Martin Fritz: Freiraum für höfische Quadrillen?

10. Juli 2009, 18:47
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Kunsthalle vs. Mumok: Der Infight um die Hausordnung in der Museumslandschaft, von außen gesehen

Die Möglichkeit einer nicht unwichtigen räumlich-strukturellen Rochade geistert durch Wiens Kulturlandschaft, und in der Öffentlichkeit entsteht wieder der vertraute Eindruck von Kulturpolitik als letztem Reservat eines vorpolitischen Feudalsystems mit seinen geheimen Kabinettsachen und den damit verbundenen Ränkespielen mächtiger, weißer (weiser?) Männer unter der Regentschaft ihrer jeweiligen Majestäten. Zurückgekehrt von huldvoll gewährter Audienz berichtet zuerst der Mumok-Chef in unfreiwilliger "Wir sind Kaiser" -tauglicher Diktion: "Nachdem ich Ministerin Claudia Schmied meine verschiedenen Pläne vorgetragen hatte, entschloss sie, dass die Räumlichkeiten der angrenzenden Wiener Kunsthalle vom Mumok übernommen werden und die Kunsthalle eine neue Unterkunft bekommt." (Köb im profil). Flapsige Sager in prompt dagegen platzierten Direktoreninterviews folgen: "Sommerente, wie schon im vergangenen Jahr, die nicht dadurch besser wird, dass sie nun neuerlich daher watschelt" (Matt zur APA). Landesfürsten sekundieren: "Mumok-Chef Edelbert Köb spielt die Platte jeden Sommer" (Mailath-Pokornys Specherin zur APA), und flugs wird aus einer zu diskutierenden Idee die übliche Diskurspersiflage, die auf Köpfe reduziert, wo eigentlich Inhalte, Pläne, Konzepte, Zahlen und Strukturen im Vordergrund stehen sollten.

Remis in der ersten Runde

Bevor die aufmerksame Öffentlichkeit für eine in dieser Form fundierte Debatte in den Ring steigen könnte, droht ihre Beendigung durch ein Unentschieden in der ersten Runde im (Vorarlberger) Direktorenmatch: "Matt macht Köb einen Strich durch die Rechnung" (der Standard). Dass zuvor von "Köbs Platzproblemen" und "Matts Ausstellungsraum" (die Presse) gesprochen wird, fällt in der Individualisierung des kulturpolitischen Themas bereits gar nicht mehr auf. Möglicherweise sollte einmal darüber gesprochen werden, dass die Privatisierung öffentlichen Raums (zuletzt beklagt von Gerald Matt im "Kommentar der anderen" vom 4. Juli) bei jenen öffentlichen Institutionen beginnt, die - durch Langzeitleitungen geprägt - keine Formen für fach- und zivilgesellschaftliche Teilhabe entwickeln.

Es spricht einiges für die Rochade, da sie das Potenzial hätte, zumindest eine Teillösung von drei institutionellen Problemlagen (die Raumnot von sowohl Kunsthalle als auch Mumok und die Finanzierungsprobleme des Künstlerhauses) darzustellen. Farblos und blass jedoch, wer da nach Konzeptpapieren, Plänen und Alternativszenarien fragt, und häretisch, wer meint, dass diese ja auch öffentlich sein könnten. So kann z. B. die Frage nach dem weiteren Schicksal des Vereins Künstlerhaus seriös nur in Verbindung mit architektonischen und strukturellen Planungen beantwortet werden, wenn einerseits Klarheit über Ausbauoptionen und Raumverteilungen hergestellt, und andererseits Überlegungen zur finanziellen Gestaltung der "Übernahme" bekannt wären.

Diese Planungen müssten überdies einem Vergleichs- und Bewertungsprozess mit anderen Expansions- oder Veränderungsszenarien unterzogen werden. So wäre es nach Meinung des Verfassers gut investiertes Geld, mehrere architektonisch-planerische Studien für zukünftige räumliche Erweiterungen des Museumsquartiers ("15.000 m2 mehr für die Moderne" ) in Auftrag zu geben, oder darüber nachzudenken, die Bestände zeitgenössischer Kunst des Mak in die dafür kuratorisch und konzeptuell besser geeigneten Hände des Mumok zu legen, was wiederum die derzeit ebenso personalisierte Debatte über den Flakturm im Arenbergpark beeinflussen müsste.

Das zarte Pflänzchen museumspolitischer Versachlichung, das sich das BMUKK in Form der "Museumspolitischen Initiative" geleistet hat, wurde nicht weitergepflegt. Die im Zusammenhang dieser Debatten angeregte Verstetigung und Professionalisierung des Fachdiskurses durch Qualifizierung, Weiterentwicklung und Einbeziehung der dafür zuständigen Instanzen und Leitungsgremien (Sektion, Museumskuratorien, Beiräte, Fachöffentlichkeit) wurde zu Gunsten der Personality-Shows in Rathäusern. Ministerien und Direktorenbüros nicht weiterverfolgt. Trotz einer atmosphärischen Teilberuhigung wurde das kulturpolitische System nicht weiterentwickelt.

Gerade im Bereich der Museumspolitik stellt es sich weiterhin als höfische Quadrille dar, an der nur mehr der Inner-Circle von Politikern, Spitzenkräften und Medien seine kindische Freude hat, während auf den Rängen der Unmut steigt. (Martin Fritz, DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.07.2009)

Martin Fritz ist Kurator und Leiter des Festivals der Regionen und war 2008 gemeinsam mit Dieter Bogner und Sabine Breitwieser Moderator der "Museumspolitischen Initiative" des BMUKK.

  • Martin Fritz: Personality-Shows statt Kulturpolitik.
    foto: der standard

    Martin Fritz: Personality-Shows statt Kulturpolitik.

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