Zweifel an Einzeltäterversion im Fall Kampusch

12. Juli 2009, 18:51
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Leiter der Evaluierungskommission hält auch Erpressung des Opfers für möglich

Wien - Ludwig Adamovich, Leiter der Evaluierungskommission zum Fall Natascha Kampusch, meldet schwere Zweifel an der Einzeltäterversion an. In einem Interview in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins Profil meint der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofes: "Die objektive Wahrscheinlichkeit, dass das Ganze eine Aktion des Herrn Priklopil und sonst von niemandem war, ist, vorsichtig ausgedrückt, sehr, sehr gering."

Adamovich zur Frage, warum Kampusch "so zäh" an der Einzeltäterversion festhalte: "Erpressung könnte durchaus sein - im Zusammenhang mit irgendwelchem Material, das für sie unangenehm ist." Und dass Wolfgang Priklopil sein Opfer zufällig getroffen habe, glaubt der Kommissionsleiter ebenfalls nicht. "Der hat schon gewusst, wen er vor sich hat."

Kritik übte Adamovich an der Staatsanwaltschaft Wien. Diese habe sich "mehr oder weniger tot- gestellt ... man muss sich natürlich fragen, was da los ist."

Gerhard Jaros, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, fragt sich wiederum im Standard-Gespräch "was der Herr Präsident meint". Er kenne nur einen Zwischenbericht zum Thema Kinderpornografie im Umfeld Priklopils, in dem angeregt worden sei, die Vernehmungsprotokolle von Kampusch noch einmal zu durchforsten. Jaros: "Ich habe die größte Hochachtung vor dem Herrn Präsidenten - aber es kommt nie eine konkrete Idee, was wir tun könnten. Welchen Verdächtigen sollten wir befragen, welches Haus durchsuchen?"

Seitens Natascha Kampusch erklärte ein Vertrauter am Sonntag: "Sie würde sich wünschen, dass diese Gerüchte ein Ende nehmen, wenn dahinter keine stichhaltigen Beweise liegen." Sie forderte die Evaluierungskommission auf, vielmehr zu untersuchen, "wie es zu diesen Ermittlungspannen unmittelbar nach der Entführung gekommen ist". (APA, frei, DER STANDARD Printausgabe, 13.07.2009)

  • Ludwig Adamovich, Leiter der Evaluierungskommission  zum Fall Natascha Kampusch: "Eine möglichen Erpressung Kampuschs könnte sein, das ist aber spekulativ und konnte man bisher nicht beweisen."
    foto: der standard/cremer

    Ludwig Adamovich, Leiter der Evaluierungskommission zum Fall Natascha Kampusch: "Eine möglichen Erpressung Kampuschs könnte sein, das ist aber spekulativ und konnte man bisher nicht beweisen."

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