Die Stille des Verfalls von Bad Gastein

12. Juli 2009, 18:57
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Sperrgitter vor denkmalgeschützten Prachtbauten, bröckelnde Fassaden - im Zentrum des einstigen "Weltkurortes" herrscht Tristesse

Bad Gastein - Wo einst die nobelsten Juweliere und Couturiers ihre Dependancen für gehobene Sommerfrischler betrieben, bleibt niemand mehr stehen. Im Zentrum von Bad Gastein eilen Kurgäste in Trainingsanzügen mit ihren Nor-dic-Walking-Stöcken am Haus Austria vorbei - der mächtige Bau aus der Belle Époque ist mit Bauzäunen abgesperrt. Das darin untergebrachte Gasteiner Museum sei "bis Sommer 2009 geschlossen", heißt es auf einem Schild. Ein orangefarbener Zettel an der Tür einer ehemaligen Trafik verkündet "Betriebsurlaub auf unbestimmte Zeit wegen der Gitter-Absperrung durch Herrn Duval".

Franz Duval - das ist jener Mann, der vor wenigen Jahren noch als "Retter Gasteins" gefeiert wurde. Im Jahr 2005 hatten ihm die Kur- und Kongressbetriebe Bad Gastein (KKB) das Haus Austria und das Kongresshaus gegenüber, einen Betonbau aus den 1970er-Jahren, verkauft. Schon 2001 hatte der inzwischen 84-jährige Immobilienmakler aus Wien zusammen mit dem Architekten Franz Wojnarowski drei Gebäude im Zentrum des einstigen "Weltkurorts" - das Hotel Straubinger, das "Badeschloss" und die alte Post - aus einer Konkursmasse gekauft. Zusammen kosteten ihn die fünf Gebäude etwa fünf Millionen Euro.

"Der Zustand der Gebäude ist nicht existenziell bedrohend", sagt Landeskonservator Ronald Gobiet vom Bundesdenkmalamt im Standard-Gespräch. Aber es gebe "keine Wartung, keine Lüftung, keine Heizung". Das führe zu Wassereintritten, Schimmelbildung und ergebe ein "sehr abträgliches optisches Bild". Herabfallende Fassadenteile seien "eine gewisse Gefährdung für vorübergehende Passanten". Ein Sachverständiger schätze die Kosten einer notdürftigen Sanierung bei den vier denkmalgeschützten Duval-Gebäuden auf zwei Millionen Euro.

"Oje!"

Zwischen Kongresshausplatz und Straubingerplatz lassen sich ältere Paare beim berühmten Gas-teiner Wasserfall fotografieren. Als eines anschließend auf den Straubingerplatz einbiegt, entfährt der Dame ein spontanes "Oje!". Hier steht alles leer. Im Erdgeschoß des Badeschlosses hatte einst der Wiener Juwelier Julius Hügler eine Niederlassung. Gusseiserne Inschriften weisen heute noch auf seine Filialen in der Hauptstadt hin. Die Schaufenster benutzt heute "Wally's Moden" von gegenüber.

Bürgermeister Gerhard Steinbauer (ÖVP) weist jede Schuld an der verfahrenen Situation im Ortszentrum von sich: Schon einen Monat nach seinem Amtsantritt im Jahr 2004 habe er die KKB, zu einem Drittel in Gemeindebesitz, "angefleht", nicht an Duval zu verkaufen. Doch der Beschluss sei unter seinem SPÖ-Vorgänger gefallen und war nicht mehr rückgängig zu machen. "Wir sind einem Spekulanten aufgesessen", sagt Steinbauer. Er habe auch immer wieder versucht, das Land - ebenfalls Teilhaber der KKB - zu einem Rückkauf der Gebäude zu bewegen. Eine vorübergehende Verstaatlichung sei aber stets am Widerstand der in Salzburg für die Finanzen ressortzuständigen SPÖ gescheitert.

Franz Duval selbst spricht nicht gern mit Medien. "Wir sind von den Zeitungen durch den Dreck gezogen worden", sagt er und verweist auf seinen lokalen Anwalt Hans Wabnig. Der wiederum sagt, der derzeitige Zustand des Bad Gasteiner Ortskerns sei "ein Produkt der Vernachlässigung der Gebäude durch die Vorbesitzer". Die Schäden seien aber auch nicht so dramatisch wie vom Bundesdenkmalamt dargestellt, es handle sich um eine "geringfügige Putzabblätterung". Dass eine italienische Investorengruppe seinem Mandanten 15 Millionen Euro für die Bauten geboten habe, stimme so nicht: "Die haben kein annahmefähiges Angebot vorgelegt."

Auf dem Platz vor dem Kongresshaus steht noch ein großes Herz aus Rosenblüten. Es ist ein Überbleibsel jenes "Blumen- und Lichtermeers", mit dem kürzlich Bürger gegen den Verfall ihres Ortszentrums protestiert hatten. Ein Straßenarbeiter in einer orangen Jacke bewegt sich im Zeitlupentempo von Blumenkistl zu Blumenkistl, um Unkraut zu jäten. Seinen Plastikkübel schiebt er mit den Füßen voran. Das Thermalwasser aus dem Springbrunnen plätschert leise vor sich hin, im Hintergrund tost der Wasserfall. Es ist ruhig geworden in Bad Gastein. (Markus Peherstorfer, DER STANDARD Printausgabe, 13.07.2009)

 

  • Die Prachtbauten sind weiter dem Verfall preisgegeben.
    foto: markus peherstorfer/der standard

    Die Prachtbauten sind weiter dem Verfall preisgegeben.

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