Alte Meister, neues Tuch

12. Juli 2009, 20:00
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Wagner-Festspiele in Erl: Gustav Kuhn dirigiert und inszeniert die "Meistersinger von Nürnberg". Traditionspflege mit einigen Schwächen und vielen Stärken

Erl - Als Katharina Wagner vor zwei Jahren in Bayreuth ihre konfuse wie umstrittene Meistersinger-Deutung vorlegte, flammte wieder die Grundsatzdebatte auf. Wie lässt sich Richard Wagners einzige Komödie zeitgemäß in Szene setzen, ohne das Stück durch radikales Regietheater zu schlachten? Außerdem gilt es, viereinhalb Stunden Musik auf die Bühne zu bringen, plus zwei Liebesgeschichten.

Wagner setzte statt auf meisterhafte Sänger auf Meistermaler und verkehrte die Rollen von Stolzing und Beckmesser ins Gegenteil. In Erl, wo Gustav Kuhn seinen Wagner-Hort erfolgreich hütet, sind regietheatrale Ergüsse verpönt. Eine Reminiszenz an Bayreuth gab es dennoch, und keine gute. Franz Hawlata sang in der Tiroler Provinz den Veit Pogner, in der oberfränkischen gab er die letzten zwei Jahre einen verraucht-verruchten Sachs - mit groteskem Timbre.

Auch im ersten Aufzug der Erler Meistersinger outrierte Hawlata, was das Zeug hält. Da wurde mehr gebellt und gebrüllt, denn in Wagner'scher Diktion gesungen. Einen Akt später fing sich Pogner/Hawlata indes und sorgte sogar für ein paar richtig schöne Momente.

Schöne Momente, ja, exzellente Stimmen gibt es in den neuen Erler Meistersingern reichlich, etwa den hell strahlenden David von Andreas Schagerl oder Maria Gesslers Eva mit samtenem Sopran. Bei den Meistern waren unterschiedliche Töne zu hören, am überzeugendsten schmetterte Oskar Hillebrandt (Hans Sachs) seine Verdikte. Hillebrandt gelang trotz einiger Schwächen am Schluss eine dichte wie einfühlsame Rollengestaltung, prägnant in den Grübeleien über Liebe, Wahn und die eitle (Künstler-)Welt, erregt in der düsteren Anklage gegen welschen Tand und undeutsche Einflüsse, bissig bei der Korrektur Beckmessers.

Warten lohnt sich

Sein Schützling Stolzing hingegen singt ja im Stück besser als sein Meister, im Passionsspielhaus brauchte man allerdings ein wenig Geduld mit Michael Baba, der einen schönen und reinen Tenor hat, diesen leider oft nur mit Mühe zum Einsatz brachte. Aber für seine "Morgentraumdeutweise" lohnte sich das Warten. Etwas blass blieb Hermine Haselböck als Magdalena, während der Tiroler Martin Kronthaler den Beckmesser mit Ausdauer und vokaler Pracht gab. Kuhn erzählt brav die Handlung, Ein paar Holzhocker im Bauhaus-Stil, Pflanzen und viele Lichtwechsel sind Kernelemente der Inszenierung. Die Meister tragen zunächst historisch anmutende Gewänder, erst als sie die neuartigen Töne Stolzings akzeptieren (müssen), fallen die alten Hüllen zugunsten moderner Kleidung.

Die Personenführung ist detailliert, wobei im zweiten Aufzug szenische Dellen noch auf Nachbesserung warten. Eher misslungen ist die Prügelfuge, wo sich alle in ekstatische Raufereien stürzen, während man im Passionsspielhaus eher würdig herumsteht. Da passiert deutlich mehr, wenn wieder einmal Erler Kinder die Bühne bevölkern.

Atemberaubend ist das zersplitternde Terzett von Eva, Stolzing und Sachs im dritten Aufzug, kongenial die Lösung der Sachs'schen Schlussansprache: Während er von der Gefahr ausländischer Künste schwadroniert, verwandeln sich alle in Leute von heute und werfen ihre alten Kleider zu Boden - bis Sachs resigniert und in der Jetztzeit ankommt. Chor und Orchester hatte Kuhn am Premierenabend bestens im Griff, nur die Bläser gerieten immer wieder ins Schleudern. So etwas kommt vor, da darf man sich in Erl ruhig noch einige Intonationstrübungen leisten. (Jörn Florian Fuchs / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.7.2009)

 

  • Gustav Kuhn inszeniert im Tiroler Erl Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg".
    foto: fs erl

    Gustav Kuhn inszeniert im Tiroler Erl Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg".

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