Schlechtwetter für linke Politik?

10. Juli 2009, 19:55

Über den Zusammenhang zwischen der Krise der kapitalistischen Ökonomie und dem Niedergang der politischen Linken - und wie vor diesem Hintergrund die jüngste Enzyklika des Papstes zu lesen wäre. - von Wolfgang Müller-Funk

Die Krise der Linken, der Sozialdemokratie wie der postsozialistischen und postkommunistischen Linken, ist wahrlich kein taufrisches Thema, geht doch deren allgemeine Desorientierung mindestens auf das Wendejahr 1989 zurück. Neu und erstaunlich ist viel eher, dass die gegenwärtige Krise des globalen Marktkapitalismus mitsamt seiner neoliberalen Orientierung der politischen Linken in Europa keine Flügel verleiht. Daran ändern medienwirksame Proteste wie jene beim G-8-Treffen wenig. Sie verdecken viel eher die Verlegenheit und den eklatanten Mangel an tragfähigen Alternativen.

Dabei ist die linke Kritik am Kapitalismus noch und wieder triftig, der Hinweis auf das wachsende soziale und ökonomische Ungleichgewicht im nationalen wie im internationalen Maßstab, der Einspruch gegen eine ökonomische Macht, die, anders als die politische, keiner Kontrolle unterliegt, die ökologische Kritik an Wachstumswahn und Umweltzerstörung, das philosophische Unbehagen an einer saudummen Glücksökonomie, der Verweis auf die Selbstzerstörungstendenzen des Marktes durch Finanzspekulation und Monopolbildung. Selbst die seit 1989 geläufige Formel vom unaufkündbaren Zusammenhang von Markt und Zivilgesellschaft, die im Hinblick auf die Unfreiheiten eines marktfeindlichen Staatssozialismus plausibel klingen mag, ist nur die halbe Wahrheit. Mag der Markt auch eine unabdingbare Bedingung der Möglichkeit einer freien Gesellschaft darstellen, so hat sich die kapitalistische Ökonomie stets prächtig mit Diktaturen vertragen. Es war, wie der Linzer Ökonom Walter Ötsch geschrieben hat, das Chile Pinochets, das Experimentierfeld neoliberalistischer Ökonomie im Stile Hayeks und Friedmans gewesen ist.

Rolle der Zivilgesellschaft

Wenn die Finanz- und Überproduktionskrise beinahe auf klassische Weise die von Marx diagnostizierte Krisenanfälligkeit kapitalistischer Ökonomie bestätigt, warum kann die Linke, wie die niederschmetternden Wahlergebnisse zeigen, daraus kein Kapital schlagen? Im Gegenteil: Die Linke wird mit und in der Krise schwächer. Demokratiepolitisch ist das keine gute Nachricht. Naheliegend der Verdacht, dass etwa die Erfolge der Sozialdemokratie im Jahrzehnt 1970/1980 auf bestimmten politischen Rahmenbedingungen und einem Schönwetter-Kapitalismus beruhten. Umverteilen ließ sich mit dem kommunistischen Drohgespenst im Rücken, wobei niemandem etwas weggenommen wurde und die Schwächeren von dem größeren Kuchen etwas abbekamen. Davon kann auf absehbare Zeit keine Rede sein. Schlechtwetter für linke Politik?

Die Hilflosigkeit hinter den Protesten gegen die kapitalistische Globalisierung ist mit Händen zu greifen, die Rückkehr zu überholten Konzepten, die sich, wenigstens im Rahmen der bestehenden wirtschaftlichen Ordnung, als untauglich erwiesen haben (Reichen- und andere Steuern, Neo-Etatismus, Schuldenpolitik, das Schielen auf nationale Lösungen) und an die nicht einmal mehr jene glauben, die sie eilfertig verkünden. Diese Art von Anti-Kapitalismus gerinnt zur reinen und unglaubwürdigen Rhetorik, die die rasante Talfahrt beschleunigt. Die radikale Rechte hat zwar keine politisch vernünftigen Alternativen, aber immerhin wirksame Feindbilder: die Fremden. Um diese tendenziell antidemokratische Rechte und ihre Führer zu schlagen, ist die Anbiederung an deren Leitbilder wenig hilfreich. Die Stärke der Linken bestand in der Energie, Gegenentwürfe in die Welt zu setzen. Eben diese aber sind Mangelware geworden. Und auch das erzeugt Angst.

Je länger die Krise anhält, desto mehr muss man sich nicht um den Fortbestand der kapitalistischen Ökonomie, wohl aber um die Zukunft einer sozial verfassten Zivilgesellschaft Sorge machen. Zweifelsohne steht keine Transformation der kapitalistischen Ökonomie auf der Tagesordnung, obwohl diese nicht das Ende der Geschichte zu sein braucht. Bescheidene Gegenentwürfe, kleine Erzählungen sind angesagt. Wenn man dem Markt z. B. einen sozialen oder ökologischen Rahmen geben will, dann müssen Politik und Gesellschaft die Macht besitzen, diese Rahmenbedingungen zu definieren und durchzusetzen. Aus einer solchen Perspektive lässt sich noch einmal die Frage stellen, ob eine Zivilgesellschaft, die den Markt als Mittel, nicht aber als Selbstzweck begreift, nicht die elementaren Infrastrukturen einer Gesellschaft, und dazu gehören Bildung, Gesundheit, Grundversorgung (Energie, Wasser, Kommunikation), aber eben auch das Geld entsprechend politisch kontrollieren muss. Die Vergesellschaftung des Bankenwesens darf zum Beispiel kein Tabu sein.

Linke Politik könnte sich fragen, wie man solidarisches Verhalten in einer Gesellschaft stärken und belohnen kann, anstatt ängstlich zwischen dem altem Etatismus der 1970er-Jahre und der neoliberalen Politik der 1990er-Jahre hin und her zu schwanken, die die Sozialdemokratie entgegen aller antikapitalistischen Rhetorik bis heute betreibt. Dass die mehr oder minder Privilegierten in dieser Gesellschaft, Piloten, Ärzte, Lehrer, heutzutage gewerkschaftlich effizienter organisiert sind als Industriearbeiter, gehört zu den bösen Treppenwitzen der Geschichte.

Frage der Ethik

Linke Politik könnte der Diskussion um die Grundversorgung Durchschlagskraft verleihen, all jene Impulse stärken, die, etwa im Bereich der Migrationspolitik, auf soziale Selbstorganisation abzielen. Selbst die Verschlankung der Bürokratie ließe sich als ein Mittel der Solidarität und der Stärkung der Zivilgesellschaft begreifen. Und wenn man schon ein soziales Zeichen setzen will, dann ist eine gestaffelte Solidaritätsabgabe angesichts der Krise allemal der nur der Rhetorik dienenden Reichensteuer vorzuziehen. Eine solche Abgabe lindert wenigstens die Belastungen der ungeborenen Menschen, die unsere Schulden einmal werden bezahlen müssen, und stärkt die Position des Souveräns, des Bürgers.

Aber auch hier könnte sich die frühere Diagnose des deutschen Philosophen Otto Kallscheuer als richtig erweisen, dass der Vatikan, zugegeben nur in diesen Fragen, links von Sozialdemokraten und Postkommunisten steht.

Die mehrfach überarbeitete Sozialenzyklika des Papstes werden auch ungläubige Geister lesen. Um glaubwürdig zu sein, bedarf Politik, gerade linke, einer politischen Ethik. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.7.2009)

Wolfgang Müller-Funk, Germanist und Kulturphilosoph, lehrt unter anderem an der Uni Wien.

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    Posting 1 bis 25 von 78
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    Jumper123
    02
    12.7.2009, 15:04
    nein, es gibt kein "schlechtwetter" für linke politik - das problem gestaltet sich anders:

    ein starker qualitätsverlust in der politischen arbeit - und zwar von seiten der wähler hat sich breitgemacht.

    war die politische sprache der 70-er und, mit abstrichen durch das erstarken haiders, der 80-er noch problemlösungsorientiert und mit inhalten verbunden, die vom wähler analysiert werden mussten um eine entscheidung in der wahlkabine zu treffen, so gewinnen nun pseudojugendliche "persönlichkeitspolitiker" 90 % der jungwähler durch diskoauftritte und freibier. der politische dilettantismus von fpö und bzö wird von den wählern nicht nur nicht erkannt, sondern als aufruf zur innerstaatlichen rebellion gegen die altbekannten feindbilder missverstanden. "wahltag ist zahltag"... und das seit jahrzehnten. hier zeigt sich rechte kompeten

    capcom
    02
    12.7.2009, 17:12

    sie sehen wieder nur das österreichische problem. den linken geht es aber überall ned gut.

    wir leben in einer werbegesellschaft. jeder will alles haben und dafür möglichst wenig zahlen. und kritisches denken, ob man dieses oder jenes braucht ist nicht nötig. weil es uns allen viel zu gut geht.

    Jeder hat ein Recht auf meine Meinung
     
    01
    12.7.2009, 14:32

    Gute Menschen interessieren sich nicht für Macht und Politik. Macht steht in widerspruch zur Liebe. Die Liebe ist die Politik der guten Menschen!

    mistvieh666
     
    11
    12.7.2009, 11:48
    feinde werden bekaempft, verraeter gehasst

    die linke beschaeftigt sich mit den rechten palaestinensischer terroristen, mit der angemessenen bekleidung von frauen in der u bahn werbung und mit der korrekten aussprache des wortes "auslaender".
    einfach standard postings abzaehlen. waere hier in der ueberschrift das wort "auslaender" gefallen waere das forum totgepflastert mit 1000 postings. in wahrheit gibt es LINKS gar nicht mehr. und DAS treibt die leute zum strache als einzige scheinbare alternative zur derzeitigen ordnung.

    Jeder hat ein Recht auf meine Meinung
     
    01
    12.7.2009, 14:35

    Der Kapitalismus muss verlierer haben und Strache spricht genau diese Gruppe von Menschen an. Die Linken glauben an das gute in allen Menschen, daran können die verlierer des Kapitalismus verständlicherweise nicht mehr glauben, also wählen Sie rechts!

    capcom
    00
    12.7.2009, 17:19

    diejenigen die strache wählen sind einfach nur saudumm! und eines was ich in meinem leben gelernt habe - dass die wirklichen verlierer eines systems, die wirklich unter ärmlichen verhältnissen leben, meist sehr gscheid und zufrieden sind, als diejenigen, die sich alles leisten können, sich aber als verlierer des systems bezeichnen.

    ffg1
    01
    12.7.2009, 11:06
    Red Bull verleiht Flügel!

    Die Flügel aber bitte wieder zurückgeben - nicht stehlen (=umverteilen)!

    ma-cher
     
    10
    12.7.2009, 10:40
    Wie sollen einer sog. Linken von der Krise Flügel verliehen werden,

    wenn die Programme der Parteien wo weit in die Mitte oder nach rechts gerückt sind, dass kein Unterschied erkennbar ist?

    Die Aufteilung nach Links und Rechts ist eine scheinbare und wird aufrecht erhalten, um eine Gegnerschaft vorzutäuschen. Teilen und herrschen.

    Jeder hat ein Recht auf meine Meinung
     
    00
    12.7.2009, 14:36

    Jeder Mensch der nach Macht strebt tut etwas Böses!

    Drexau
    03
    12.7.2009, 09:41
    eben die falsche seite

    fakt ist, dass sich die politik mittlerweile auf die verwaltungsaufgaben beschränkt. die zeiten, in denen die politik arbeitsplätze schaffen konnte, weil sie über eigene industrielle komplexe verfügte, sind vorbei.

    die großen geldinteressen haben sich ihr system schon lange geschaffen.

    es gibt kein arbeitsrecht, dass nicht ausgehebelt werden kann; kein steuergesetz, dass nicht umgangen werden kann und keinen politiker, der nicht gekauft werden kann.

    badlwand
    01
    12.7.2009, 07:03
    ich sag nur "bürgergeld"

    mal in einem kleinen land ausprobieren.

    sprung
     
    00
    12.7.2009, 03:11
    wartet's nur

    !

    ?

    Der Ruhestifter
     
    12
    12.7.2009, 01:54
    Linke politik ist klug oder lächerlich

    Im moment ist sie lächerlich: jene, welche sich für links halten, verwechseln reichtum und hohes einkommen, während die gesellschaftlichen unterschiede längst von ererbtem status dominiert sind - und versuchen, ein bündnis mit den am wenigsten fortschrittlichen teilen des bürgertums zu bilden. Sie faseln von nationalen binnenmärkten, die nicht weniger lächerlich sind, als ein tiroler oder steirischer binnenmarkt es wäre. Sie versuchen, analytische schwächen unter christlich-sozialem solidaritätsgeschwätz zu verdecken...

    Das tragische daran: die idiotie der 'linken' führt nicht nur zu deren schwäche, sondern auch zur stärke der extremen rechten.

    her wig
    12
    11.7.2009, 21:13

    Die Wetterlage wäre schon günstig, nur macht keiner mehr linke Politik. Man muss verstehen dass alle, die eine aktienbasierte Privatpension haben, von einem vermeintlichen Bonussystem leben, uvm., garnicht mehr richtig links denken können. Da ist es dann schon leichter, gegen jene vorzugehen die scheinbar den eigenen Wohlstand gefährden.

    Kapitalismus Luege
    02
    11.7.2009, 20:31
    Der kapitalistische Staat agiert durchaus "links", wenn es sich um Groß-Unternehmer handelt


    Erstickt dieser nämlich in seiner Zinsknechtschaft, dann fängt ihn der "Staat" mütterlich-sozial auf (der Investor darf doch nicht verärgert werden); derselbe "Staat" der den Kleinunternehmer 7 Jahre Zwangsarbeiten schickt, wenn er sein Pflichtversicherung nicht mehr bezahlen kann.

    Zum "Kleinen" verhält sich der kapitalistische Staat also diametral anders.

    Ein Brandredner genügt um die 60% der Bevölkerung die faktisch nichts besitzen zu einigen.

    - Und wenn der nicht von links kommt, dann eben schmutzig braun vom Gatsch-spielen. ehh - Gotscha spielen




    Agnostiker1
    02
    12.7.2009, 10:17
    Ich finde Ihre Plattheiten, Stehsätze und dummen Phrasen...

    für öde und realitötsfern. Ich bin überzeugt, dass Sie Ihren eigenen Schmarrn überhaupt nicht verstehen. Gott sei Dank, haben solche wie Sie auf dieser Welt nichts zu sagen. Träumen Sie weiter.

    Kapitalismus Luege
    00
    20.7.2009, 07:37

    Ich habe ein konkretes Beispiel der Schieflage aufgezeigt und das enorme Gefahrenpotential - ähnlich dem Ende der Weimarer Republik.

    Mit einem Stehsatz haben jedoch Sie geantwortet, nämlich dass alle die ihr Weltbild nicht teilten keine Ahnung hätten, Gott sei Dank nichts zu sagen hätten und Träumer seien.

    Chris Quast
    00
    11.7.2009, 20:51

    naja wenn man die ansprüche entsprechend hoch ansätz haben auch 99% praktich nichts.

    alle nicht mio in ö zb.

    in einer überfressenen wohlstandsgesellschaft habens halt die linken nicht leicht.

    und ein paar andere die brandredner ködern können findet man immer, sinds die reichen, die ausländer, die brüssler bürokraten.

    so gesehen sind die extremen linken etwas weniger ungustiös die suchen sich halt nicht die schächsten aus um damit auf stimmenfang zu gehen. (da sind es halt die reichen, auch brüssel, die konzerne, die ausländer wirklich die im ausland (amerika, israel und andere böse weltmächte)).

    aber vernünftige politik habens m.W.n in Ö noch in gemacht.

    Kapitalismus Luege
    00
    20.7.2009, 07:58
    @ vernünftige Politik

    die Linken in OE heißen halt noch Kommunisten,

    die will/wählt aber keiner, weil man halt nicht weiß, ob da nicht am Ende ein freundlich-lächelnder Stalin aus dem Panzer winkt.

    Friedel Marksteiner
     
    03
    11.7.2009, 17:32
    Es fehlen überzeugende Modelle

    Sozialdemokraten sind nach wie vor (zu) stark an den Vorstellungen der Wirtschaft orientiert und haben Angst - zumal in Deutschland - in die kommunistische Ecke gestellt zu werden.
    Solidarität war immer vor allem Solidarität in der Bemühung um den sozialen Aufstieg. Nachdem die Aufstiegsszenarien abhanden kommen, fehlt die Zugkraft für die Menschen. Unbedingte Solidarität - mit der gesamten Natur, allen Mitmenschen - das wäre was! Sie ist auch dringend nötig, weltweit, um unsere Lebenswelt zu erhalten - also in unserem eigenen Interesse!

    ariel seligman
    00
    12.7.2009, 17:24

    ich will aber nur bis zu einem punkt solidarisch sein. was soll in ihrer utopie mit personen wie mir geschehen ? sollen sie aus der gemeinschaft ausgeschlossen werden ? zur totalen solidarität gezwungen werden ?

    im rahmen der durch die erklärung der menschenrechte festgelegten möglichkeiten schaffen sie es nie ihre utopie der gesellschaft aufzuzwängen, da der mensch nicht bedingungslos solidarisch sein kann und auch nicht will.

    Agnostiker1
    00
    12.7.2009, 10:18
    Amen!

    Nichtschweiger
     
    00
    12.7.2009, 09:54
    War das schon das "Wort zum Sonntag"?

    N. N.
    00
    11.7.2009, 16:37
    "... all jene Impulse stärken, die, etwa im Bereich der Migrationspolitik, auf soziale Selbstorganisation abzielen"

    Und was heisst das jetzt konkret?

    ricki-ticki-tack
    35
    11.7.2009, 14:28
    Der Herr Funk hat nur übersehen ..

    dass die Sozialdemokraten keine LINKE sind, sondern Schatten des Grosskapitals!

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    Posting 1 bis 25 von 78
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