Zwischen Pathos und Bubblegum

    12. Juli 2009, 16:16
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    Regina Spektor breitet mit ihrem fünften Album "Far" ihren eigenen musikalischen Kosmos weiter aus

    Den Status des Geheimtipps hat Regina Spektor längst verloren. Die Mischung der ausgebildeten Konzertpianistin aus wohltemparierter Melancholie und Melodien, die noch tagelang im Ohr wurmen, ist längst auch kommerziell erfolgreich. Vom vierten Studioalbum "Begin to Hope" (2006) wurden mehr als eine Million Stück verkauft. Für das neue Album "Far" scheint sie nun auf Nummer Sicher zu gehen und hat gleich vier Produzenten in das Boot geholt, darunter Garret "Jacknife" Lee, der bereits U2 und R.E.M. produziert hat, Hip-Hop-Guru Mike Elizondo (Dr Dre, Eminem) und Jeff Lynne, Kopf der britischen 70er-Jahre Rockband Electric Light Orchestra.

    Als im Vorfeld die Namen der Produzenten bekannt wurden, kamen unter Regina Spektor-Fans in Internet-Foren Bedenken auf, dass der Sound zu glatt und die Songs des fünften Studioalbums der russisch-stämmigen New Yorkerin zu kalkuliert werden könnten. Die Bissigkeit ist zwar aus ihren Texten verschwunden, zu musikalischen Experimenten wie auf ihrem Debütalbum 11:11 lässt sie sich nur noch selten hinreissen. Doch Spektor lässt den Schabernack nicht sein: Wie ein schlimmes Kind im Museum, das auf klassische Portraits Schnurrbärte und Brillen malt, baut sie weiterhin Brüche und Widerhaken in ihre Musik ein.  Besonders gut gelingt dieses Kunststück bei dem energiegeladenen "Machine", dessen Intro so klingt, als würde Santa Claus einen Unfall mit seinem Rentierschlitten bauen: "I live in the future/In my pre-war apartment." Und live klopft sie sowieso weiterhin mit Drumsticks auf Stühlen oder ahmt Delfingeräusche täuschend echt nach.

    Doch auch Pop-Blockbuster wie "Blue Lips" oder das fast schon schwermütige "Eet" wirken nicht gekünstelt, was auch durch die Texte gelingt: "It's like forgetting the words to your favorite song/You can't believe it/You were always singing along", singt sie auf "Eet". "Far" versammelt sehr unterschiedliche Songs, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. So haben es zum Beispiel das verspielte "Dance Anthem of the 80ties", in dem sie mit hebräischen Melodien spielt, oder das verträumte "Genius Next Door", die schon seit Jahren in ihrem Liveprogramm gute Dienste geleistet haben, endlich auf ein Album geschafft.

    Eine Höhepunkt ist das fast schon phlegmatische "Laughing with God", auf dem sie die Beziehung der Menschen zu Gott reflektiert: "No one laughs at God in a hospital/No one laughs at God in a war/No one's laughing at God when they've lost all they've got/ And they don't know what for", singt Spektor auf einem sparsam reduzierten Klangteppich aus Klavier, Schlagzeug und Cello.

    Spektor, der Internetvirus

    Jedoch nicht nur die Songs setzen sich wie ein Virus im System fest und gehen den HörerInnen nicht mehr aus dem Kopf. Für "Eet", "Laughing with God" und "Dance Anthem of the 80ties" hat die Musikerin so genannte viral videos auf ihrer Myspace-Seite veröffentlicht. Viral Videos werden extra für das Internet produziert und von den Fans auf Seiten wie youtube, myspace oder per E-Mail verbreitet. Besonders auf facebook wurden diese Videos im Vorfeld der Albumveröffentlichung munter gepostet und sorgten für einen Hype.

    Regina Spektors Musik klingt vielleicht auch deshalb so authentisch, da sich ihre Karriere langsam entwickelt hat. Als sie neun Jahre alt war, emigrierte sie mit ihren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion nach New York. Sie besuchte eine Musikschule und ein Konservatorium, wo sie Klavierspiel und Komposition studierte. Ihr erstes Album 11:11 hat die 29-Jährige bereits 2001 im Eigenvertrieb veröffentlicht. Danach tourte sie jahrelang durch kleine Clubs und machte sich einen Namen in der Anti-Folk-Szene. Es folgten die Alben "Songs" (2002) und "Soviet Kitsch" (2004), das bereits bei Siren Records erschien. (jus, derStandard.at, Juli 2009)

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    • Regina Spektor: "Far" (Warner 2009)
      coverfoto: warner

      Regina Spektor: "Far" (Warner 2009)

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