Die Großen waren gierig, die Kleinen zahlen die Zeche

12. Juli 2009, 17:58
53 Postings

Ein Zurechtrücken der "falschen Erwartungen" an die Auslieferung von Firmenpensionen an die Logik des Kapitalmarkts - Von Günter Braun

Ein Zurechtrücken der "falschen Erwartungen" an die Auslieferung von Firmenpensionen an die Logik des Kapitalmarkts, als Replik auf Wolfgang Mazal ("Gutgläubig oder gierig?" Standard, 10. 7.).


Wer hat geglaubt, dass die an den Finanzmärkten angelegten Firmenpensionen jedes Jahr acht Prozent Ertrag bringen können, fragt Professor Mazal in seinem Kommentar vom 10. Juli. Von den Entscheidungsträgern wahrscheinlich niemand (wo blieb eigentlich damals seine mahnende Stimme?), aber die Firmen, die ihre Pensionslasten möglichst günstig auslagern, und die Pensionskassen, die das Geschäft mit den großen Kapitalübertragungen machen wollten, wollten es glauben: aus Gier und nicht gutgläubig - völlig richtig. Die betroffenen Pensionisten und Anspruchsberechtigten zumindest der nächsten zehn bis 15 Jahre aber in diese "gierige Gesellschaft" einzubeziehen ist eine perfide Verdrehung der Tatsachen.

Hier wird das Klischee von den Privilegierten, das in weiten Bevölkerungskreisen mangels Sachwissens kursiert, von berufener Seite missbräuchlich benutzt, um Meinung zu "machen". Prof. Mazal spricht von Managern, die gehofft hätten, via Kapitalmarkt zu (noch) höheren Leistungen zu kommen. Tatsache ist, dass es sich Manager richten konnten, in den alten Systemen zu bleiben, also de facto weiterhin eine leistungsorientierte Pension zu beziehen anstelle der beitragsorientierten, schwindsüchtigen Kassenpension. Wer es sich aber nicht richten konnte, das sind die hunderttausenden Landsleute, deren Zusatzpension(sanspruch) im Schnitt bei etwa 300 Euro monatlich liegt - und diese Durchschnittspension ist wegen des unzulänglichen und in grob fahrlässiger Weise benutzten österreichischen Pensionskassensystems inzwischen auf rund die Hälfte zusammengeschmolzen.

Arbeitgeber und Betriebsräte haben seinerzeit über die Köpfe der Betroffenen hinweg "Verträge zugunsten Dritter" mit den Pensionskassen abgeschlossen, die sich längst als "Verträge zuungunsten der Betroffenen" erwiesen haben.

"Das System nicht kaputtreden"? - Niemand redet das System an sich kaputt. Aber es wurden, wie Prof. Mazal richtig schreibt, die wesentlichen und negativen Parameter des "österreichischen Wegs" ignoriert. Die Verantwortlichen sind die übertragenden Firmen, die Pensionskassen und der Staat, der den Missbrauch des Systems stillschweigend geduldet und durch seine Gesetzesnovelle 2003 noch maximiert hat. Die unschuldigen Opfer dieser Handlungsweisen sind jene hunderttausenden Leistungs- und Anwartschaftsberechtigten, die - und das muss einmal deutlich gesagt werden, bevor es wieder zu spät ist - auch nach der nunmehr im Gespräch befindlichen "Reform" auf der Strecke bleiben werden. Denn auch die derzeit diskutierten Reformvorschläge werden nur jenen Sanierung bringen, die noch möglichst lang den Cost-Average-Effekt nutzen können, das Um und Auf eines funktionierenden Pensionskassensystems also, dass bei laufenden monatlichen Beiträgen ein Mix aus Kursgewinnen und -verlusten langfristig zu einem durchschnittlich besseren Ertrag führt.

Dieser Effekt konnte den zwangsweise mit Einmaltransfer übertragenen Pensionskassenberechtigten natürlich nicht zugute kommen, und man war aber auch nicht willens, ihnen das in ausreichender Form auszugleichen. Und deshalb ist die Forderung nach Firmennachschüssen und vor allem staatlichem Steuerentgegenkommen nur recht und billig!

Der Staat als Ansprechpartner käme nur infrage, "wenn es die Budgetlage zulässt"? Im Vergleich zu den akuten Belastungen der Budgetlage, die man ohne Wimpernzucken in Kauf nimmt - Stichwort: Bankenmilliarden -, nehmen sich die eventuellen Nachschüsse für die Opfer unseres Pensionskassensystems wie Sandkörner in der Wüste aus. Umso unverständlicher ist es, dass in der Reformdebatte konstruktive Vorschläge (wie das Pauschalsteuersystem des Seniorenrats), die sogar temporär einen konjunkturell sinnvollen Steuermehrertrag ermöglichen, bisher glatt abgelehnt wurden. Dazu schweigt der Herr Professor. (Günter Braun, DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2009)

Zur Person

Günter Braun ist Sprecher des Schutzverbands der Pensionskassenberechtigten (Pekabe).

  • Günter Braun: "Perfide Verdrehung der Tatsachen."
    foto: pekabe

    Günter Braun: "Perfide Verdrehung der Tatsachen."

Share if you care.