben russische Beamte meinen roten Pass wie bei der Einreise 20 Minuten lang geprüft, inklusive Lupe, UV-Licht, hinzugerufenen Kollegen und dreifachem Seitenzählen. War dann aber doch in Ordnung. Die Abendsonne schien über Nida, und die beiden deutschen Radfahrer, die mich in Russland dreimal überholt hatten, saßen schon beim Abendessen. Ich ging noch zu Thomas Manns Sommerhaus, wechselte ein paar Worte über seine Rosen, die paradiesische Stille und das weiche, klare Licht dieses Frühsommerabends mit ihm; dann setzte ich mich auf die Mole und blickte auf die Lagune hinaus. Für immer. (Markus Zohner)

  • Markus Zohner kommt in Kaliningrad an.
    foto: zohner

    Markus Zohner kommt in Kaliningrad an.

  • Wiederaufgebaute Kathedrale
    foto: zohner

    Wiederaufgebaute Kathedrale

  • Bernsteintagebau in Jantarny.
    foto: zohner

    Bernsteintagebau in Jantarny.

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